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StartseiteCampus & KarrierePro und contra Reform 01.08.2018

20 Jahre neue RechtschreibungPro und contra Reform

Die Rechtschreibreform mit ihren vielen Varianten sorge immer noch für Verwirrung, kritisiert der frühere Deutschlehrer Friedrich Denk. Die Leiterin der Duden-Redaktion Kathrin Kunkel-Razum sieht das Problem an anderer Stelle: Rechtschreib- und Grammatikunterricht kämen in der Schule zu kurz.

Kathrin Kunkel-Razum und Friedrich Denk im Gespräch mit Michael Böddeker

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Ein Füller liegt auf einem Wörterbuch (Imago/blickwinkel (53404580))
Am 1. August 1998 trat die Rechtschreibreform in Kraft (Imago/blickwinkel (53404580))
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Michael Böddeker: An der Rechtschreibreform scheiden sich die Geister. Der große Protest hat zwar seit dem Start vor 20 Jahren deutlich nachgelassen, aber es gibt immer noch Kritik - und auch viel Unsicherheit, auch bei vermeintlich einfachen Fragen. Wie schreibt man denn zum Beispiel Mittwochabend? Wüssten Sie das ganz spontan? Wir haben uns mal auf der Straße umgehört.

"Ich würd's zusammenschreiben. Ob das immer noch so ist, weiß ich jetzt natürlich nicht."

"Getrennt. Mittwoch groß, Abend klein, weil es ist doch, Mittwoch ist der Tag, und dann bezeichnet es eine Tageszeit, die es an jedem Tag gibt."

"Ein Wort und groß."

"Kann ich nicht sagen warum, einfach vom Bauch aus."

"Getrennt. Intuition oder so. Ich hab jetzt keine Regel zu, die ich kenne."

Michael Böddeker: Also, viele unterschiedliche Schreibweisen wurden da vorgeschlagen, richtig ist übrigens aktuell "Mittwochabend", ein Wort groß geschrieben.

Über die Folgen der Rechtschreibreform, die vor 20 Jahren endgültig in Kraft getreten ist, sprechen wir jetzt mit zwei Menschen, die dazu unterschiedliche Ansichten haben. Auf der einen Seite Kathrin Kunkel-Razum, sie ist Leiterin der Duden-Redaktion und Mitglied im Deutschen Rechtschreibrat. Guten Tag!

Kathrin Kunkel-Razum Recht schönen guten Tag aus Berlin!

Böddeker: Und auf der anderen Seite Friedrich Denk, Studiendirektor im Ruhestand. Er hat früher als Deutschlehrer an einem Gymnasium in Bayern unterrichtet und ist einer der bekanntesten Kritiker der Rechtschreibreform. Schönen guten Tag, Herr Denk!

Friedrich Denk: Guten Tag, Herr Böddeker!

"Rechtschreibreform ist eigentlich kein Thema mehr"

Böddeker: Zunächst die Frage an Sie, Frau Kunkel-Razum: Wie beurteilen Sie die Rechtschreibreform im Rückblick?

Kunkel-Razum Ja, die Rechtschreibreform hatte für sehr, sehr viel Aufregung gesorgt, für große Diskussionen. Wir sind, denke ich, alle froh, dass sich genau diese Diskussionen etwas gelegt haben, dass man sich auf andere Dinge im Bereich Rechtschreibung konzentrieren kann. Ich denke, das Thema Rechtschreibreform ist eigentlich 20 Jahre nach ihrem offiziellen Start kein Thema mehr.

"Variantenschreibungen sorgen für Verwirrung"

Böddeker: Herr Denk, Sie sind da anderer Meinung, was ist Ihr Hauptkritikpunkt?

Denk: Die Rechtschreibreform ist leider Gottes noch nicht vom Tisch, weil sie ständig weiterwirkt in den Verwirrungen eben in den Rechtschreibwörterbüchern. Zum Beispiel im Duden gibt es schätzungsweise tausend Variantenschreibungen, die entstanden sind durch die Rechtschreibreform, die im Jahr 1996 völlig unsinnige Regeln hervorgebracht hat, die dann im Jahr 2000 und 2004 oder 2006 noch mal revidiert worden sind, aber nicht komplett revidiert, sondern so, dass man mehrere Varianten hat. Man kann also "weitergehen" schreiben getrennt oder zusammen, "schwerbehindert" zusammen oder getrennt, "leichtfallen" zusammen oder getrennt. Das sind Dinge, die bleiben und die zur Verwirrung führen, die bis heute noch anhält und auch weiter anhalten wird.

Böddeker: Frau Kunkel-Razum, können Sie mit der Kritik was anfangen?

Kunkel-Razum Ja, selbstverständlich. Das ist ein Aspekt der Rechtschreibreform, den ich persönlich und auch als Leiterin der Duden-Redaktion jetzt tatsächlich auch nicht so gelungen finde, und zwar deshalb nicht, weil wir zum Beispiel über die telefonische Sprachberatung, die wir anbieten, sehr genau merken, dass die Schreibenden hier lieber eine Eindeutigkeit hätten, also eigentlich gar nicht wählen wollen. Aber insgesamt denke ich, das wir heute in Bezug aufs Schreiben insgesamt vor ganz anderen Herausforderungen stehen. Und wir sollten nicht vergessen, die Rechtschreibreform ist jetzt 20 Jahre alt, das heißt, es sind viele, viele Schülerinnen und Schüler einfach nur mit neuer Rechtschreibung groß geworden und das sollten wir im Blick haben. Und für die ist das unter diesem Aspekt einfach auch überhaupt kein Thema mehr. Von daher finde ich etwas anstrengend, jedes Mal das Thema wieder hochzubringen.

"Nur ein Bruchteil der Wörter betroffen"

Denk: Ja, andererseits muss man auch sagen, dass die Rechtschreibreform im Grunde genommen kaum was geändert hat. Sie haben doch ein Buch rausgebracht, warum es nicht egal ist, wie wir schreiben.

Kunkel-Razum Ja, das stimmt.

Denk: Das Buch hat etwa 10.000 Wörter und unter diesen 10.000 Wörtern gibt es eins von etwa 50, also 190, die von der "ss"-Regel betroffen sind, die aber die Sache nicht einfacher gemacht haben, ob ich "dass" mit vier Buchstaben schreibe oder mit drei Buchstaben, ändert nichts an dem Problem, wie ich das schreiben soll.

Kunkel-Razum Genau, ja, da sind wir uns einig.

Denk: Aber es gibt außerdem 14 Wörter, die nicht die "ss"-Regel betreffen, sondern andere Dinge betreffen. Das heißt, die neue Schreibung, die sogenannte neue Schreibung, ist im Grunde genommen fast identisch mit der alten Schreibung, mit der klassischen Schreibung, aber man weiß nicht ganz genau, wo sich was ändert, das ist das Problem. Es gibt eine Verwirrung im ganz Kleinen, man weiß nicht, wo sich was ändert, man ist verunsichert, und das kostet erstens Zeit und zweitens Geld, denn Zeit ist Geld. Und diese Verwirrung hält weiter an und wird auch in der nächsten Zeit leider Gottes nicht abnehmen.

Kunkel-Razum Ja, also die Zahlen stimmen sicher mehr oder weniger, also das wissen wir ja, dass wirklich nur ein Bruchteil der Wörter tatsächlich von der Rechtschreibreform betroffen ist. Sie haben natürlich völlig recht, Herr Denk, an dem Punkt muss ich nach wie vor entscheiden, wie ich es früher auch musste, meine ich denn jetzt das "dass", früher mit ß, jetzt mit Doppel-s, oder das "das" mit dem einen s eben nur. Und das ist natürlich eine grammatische Frage, und damit kommen wir eigentlich für mich zum Kern des Ganzen, dass hier sehr, sehr, sehr viele Dinge zusammenspielen und nicht nur diese veränderten Schreibungen. Ich muss hier eben eine Satzanalyse im Prinzip machen können, und wenn genau dieses grammatische Wissen eben nicht mehr gelehrt wird in der Schule, dann kann ich diese Entscheidung nicht treffen. Und das ist für mich eben heute - wie gesagt heute, nicht vor 20 Jahren, aber heute - sehr viel stärker der Knackpunkt in unserer Diskussion, also welcher Schulunterricht findet statt, welches Gewicht wird Rechtschreib- und Grammatikunterricht zugemessen. Wenn wir alleine an das ganze Thema Zeichensetzung, und da meinen wir ja meistens Kommasetzung, denken, dann ist das genau dieses Gebiet, das inzwischen ermittelt wird als eines, das die meisten Probleme mit bereitet, und dann steht eben unsere Forderung im Raum, Rechtschreib- und Grammatikunterricht wieder zu stärken.

Böddeker: Also Sie beide sagen, die Rechtschreibreform hat sich gar nicht so stark auf die komplette Sprache ausgewirkt, es ist ein Bruchteil der Worte, die betroffen sind. Allerdings, das mit den Varianten stimmt ja, heute sind verschiedene Schreibweisen erlaubt, da hat Herr Denk ja recht. Das kann einem gefallen oder auch nicht, aber man könnte doch auch die Varianten wieder zurückfahren und dann nur eine Variante erlauben. Wären das vielleicht Schritte für die Zukunft?

Kunkel-Razum Da bin ich ein wenig unsicher, denn alle Kommentatoren, die ich heute früh schon gelesen habe zum heutigen 20. Jahrestag, sind sich ja einig, dass es demnächst nicht wieder eine größere Rechtschreibreform geben wird.

Böddeker: Man könnte es auch noch ganz anders sehen und fragen: Ist es denn heute überhaupt noch wichtig, auf Rechtschreibung und Grammatik zu achten? Auch dazu hören wir mal eine kleine Umfrage.

"Rechtschreibung ist eigentlich wichtig, um in der Gesellschaft intelligent zu wirken, aber unter Freunden finde ich's auf jeden Fall gar nicht wichtig. Ich finde, man muss da auch nicht unbedingt drauf achten. Oder wenn man extra Fehler macht, finde ich das auch eigentlich immer ganz lustig."

"Es ist wichtig, darauf zu achten, damit man sich besser versteht. Also wie schnell kann ein Satz falsch verstanden werden, weil beispielsweise nur ein Komma fehlt oder so was."

"Weil es ja so vorgegeben ist, dann sollte man das auch beachten. Aber trotzdem haben wir in Deutschland zu viel Regeln, sag ich mal, in Richtung Rechtschreibung."

"Man muss auch irgendwo die deutsche Sprache bewahren, und ich finde es auch wichtig, das den Kindern beizubringen."

"Ich halte Rechtschreibung schon für sehr wichtig, weil mir das natürlich immer einen Eindruck von meinem Gegenüber bringt, ob er jetzt, sagen wir mal, gebildet ist oder nicht, vor allen Dingen, ob er mir Wertschätzung gibt, indem er drauf achtet, wie er jetzt richtig schreibt oder halt eben nicht richtig schreibt."

"Und wenn ich das schludern lasse, zeige ich ja, du bist mir eigentlich egal."

"Eine Frage des Respekts"

Böddeker: Also, die allermeisten in unserer kleinen Umfrage sind schon der Ansicht, dass es wichtig ist, auf die Rechtschreibung zu achten. Ganz interessant fand ich den letzten Punkt, das mit der Wertschätzung. Ist das vielleicht auch ein Grund, warum das immer so ein kontroverses Thema ist, warum es in vielen Diskussionen auch gerade im Netz so zur Sache geht, wenn's um die Rechtschreibung geht, dass sich Menschen zurückgesetzt fühlen, wenn sie entweder Texte mit Fehlern bekommen oder wenn sie jemand anders auf ihre Fehler hinweist?

Kunkel-Razum Ja, das kann ich mir schon sehr gut vorstellen, das ist ein Aspekt, den ich selber auch sehr oft thematisiere. Ich finde es auch eine Frage des Respekts der Person gegenüber, die Texte von mir erhält. Das hat sowohl einen ökonomischen Aspekt - Herr Denk hat ja Ökonomie schon mal angesprochen -, und ich finde, einheitliche Rechtschreibung, wie auch immer die jetzt aussieht, aber eine, auf die wir uns verständigt haben sozusagen, ist tatsächlich auch ein wichtiger ökonomischer Faktor. Denken Sie einfach dran, wenn Sie eine WhatsApp oder eine E-Mail bekommen, die in einer fatalen, sag ich mal, Rechtschreibung geschrieben ist, wie lange Sie tatsächlich brauchen, um den Text überhaupt erst mal richtig zu verstehen.

Also es ist eine Frage der Zeitökonomie und - das sehe ich tatsächlich auch so - eine Frage des Respekts der Person gegenüber. Für den Schreibenden ist es natürlich auch wichtig, diese Regeln zu haben, aber mir kommt genau dieser Aspekt des Gegenübers in vielen Diskussionen über Rechtschreibung häufig zu kurz. Und dass es sich um einen kulturellen Wert handelt, ist sowieso klar.

"Man lernt die Schreibung am besten, wenn man Bücher oder Zeitung liest"

Böddeker: Herr Denk, konnten Sie sich da auch eben wiederfinden in den Antworten, die wir da gehört haben, oder was ist für Sie so der wichtigste Grund, darauf zu achten, richtig zu schreiben?

Denk: Bin ganz d'accord mit dem Interview und mit Frau Kunkel-Razum, das Lesen ist wohl das Wichtigste. Und das ist heute leider Gottes auf dem Rückzug begriffen, weil die jungen Leute zu wenig Zeit haben, um Bücher zu lesen und Texte und Zeitungen zu lesen, wo man doch am besten lernt, wie man etwas schreibt. Jetzt muss man dann Kurse machen, wie Professor Gallmann sagt, der auch in dem Buch mitwirkt, das Frau Kunkel-Razum rausgegeben hat. Der sagt, es sei wichtig, dann den Studenten das Schreiben beizubringen, er bietet Kurse an in Rechtschreibung. Das finde ich sehr schade, dass das notwendig ist für junge Leute, die Germanistik studieren, dass die die Rechtschreibung noch lernen müssen. Das sollten sie eigentlich vorher können, weil sie genügend gelesen haben, denn man lernt ja die Schreibung am besten, wenn man Bücher liest oder Zeitung liest.

Kunkel-Razum Da stimme ich Ihnen natürlich zu, Herr Denk, genau da sehe ich aber tatsächlich auch ein Problem, ja. Wenn wir uns mal angucken, wie Zeitungen - es geht jetzt hier überhaupt nicht um Schelte, wir wissen ja alle, warum das so ist -, also Zeitungen oder eben auch die Webseiten zum Beispiel auch von Zeitungen oder eben von Rundfunksendern und, und, und, also auch verschiedenste Anbieter anschaut, dann sieht man eben, dass auch dort nicht mehr fehlerfrei geschrieben wird. Und das ist natürlich häufig auch der mangelnden Zeit, der Einsparung an Korrektoren und so weiter geschuldet. Und das finde ich zum Beispiel einen Aspekt, wo wir alle gefordert sind und eben auch genau solche Einrichtungen sich da ihrer Verantwortung auch für eine korrekte Sprache, das korrekte Schreiben wieder etwas bewusster zu werden. Da würde ich schon gerne dran appellieren auch.

Böddeker: Also Herr Denk, Frau Kunkel-Razum, ich fass mal zusammen: Sie sind sich beide einig: Auf die Rechtschreibung zu achten, ist wichtig, aber zur Rechtschreibreform und was sie gebracht hat, sind Sie doch unterschiedlicher Ansicht. Vor 20 Jahren ist die Rechtschreibreform endgültig in Kraft getreten und über die Folgen haben wir gesprochen mit Kathrin Kunkel-Razum, Leiterin der Duden-Redaktion und Mitglied im Deutschen Rechtschreibrat, und Friedrich Denk, einem der bekanntesten Kritiker der Rechtschreibreform. Ich danke Ihnen beiden für die Diskussion!

Kunkel-Razum Ganz herzlichen Dank und auf Wiederhören!

Denk: Dankeschön, auf Wiederhören, vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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