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25 Jahre Sturm der Stasi-Zentrale"Wir haben das Treiben der Stasi beendet"

Der Sturm der Stasi-Zentrale vor 25 Jahren war für Roland Jahn, heute Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde, ein befreiendes Erlebnis. "Es war ein Ort des Schreckens", sagte Jahn im DLF. Den Demonstranten, zu denen Jahn gehörte, sei es außerdem zu verdanken, dass die Vernichtung der Akten gestoppt wurde.

Roland Jahn im Gespräch mit Friedbert Meurer | 15.01.2015

Roland Jahn, Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde
Für Roland Jahn war der Sturm der Stasi-Zentrale vor allem ein befreiendes Erlebnis. (imago stock&people / Viadata)
15.000 Säcke mit geschredderten Akten seien noch im Keller der Unterlagenbehörde, sagte deren Leiter Roland Jahn im Deutschlandfunk. Die Stasi habe keine Zeit mehr gehabt, diese Akten vollständig zu vernichten. Jetzt werden diese Teile von Hand zusammengesetzt. 1,5 Millionen Seiten seien schon wiederhergestellt worden , sagte Jahn. Die Demonstranten, die heute vor 25 Jahren die Zentrale des DDR-Geheimdienstes stürmten, hätten mit ihrer Aktion diese Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit erst möglich gemacht. Das sei ein großer Verdienst.
Für Jahn war der Sturm der Behörde ein beeindruckendes und vor allem befreiendes Erlebnis. Die Stasi stand in der DDR für Angst, Schrecken und Unterdrückung. "Die Wut der Menschen war riesengroß." Und wurde noch dadurch gesteigert, als man sah, in welchem Saus und Braus die Geheimdienstler lebten. Alles sei voll exquisiter Lebensmittel gewesen, von denen ein DDR-Bürger noch nicht einmal zu träumen wagte.
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Das Interview in voller Länge:
Friedbert Meurer: Sie war der Hort der Finsternis in der DDR, die Stasi-Zentrale in der Normannenstraße in Ostberlin, ein riesiger Komplex damals mit Dutzenden Gebäuden. Hier war jahrzehntelang das Reich von Erich Mielke untergebracht. Heute vor 25 Jahren stürmten Demonstranten genau diese Stasi-Zentrale. Gut zwei Monate nach der Mauer wurde auch die Schaltzentrale des Spitzelstaates DDR geschleift, ein Höhepunkt der friedlichen Revolution, wenn es auch Zweifel gibt, ob die Stasi nicht auch dabei doch ihre Finger im Spiel gehabt hat. Gestern Abend wurde in der ehemaligen Stasi-Zentrale eine neue Dauerausstellung eröffnet. Auch Erich Mielkes Dienstzimmer ist jetzt zum Beispiel zu besichtigen.
Die Ausstellung, die die Kollegin beschrieben hat, ist übrigens ab Samstag für das Publikum zu sehen. - Roland Jahn ist ehemaliger Bürgerrechtler. 1983 wurde er aus der DDR zwangsweise ausgebürgert. Heute leitet er die Stasi-Unterlagenbehörde und er hat, wie gerade gehört, die Ausstellung eröffnet. Guten Morgen, Herr Jahn.
Roland Jahn: Schönen guten Morgen!
Meurer: Damals vor 25 Jahren - kommen wir von der Ausstellung zurück zum 15. Januar 1990, die Stürmung der Normannenstraße durch die Demonstranten. Sie waren dabei. Wie haben Sie das erlebt?
Jahn: Ja, das war schon sehr beeindruckend, die Gesichter der Menschen zu sehen. Das war schon was Befreiendes, denn sie haben dem Treiben der Stasi ein Ende gesetzt.
Meurer: Waren Sie in dem Moment dabei, als das Tor aufging, oder wie genau haben Sie den Tag in Erinnerung?
Jahn: Ja. Ich war mit vor dem Tor und die Demonstranten haben doch sehr massiv ihre Wut zum Ausdruck gebracht und immer wieder gefordert, dass das Tor aufgeht und dass sie rein wollen. Andere haben versucht, dann die Eingänge zuzumauern, symbolisch auch deutlich zu machen, das Wirken der Stasi hatte ein Ende, bis dann plötzlich das Tor doch aufging und die Demonstranten auf das Gelände geströmt sind.
Jahn: Und Sie sind auch mit rein aufs Gelände. Was haben Sie da gesehen?
Jahn: Ich bin auch mit auf das Gelände gestürmt und ja, es war doch schon sehr verlassen. Es war dunkel, es gab kaum Licht und die Demonstranten sind dann zu einem großen Gebäude, wo sie sich dann mit Demonstranten, die durch einen anderen Eingang gekommen sind, vereinigt haben.
"Die Wut auf die Stasi war groß"
15. Januar 1990: Menschen stürmen die Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit.
15. Januar 1990: Menschen stürmen die Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit. (dpa / picture-alliance / Peter Zimmermann)
Meurer: Haben Sie das dann damals miterlebt, wie Fensterscheiben eingeworfen wurden? Sie haben selbst gesagt, die Demonstranten waren wütend. Sachen flogen herum. Was geschah da alles?
Jahn: Ja. Das war schon so, dass dort auch einiges zu Bruch ging und auch manches aus den Schreibtischen gezogen worden ist. Aber das wurde dann doch schnell umgekehrt, denn es waren ganz viele Ordner des Neuen Forums da, die mit Schärpen, die sie umgehangen hatten, worauf stand "Keine Gewalt", aufgetreten sind, und es wurde dann doch dafür gesorgt, dass diese Übergriffe auf die Gegenstände dann nicht mehr stattgefunden haben und vor allen Dingen dann gesichert worden ist das ganze Gelände und auch das Haus, wo die Akten drin waren.
Meurer: Worüber waren einige Demonstranten damals so wütend, dass das Ganze der Unterdrückungsapparat war, oder dass sie gefunden haben exklusive Lebensmittel und anderes mehr, was über einen gewissen Lebensstil von Stasi- und SED-Leuten Auskunft gegeben hat?
Jahn: Da kam ja beides zusammen. Natürlich! Das was man Angst und Schrecken über die Jahrzehnte in der DDR erlebt hat, die Wut auf die Stasi, das war groß, die war groß. Und dann natürlich das, was man konkret dort vor Ort gesehen hat, die Waren, die in Läden lagen, wo ein DDR-Bürger nie herangekommen ist, exquisite Lebensmittel, und da hat sich natürlich die Wut noch gesteigert.
Meurer: Es gibt ja Leute aus dem Neuen Forum, die dann später gesagt haben, wir hatten den Eindruck bei den Demonstranten, die da vor dem Tor standen und dann hineingestürmt sind in die Stasi-Zentrale, das waren gar nicht unsere Leute, wir haben den Verdacht, da waren Stasi-Leute dabei. Was meinen Sie?
Jahn: Das mag sein, dass da auch einzelne Stasi-Leute dabei gewesen sind. Ich habe das nicht beobachten können, dass es offensichtlich so war. Das Entscheidende ist doch gewesen, dass wirklich Tausende von Demonstranten hier deutlich gemacht haben, Stasi raus, Stasi in die Produktion. Das war das Wirken. Und hier sind sie dann ganz massiv auf das Gelände geströmt, haben tatsächlich dieses Gelände gestürmt, und das ist das, was ich erlebt habe.
Meurer: Sie haben ja jetzt auch Einblick in die Akten. Sie sind ja Leiter der Unterlagenbehörde. Dass das Ganze dann so eine Show war, von Stasi-Leuten inszeniert, das ist absolut eine Mär?
Jahn: Ich denke schon. In den Stasi-Unterlagen gibt es zum Beispiel ein Protokoll eines Gespräches von Stasi-Offizieren mit Vertretern des Bezirksbürgerkomitees, die Bürgerkomitees, die schon in den Bezirken der DDR die Bezirksdienststellen besetzt hatten. Die waren auf dem Gelände an diesem Tag und versuchten zu verhandeln, dass hier eine Übergabe erfolgt, und so hat sich eines zum anderen gefügt, so dass dann von innen und von außen sozusagen die Vertreter der friedlichen Revolution sich durchgesetzt haben.
"Von der Stasi war nur General Engelhardt noch auf dem Gelände"
Meurer: Wie haben sich, Herr Jahn, die Stasi-Leute an diesem Tag, dem 15. Januar 1990, selbst verhalten in dem Moment und danach, als das Tor aufging?
Jahn: Es waren ja kaum Stasi-Leute auf dem Gelände. Im Nachhinein hieß es, dass man sie extra Mittags nach Hause geschickt hat. Man wusste ja, dass diese Demonstration stattfindet. Die war ja schon seit einigen Tagen mit Flugblättern des Neuen Forums angekündigt, dass man mit Fantasie und ohne Gewalt hier dem Treiben der Stasi ein Ende setzen will, und deswegen hat man durch die Bürgerrechtler nur einen vorgefunden. Das war der General Engelhardt, der letzte leider der Stasi, und mit dem sind wir dann ins Gespräch gekommen. Gerade der im Beitrag genannte Carlo Jordan war mit dabei.
Meurer: Was ist bei dem Gespräch herausgekommen?
Jahn: Sie haben vor allen Dingen darüber gesprochen, was ist mit den Waffen, wo sind die Waffen, weil es war ja immer die Angst, die Stasi könnte hier massiv mit Waffengewalt gegen Demonstranten vorgehen, und er konnte sie beruhigen, dass die Waffen in den Waffenkammern sind und dass hier nicht ein Einsatz von Waffengewalt vorgesehen ist.
Meurer: Haben Sie selbst an dem Tag auch Angst gehabt?
Jahn: Ja, das war so ein gemischtes Gefühl. Natürlich war auch Angst da. Da waren ja dunkle Ecken auf dem Gelände, wo man nicht wusste, was da noch lauert.
Meurer: Aber das war ja schon zwei Monate nach dem Mauerfall.
Jahn: Ja, aber trotzdem. Die Stasi-Zentrale, das war noch mal etwas Besonderes. Das war der Ort, von dem so lange Schrecken ausging. Und dann dort vor Ort zu sein, das hatte schon was Unheimliches. Aber die Masse der Demonstranten, die Masse der Menschen, die hat doch so ein Gemeinschaftsgefühl gegeben und hat Mut und Kraft gegeben.
Meurer: Die Waffen blieben im Schrank, aber die Aktenschredder sollen auf Hochtouren und heiß gelaufen sein. Was wissen Sie heute darüber?
"Über 15.000 Säcke mit Schnipseln von Akten"
Säcke mit vorvernichteten Akten der ehemaligen Stasi liegen im Keller der Außenstelle in Frankfurt (Oder) des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik
Säcke mit vorvernichteten Akten der ehemaligen Stasi liegen im Keller der Außenstelle in Frankfurt (Oder) des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (picture alliance / dpa-Zentralbild, Patrick Pleul)
Jahn: Das war ja in den Tagen vorher, dass überall in der DDR noch die Schredder gelaufen sind, heiß gelaufen sind. Teilweise rauchten die Schornsteine und dem sollte ein Ende gesetzt werden. Das wurde mit diesem Tag erst mal gemacht. Aber die Stasi hat dann schon auch die Besetzer der Stasi-Dienststellen teilweise noch über den Tisch gezogen und hat immer noch Mittel und Wege gefunden, hier vereinzelt Akten zu vernichten. Das war ein Prozess, der sehr, sehr lange ging, bis dann doch durchgesetzt worden ist, dass hier alle Akten unter Kontrolle geblieben sind der Bürgerkomitees.
Meurer: Stehen die Schnipsel der Akten bei Ihnen noch in Säcken im Keller?
Jahn: Ja. Wir haben dann vorgefunden über 15.000 Säcke mit Schnipseln von Akten, die die Stasi nicht mehr geschafft hat wegzubringen. Diese Akten, die harren der Zusammensetzung, und wir sind bemüht, dies auch zu tun, denn es kann ja nicht sein, dass die Stasi entscheidet, was wir lesen können und was nicht. Deswegen setzen wir manuell das zusammen. Da haben wir schon 1,5 Millionen Blatt zusammengesetzt. Und hier gibt es auch ein Software-Programm der virtuellen Rekonstruktion, auf dass wir hoffen, dass dort noch mehr zusammengesetzt werden kann, vor allen Dingen die kleineren Schnipsel, so dass wir dann wieder Dokumente haben, wenn sie zusammengesetzt sind, aus denen wir erkennen können, wie hat die Stasi gearbeitet, wie hat das System der SED-Diktatur funktioniert.
Meurer: Roland Jahn, der Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde, erinnert sich daran, an seine Beobachtungen und Erlebnisse am 15. Januar 1990. Vor 25 Jahren wurde die Stasi-Zentrale in Berlin gestürmt. Herr Jahn, danke für das Gespräch hier bei uns im Deutschlandfunk. Auf Wiederhören!
Jahn: Auf Wiederhören!
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.