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StartseiteCorsoWarum es noch Fanzines gibt12.02.2020

200. Punk-Magazin "Trust"Warum es noch Fanzines gibt

Obwohl es längst Blogs und Onlinemagazine gibt, ist gerade die 200. Ausgabe des Punk- und Hardcore-Fanzines "Trust" erschienen. "Ein Heft hat einfach immer einen Anfang und ein Ende, während das Internet endlos ist", sagte Herausgeber Dolf Hermannstädter im Dlf.

Dolf Hermannstädter im Corsogespräch mit Ina Plodroch

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(fanzine trust)
Cover der 200. Ausgabe des Fanzines „Trust“. (Fanzine Trust) (fanzine trust)
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Es gibt noch die klassischen Fanzines, die nur von Fans gemacht werden und nicht von großen Verlagen. "Trust" heißt eines der ältesten davon in Deutschland: Die erste Ausgabe ist 1986 erschienen - damals noch in Augsburg, mittlerweile wird das Magazin in Bremen gemacht. Gerade ist die 200. Ausgabe erschienen, immer noch in schwarz-weiß und immer noch viel zu eng gedruckt. Dolf Hermannstädter ist von Anfang an dabei und sprach zum Jubiläum in Corso. 

"Menschen brauchen immer einen Anfang und ein Ende"

Heute fühle es sich anders an als in den Anfängen in den 1980ern, sagte Hermannstädter im Dlf, "weil heute alles von meiner Seite aus am Computer gemacht wird. Wenn früher so ein Heft eben auch viel mit 'analog' zu tun hatte." Also mit Schere, mit Klebstoff, mit Fotos und mit Layout-Kleben, erzählte Dolf Hermannstädter.

"Uns ist es wichtig, dass wir ein gedrucktes Heft haben, weil wir glauben, dass das Internet unendlich ist. Und wir glauben auch, dass Menschen immer einen Anfang und ein Ende brauchen." Im Internet fange man an zu lesen und könne theoretisch nie aufhören und sei nie fertig. "Beim Heft ist das anders. Wir kommen ja auch nur alle zwei Monate raus, weil das hilfreich ist für eine Entschleunigung." Gerade heute finden die Macher*innen es wichtig, nicht nur auf unterschiedliche Bildschirmgrößen zu schauen. "Ich glaube, dass das auf Dauer schlecht für die Menschen ist."

Wir haben noch länger mit Dolf Hermannstädter gesprochen - hören Sie hier die Langfassung des Corsogesprächs

Heute könne man auf sehr viele Arten Punk sein: Man könne wie Punks vor 40 Jahren rumlaufen. Oder man mache ein gedrucktes Heft in digitalen Zeiten. "Einen Blog kann jeder machen."

Die Punkszene bestehe heute aus vielen kleinen Szenen: Straight Edge, Hardcore, Politpunk. "Da gibt es mittlerweile so viele unterschiedliche Strömungen, die teilweise vermischt sind, teilweise auch strikt getrennt sind. Das heißt, die einen wollen mit den anderen überhaupt nichts zu tun haben oder geh niemals auf die entsprechenden Konzerte."

Als sie mit dem Heft angefangen haben 1986, seien sie mit der Punkszene in den Konflikt gegangen: "Die Punkszene orientierte sich sehr an Drogen, Alkohol. Und wir wollten da neuen Schwung reinbringen, nämlich positiv, nicht zwingend ohne Drogen und oder Alkohol, aber eben nicht das Hauptaugenmerk darauf legen." Plattenrezensionen sollen bei "Trust" ehrlich sein und lesen sich anders als in normalen Musikmagazinen:

"Ich weiß nicht, ob das folkrock ist und was folkrock genau ist. aber alles in allem weiß ich auch nicht was STeVen brad- LeY mit seiner musik genau möchte. Während ich mir diese frage stelle, bleiben einige Phrasen und Versatzstücke in meinem gehirn kleben."  

"Es gibt keine Vorgabe von ‚Trust‘ an die Rezensenten und Rezensentinnen, wie sie ihre Rezensionen zu schreiben haben." Daraus ergebe sich ein großes Potpourri von unterschiedlichen Rezensionen: professionell, emotional, flapsig, oberflächlich, tiefgehend, vielleicht sogar manchmal beleidigend bis zu eben leidenschaftlich-schwärmend.

Jedes Heft beginnt mit einer Kolumne von Dolf Hermannstädter. Mittlerweile schreibe er aber nicht mehr über die Musik, sondern über persönliche Sachen und gesellschaftliche und politische Entwicklungen, die ihn beschäftigen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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