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StartseiteWirtschaft am Mittag"Emotionen sollten an der Börse keine Rolle spielen"02.07.2018

30 Jahre Dax"Emotionen sollten an der Börse keine Rolle spielen"

Niedergang der "Volksaktie" von Telekom, Crash der New Economy und schließlich die Finanzkrise: Anleger haben mit dem Deutschen Aktienindex in 30 Jahren viele Höhen und Tiefen erlebt. Doch DAX-Erfinder Frank Mella meint im Dlf: "Die Börse ist immer gleich geblieben".

Frank Mella im Gespräch mit Birgid Becker

Eine Torte wird im Handelssaal der Frankfurter Wertpapierbörse anlässlich der Feier zu 30 Jahre Dax angeschnitten (dpa/Arne Dedert)
Happy Birthday, DAX: Vor 30 Jahren wurde der Aktienindex erfunden (dpa/Arne Dedert)
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Birgid Becker: Mit einer Geburtstagstorte – Buttercreme, Kosten 450 Euro – wird heute der 30. Geburtstag des Deutschen Aktienindex gefeiert, des DAX. Die Feier richtet die Deutsche Börse AG aus, die den Dax am 1. Juli 1988 ins Rennen schickte, damals mit einem Stand von gut 1.000 Punkten. Seitdem spiegelt der wichtigste deutsche Aktienindex das Auf und Ab der deutschen Finanzwelt.

Längst nicht immer ist er für Anleger ein gutes Geschäft. Der Niedergang der so genannten "Volksaktie" der Telekom, der Crash der New Economy - der sich allerdings mehr in den kleineren Indizes niederschlug - und schließlich die Finanzkrise - eine reine Anlegerfreude war der DAX sicher nicht. Über die Jahrzehnte aber hat er einen beachtlichen Wertzuwachs erreicht. Und wie fing das alles an? Darüber habe ich vor der Sendung mit Frank Mella gesprochen, der als Redakteur der Börsen-Zeitung vor 30 Jahren den DAX sozusagen "erfunden" hat.

Indexkonzept aus der Börsenzeitung

Frank Mella: Richtig. Vor 30 Jahren wollte die Börse einen Laufindex, also einen Aktienindex, der jede Minute neu berechnet wird. Dazu brauchen Sie zwei Dinge. Sie brauchen die Technik und Sie brauchen ein passendes Indexkonzept. Das Indexkonzept stammt in der Tat aus der Börsenzeitung, so wie ich es schon sechs Jahre vorher entwickelt hatte, und da hat man dann die Technik der Börse vermählt mit dem Indexkonzept der Börsenzeitung und herausgekommen ist der Deutsche Aktienindex.

Becker: In den Startjahren, da war der DAX nur etwas für Insider, oder? Das ist nicht wie heute, wo man, wenn man den DAX als Quizfrage formuliert, wahrscheinlich nur bei den unteren Rängen im 50-Euro-Bereich noch landen kann. Aber damals war der DAX schon etwas für Spezialisten, oder?

Mella: Wir feiern ja jetzt den 30. Geburtstag. Der 25. Ist schon gefeiert worden, der 20. Der 5. Geburtstag 1993 ist meines Wissens nie gefeiert worden. Da gab es auch noch zehn andere Indizes, der Dax war der elfte, es war da nichts Besonderes.

"2002 war eins der schlimmsten Jahre"

Becker: Wobei es schon lustig ist, wenn Sie darauf hinweisen, dass vor einigen Jahren 30 Minuten das schnellste war, was man sich denken konnte.

Mella: Ja, in der Tat. 30 Minuten waren es bei der Börsenzeitung. Dann hat man den DAX anfangs jede Minute neu berechnet. Und heute wird er jede Sekunde neu berechnet. Im Handel, im sogenannten algorithmischen Handel agiert man inzwischen in Dimensionen von Millisekunden und Nanosekunden.

Becker: Ist das wirklich eine andere Welt, oder ist das, was Börse ausmacht, dann doch irgendwie gleich geblieben?

Mella: Die Börse ist immer gleich geblieben. Seit den Tulpenzwiebeln hat sich da nichts mehr geändert.

"Größter Wert im DAX ist heute die SAP"

Becker: Wenn man sich, Herr Mella, die DAX-Zusammensetzung anguckt, wenn man die Revue passieren lässt über die Jahrzehnte, das ist ein bisschen wie ein Blick ins Industriemuseum. Sehr klangvolle Namen, die man findet, die alle nicht mehr dabei sind: Nixdorf Computer zum Beispiel, der Papierproduzent Feldmühle Nobel, oder Höchst, der Pharmakonzern - alle mal im DAX und alle verschwunden. Haben Sie da ein bisschen Wehmut, oder sagen Sie, das ist einfach so, so wandelt sich Wirtschaft eben?

Mella: Ach! Emotionen sollten an der Börse gar keine Rolle spielen. So kommen Sie an der Börse nicht weit.

Sie müssen auch die Gegenseite sehen. Der größte Wert im DAX ist heute die SAP.

Becker: Die, sagen wir mal, schwierigen Jahre an der Börse, 2000 bis 2002, Absturz, geplatzte New Economy Blase, sind Sie die ganze Zeit dran geblieben am Aktienmarkt?

Mella: Nein! Ich war damals Kolumnist der "Welt" und habe ziemlich genau auf dem Höhepunkt dieser Welle zum Ausstieg geblasen. Da habe ich geschrieben, die virtuellen Werte werden aus allen Wolken fallen. Das war ja wohl deutlich genug. Und ich habe mich Gott sei Dank selber auch daran gehalten, an meinen eigenen Rat.

Becker: Und sind auch nicht wieder eingestiegen?

Mella: Zu früh! - Viel zu früh! - 2002 bin ich wieder eingestiegen. Das war eins der schlimmsten Jahre, die ich je hatte an der Börse - ja.

Flasche Sekt und Dankschreiben

Becker: Wenn ich Sie jetzt als DAX-Vater bezeichne und wir feststellen, dass irgendwie hartnäckig die Deutschen doch weiter Aktienmuffel bleiben, würden Sie sagen, die haben recht?

Mella: Ja, das ist doch verständlich. Sehr viele Anleger haben im Zuge dieses Crashs, den Sie gerade erwähnten, Geld verloren, und gebranntes Kind scheut das Feuer. Dass die heute nicht mehr einsteigen, ist ja nachvollziehbar.

Becker: Und Sie würden auch nicht derjenige sein, der dann für die Aktie wirbt?

Mella: Wie wollen Sie die wieder an die Börse kriegen? Ich fürchte, mit gutem Zureden wird das nicht getan sein. Jetzt steht halb Deutschland am Spielfeldrand, guckt zu, wie der DAX steigt, und jammert dann darüber, dass sie auf den Konten keine Zinsen mehr kriegen, obwohl die Dividenden-Rendite im DAX im Moment so bei drei Prozent liegt.

Becker: Also gute Argumente gäbe es durchaus, oder?

Mella: Selbstverständlich.

Becker: Hat es sich für Sie denn damals ausgezahlt, dass die deutsche Börse aus ihrem Index den DAX gemacht hat?

Mella: Jawohl! Ich habe eine Flasche Sekt erhalten und ein Dankschreiben der Börsengeschäftsführer.

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