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30 Jahre Festival Transmediale
Begleiterin des Medienwandels

Ever elusive - immer flüchtig - lautet der Titel der diesjährigen Transmediale in Berlin. Das Festival für Medienkunst feiert Jubiläum. Seit 30 Jahren werden hier Veränderungen und Möglichkeiten in der Medienwelt thematisiert. Aktuelle Probleme wie etwa die Datensicherheit wurden schon früh erkannt und kritisch begleitet.

Von Oliver Kranz | 02.02.2017
    Die 30. Transmediale
    Das Kunstprojekt "the Kitty AI" von Pinar Yoldas in der Ausstellung "Alien Matter" der 30. Transmediale. (picture alliance/dpa/Foto: Bernd von Jutrczenka)
    In den 80er Jahren eroberte die Videotechnik den Massenmarkt. Auf einmal war es sehr preiswert, Filme zu machen. Videofestivals schossen aus dem Boden – der Vorläufer der Transmediale in Berlin als Bestandteil der Berlinale. 1989 wurde das Festival selbstständig, geleitet von Micky Kwella, einem Aktivisten der unabhängigen Videoszene. 1995 zog er eine erste Bilanz:
    "Wir haben seit unserer Gründung den Anspruch, in erster Linie auf Inhalte abzuzielen, das heißt Sachen zu zeigen, die sich wirklich mit Welt im weitesten Sinn beschäftigen. Aber wir sind natürlich auch offen, rein formale Arbeiten zu zeigen, wenn es darum geht, Sachen erst einmal auszuprobieren."
    Entstehung in der Internet-Aufbruchstimmung
    Micky Kwella präsentierte neben Videos auch CD-ROMs und erste Internetprojekte. 1998 gab er dem Festival, das zunächst nur VideoFest hieß, den Namen Transmediale. Damals herrschte beim Umgang mit neuen Medien noch Euphorie. Das Internet sollte Bildungsschranken durchbrechen, die digitale Technik neue Kreativitätspotenziale freisetzen.
    2001 kam die Musik bei der Transmediale-Eröffnung aus einem Gameboy. Der Österreicher Christoph Kummerer hatte das Taschenspielzeug zum Musikinstrument umfunktioniert. "Do it yourself" war das Festivalmotto - abgekürzt "DIY"
    "Das Thema DIY fängt an mit der Beobachtung, dass diese Grenze zwischen dem, was ein Amateur ist und dem, was ein Professioneller ist, verschwindet. Dadurch dass man heute für ein paar tausend Mark einen Rechner mit ner Videoschnittsoftware zum Beispiel kaufen kann und da in Fernsehqualität zu Hause Video produzieren kann",sagte damals Andreas Broeckmann, der Leiter der Transmediale.
    Kernaufgabe: Medienkompetenz vermitteln
    Für ihn bestand die Aufgabe des Festivals darin, Medienkompetenz zu vermitteln und Menschen zu befähigen, die Möglichkeiten der neuen Technologien kreativ zu nutzen. Daher wurde das Workshop-Angebot der Transmediale ausgebaut. Fachleute wurden zu Konferenzen und Podiumsdiskussionen eingeladen.
    Das Festival zog ins Haus der Kulturen der Welt um. Dort konnte erstmals im Jahr 2002 eine Medienkunstausstellung realisiert werden. Zu sehen waren unter anderem Roboter, die als DJs arbeiteten.
    Solche Spielereien tauchten in den folgenden Jahren seltener auf. Die Transmediale fing an, die neuen Technologien kritisch zu hinterfragen.
    Warnung vor Datenmissbrach lange vor Snowdon
    2011 warnte der damalige Festivalleiter Stephen Kovats vor dem Datenmissbrauch durch große Internetkonzerne – zwei Jahre vor den Enthüllungen durch Edward Snowden:
    "Wir sehen zum Beispiel, dass eine Organisation wie Facebook die Fähigkeit hat, gesamte Dateien von dem Netz wegzuziehen mit unseren Identitäten, ohne dass wir wissen, was damit getan wird. Wir plädieren für Strukturen, wo kein einziger Mensch oder keine Corporation die Möglichkeit hat, diese gesamten Datenmengen selbst in Anspruch zu nehmen."
    Seismograph künstlerischer und technologischer Entwicklungen
    Die Transmediale hat sich schon oft als Seismograph künstlerischer und technologischer Entwicklungen erwiesen. Das aktuelle Festival steht unter dem Motto "ever elusive", was man mit den Worten "immer schwer zu fassen" übersetzen kann. Der aktuelle Festivalleiter Kristoffer Gansing erklärt:
    "Es hat wirklich mit unserer Gegenwart zu tun. Medientechnologien, sind Teil von unserem Alltag geworden und es ist selbstverständlich, dass jeder ein Smartphone hat, aber gleichzeitig sind die Algorithmen oder die Infrastrukturen, mehr und mehr unsichtbar geworden.
    Es war anders in den achtziger Jahren, wo man ein Video machen konnte. Jeder kann selber Medium sein. Heute ist das natürlich. Wir können alle Teil von Social Media sein. Aber vielleicht ist die Selbstermächtigung ein bisschen verloren gegangen."
    Smarte Technologie keine Bedrohung für den Menschen
    Doch Kristoffer Gansing will nicht nur schwarz malen. Die kreativen Möglichkeiten der neuen Technologien sind nach wie vor da und werden von Künstlern aufgegriffen. In der Transmediale-Ausstellung ist ein sprechender Kühlschrank zu sehen, den der Brite Mark Leckey entwickelt hat.
    Dieser Kühlschrank sieht aus wie ein schwarzer Monolith, erklärt die Kuratorin Inke Arns: "Und Sie hören eine Stimme, die offensichtlich von diesem Kühlschrank kommt. Was sagt dieser Kühlschrank? Also am Anfang, so wie bei allen denkenden und fühlenden Wesen, sucht er nach Freunden. Er macht eine Bildsuche im Internet und er findet Objekte, die so ähnlich rechteckig und schwarz aussehen, wie er selber, nämlich zum Beispiel Smartphones oder ein Rolls Royce oder zum Beispiel die Kaaba in Mekka", was die Grenzen der Technologie deutlich macht.
    Der sogenannte "intelligente" Kühlschrank findet keine passenden Freunde. Er ist noch nicht einmal intelligent. Keine Bedrohung für uns Menschen oder den Weltfrieden.
    Die Transmediale, das Festival für digitale Kultur, wird heute eröffnet und läuft bis Sonntag, 5. Februar 2017. Die Transmediale-Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt ist bis zum 5. März 2017 zu sehen.