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20 Jahre Hörspiel des Jahres

Seit nunmehr dreißig Jahren findet ein Mal im Monat in einer jährlich wechselnden deutschen Großstadt ein konspiratives Treffen statt: Drei Leute - jedes Jahr drei andere - bepackt mit Aktentaschen voller CDs streben in einem Café einer unbeobachteten Ecke zu oder lassen sich in einer Privatwohnung auf dem Sofa nieder. Sie haben in den vergangenen vier Wochen sämtliche Hörspiel-Neuproduktionen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten angehört und werden nun in mal mehr mal weniger ausführlicher Diskussion das Hörspiel des Monats küren.

Von Frank Olbert |
    Seit zwanzig Jahren treffen sie sich zudem am Jahresende noch ein weiteres Mal wieder und wählen aus den zwölf Hörspielen des Monats das Hörspiel des Jahres aus. Beauftragt zu dieser hörintensiven Tätigkeit werden die Kritiker und Hörspielexperten von der Akademie der Darstellenden Künste, namentlich von Akademiemitglied Christoph Buggert, ehemals Hörspielchef des Hessischen Rundfunks.
    Frank Olbert: Herr Buggert, wie ist es zu der Idee gekommen, ein Hörspiel des Monats zu küren?
    Christoph Buggert: Das war die Idee eines der großen Männer des bundesdeutschen Radios, das war Ulrich Lauterbach. Er war von Anfang der Fünfziger Jahre bis Mitte der Siebziger Jahre Hörspielchef in Frankfurt am Main. Er war in den letzten Kriegsjahren wegen seiner jüdischen Abstammung in ein Konzentrationslager verschleppt worden und hat sich, als er dann befreit wurde, zur Aufgabe gemacht, etwas für das große Werk der "reeducation" zu tun. Er wollte bei der Redemokratisierung eines Landes mitwirken, das zwölf Jahre unter dem faschistischen Terror gelitten hatte.

    Er war nach dem Krieg zunächst am Theater. Das Leitmedium dieser Zeit war aber das Radio und er entschied sich sehr bewusst dafür, zum Rundfunk zu wechseln. Das Radio hatte das große Publikum. In einem Land, in dem es kaum noch Bibliotheken und Museen gab, war es erreichbar für Millionen.

    Er hat dann im Verlauf seiner Arbeit als Hörspielmann sehr schmerzlich erlebt, wie der zunächst ganz kleine Bruder Fernsehen über das Radio hinauswuchs und ihm das Publikum wegnahm. Aus dem Millionenpublikum, die das Hörspiel in den Fünfziger und Sechziger Jahren hatte, wurde ein immer kleineres Publikum und auch die Presseresonanz nahm rapide ab.

    Als Lauterbach 1976 in den Ruhestand ging, wollte er etwas tun, um dem Hörspiel wieder zu mehr publizistischer Resonanz zu verhalfen. Er war damals aktiv in der Frankfurter Akademie der Darstellenden Künste und erfand die Institution "Hörspiel des Monats". Die Idee war, dass die Akademie jeweils für ein Jahr eine dreiköpfige Jury einberuft, die dann sämtliche Neuproduktionen anhört und aus ihnen das beste Hörspiel kürt. Diese Jury setzt sich aus Publizisten zusammen und kommt jedes Jahr aus dem Sendegebiet einer anderen ARD-Anstalt, sodass nach zehn Jahren dreißig Publizisten aus der ganzen Bundesrepublik angeregt worden waren, sich mit dem Hörspiel zu beschäftigen.
    Frank Olbert: Daraus wurde dann 1986 das "Hörspiel des Jahres", das auch mit einer öffentlichen Veranstaltung in Frankfurt verbunden ist. Dabei wird dann auch immer ein Resümee gezogen.
    Christoph Buggert: Ja, der Mittelpunkt der Veranstaltung ist die Vorführung des prämierten Hörspiels. Gleichzeitig gehört es aber nun auch schon zur Tradition dieser Verleihung, dass die Juroren anwesend sind und einen Rückblick auf das Jahr geben.
    Das Hörspiel des Jahres 2006 war "Enigma Emmy Göring" von Werner Fritsch. SWR 2 wiederholt es am Freitag, den 13. Juli um 22.03 Uhr.