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StartseiteKalenderblatt23.2.1904 - Vor 100 Jahren23.02.2004

23.2.1904 - Vor 100 Jahren

William Lawrence Shirer, Schriftsteller und Journalist, geboren

<em>Hello America! Hello CBS ! This is Berlin....</em>

Von Hartmut Goege

William L. Shirer mit seinem Buch "The Rise and Fall of the Third Reich" , März 1961 (AP)
William L. Shirer mit seinem Buch "The Rise and Fall of the Third Reich" , März 1961 (AP)

Mit diesen Worten begrüßte William Shirer ein Jahr lang seine amerikanischen Hörer aus dem Zentrum Nazi-Deutschlands. Und schrieb damit Rundfunkgeschichte. Seine täglichen Reportagen zwischen August 1939 und Oktober 1940 bestachen durch eine Mischung aus politischen und militärischen Nachrichten, Berichten der zensierten deutschen Presse, offiziellen Verlautbarungen und banalen Beobachtungen.

Ganz im Sinne deutscher Beflissenheit zeigte das Rationierungssystem erste Wirkungen. In jedem Laden musste man seine Bezugsscheine vorweisen für bestimmte Lebensmittel, Seife oder Schuhe. Die meisten Zeitungen loben die deutsche Frau für ihre Gelassenheit, wie sie die Rationierung hinnimmt und die Haltung, mit der sie seit Tagen die Männer zur Armee verabschiedet. Im Verlauf des Tages wurden viele Autos und Motorräder requiriert. Ich habe viele zivile Motorradfahrer gesehen, die angehalten wurden. Sie erhielten Armeearmbinden, und dann sah man sie für Kurierdienste durch die Straßen preschen.

In Deutschland wurde er vor allem 1961 durch sein Buch "Der Aufstieg und Fall des Dritten Reiches" bekannt, eine der ersten umfassenden Analysen Hitler-Deutschlands, Shirer stand das gesamte fast 500 Tonnen schwere von den Alliierten beschlagnahmte und bis dahin nicht zugängliche Dokumentarmaterial der deutschen Regierung zur Verfügung. In diesem noch heute anerkannten Standardwerk entlarvt er sowohl die deutsche Großindustrie als auch die Generalität als Mitverantwortliche. Mit seinen persönlichen Beobachtungen offenbarte er die ganze Ohnmacht der bürgerlichen Gesellschaft.

William Shirer wuchs in einer Kleinstadt in Iowa auf. Als junger Mann ging er 1925 nach Europa. Zunächst berichtete er für den Chicago Tribune vom europäischen Kontinent. Zwei Jahre später für eine US-Presseagentur als Korrespondent aus Berlin. Er kannte die lebendige Reichshauptstadt noch aus den 20er Jahren. Aber schon nach wenigen Tagen Aufenthalt notierte er:

Durchlebe ernsthafte Depressionen. Ich vermisse das alte Berlin der Weimarer Republik, die sorgenfreie, emanzipierte, zivilisierte Luft. Mich zermürben die dauernden Heil-Hitler-Rufe, das Zusammenklappen der Hacken und die Aufmärsche der SA-Braunhemden in den Straßen.

Seine Tagebucheintragungen zeigen Shirer als einen liberal geprägten amerikanischen Demokraten. Trotzdem versuchte er, unvoreingenommen die politischen Ziele Hitlers aufzuspüren. Der Konkurs seines Arbeitgebers machte Shirer 1937 arbeitslos. Und nur durch einen Zufall wurde ihm der Job eines Radiokorrespondenten für Mitteleuropa von der amerikanischen CBS angeboten. Sein Büro richtete er in Wien ein, der Heimatstadt seiner Frau Tess. Als die deutsche Wehrmacht am 12. März 1938 in Österreich einmaschierte, bot sich Shirer die Chance, noch am gleichen Tag nach London zu fliegen, um als erster amerikanischer Journalist tagesaktuell einen unzensierten Augenzeugenbericht über die dramatischen Vorgänge in Wien zu geben. Es war gleichsam die Geburtsstunde der Radio-Live-Konferenz-Schaltungen.

Angesichts der sich zuspitzenden Kriegsgefahr schickte ihn seine Rundfunkanstalt im August 1939 wieder nach Berlin. Genau an dem Tag, an dem der Hitler-Stalin-Pakt bekannt gegeben wurde. Mit Ausbruch des Krieges musste sich Shirer mehr und mehr der NS-Zensur beugen. Seine Kunst bestand aber lange Zeit darin, zwischen den Zeilen mit ironischen Untertönen zu berichten, Amerikanismen zu benutzen, die den deutschen Zensoren unverdächtig erschienen und mit Zitaten aus der gleichgeschalteten deutschen Presse die Goebbels-Propaganda zu entlarven. Erst im Oktober 1940 gab er auf:

Bis vor kurzem war ich trotz Zensur in der Lage, meinen Job der Berichterstattung aus Deutschland ordentlich zu machen. Die neuen Instruktionen der Zensoren lauten, dass sie mir nicht mehr gestatten dürfen, irgendetwas zu sagen, das einen unfreundlichen Eindruck von Nazideutschland erwecken könnte. Die Tätigkeit des Korrespondenten ist darauf reduziert, offizielle Kommuniques zu wiederholen, die aus lauter Lügen bestehen.

Als Shirer Anfang 1941 zurück in den USA war, gab er sein "Berliner Tagebuch, 1934 bis ´40, heraus, das mit der Kompetenz des Insiders ein treffendes Bild von der Bedrohung der demokratischen Werte durch den Nazismus zeichnete. Mit diesen Tagebüchern, die noch 1941 in den amerikanischen Bestseller-Listen auftauchten und den Kriegseintritt der USA in der Öffentlichkeit mit forcierten, wurde er berühmt. Shirer starb am 28. Dezember 1993.

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