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30 Jahre Umweltbundesamt

Die Sprachverwirrung hält bis heute an. Sehr oft liest oder hört man vom Bundesumweltamt, wo es doch Umweltbundesamt, kurz UBA heißt. Eigentlich sollte die Behörde Bundesamt für Umweltfragen heißen - mit Sitz in West-Berlin. Weil es aber um die Ansiedlung von Bundesbehörden im Westen der geteilten Stadt politischen Streit gab mit der DDR, die darin einen Verstoß gegen das Vier-Mächte-Abkommen von 1971 über den Status von Westberlin sah, wurde die Behörde einfach umbenannt und heißt seit nunmehr drei Jahrzehnten Umweltbundesamt. Heute auf den Tag genau vor dreißig Jahren wurde das UBA gegründet.

Autor: Dieter Nürnberger | 22.07.2004

    Ein 30. Geburtstag ist zwar ein rundes Datum, doch groß gefeiert wird im Umweltbundesamt in diesem Jahr nicht. Routine könnte man das nennen, denn zum Jubiläum kann UBA-Präsident Andreas Troge ganz selbstbewusst feststellen, dass sein Amt bei so gut wie jeder umweltpolitischen Entscheidung der vergangenen drei Jahrzehnte durch fundierte Beratung beteiligt war. Die wesentliche Aufgabe ist schnell umrissen - das Umweltbundesamt hat eine Vermittlungsfunktion zwischen Wissenschaft, Politik und der Öffentlichkeit:

    Der wichtigste Erfolg lag darin, die Produktion selbst sauber zu bekommen. Stichworte sind: Die technische Anleitung zur Reinhaltung der Luft, Störfallverordnung, Großfeuerungsanlagen-Verordnung. Und wir haben dann auch prototypisch wichtige Produktbereiche angefasst. Besonders schädliche Produkte - beispielsweise Blau-Asbest. Wir haben erreicht, dass der Katalysator eingeführt wurde. Auch, dass das Ressourcensparen in das Denken der Bevölkerung und der Politiker einging. Ich denke da an Recyclingpapier oder auch den "Blauen Engel".

    Zum bisherigen Lebenswerk des Amtes gehört es wohl, weithin unbekannte Begriffe wie Ozon, Dioxin oder auch Fluorchlorkohlenwasserstoff einem breiten Publikum vermittelt zu haben. Das Etikett des "Blauen Engel" beispielsweise gibt es seit 1978. Ein Wegweiser für umweltfreundliche Produkte. Dabei war der Anfang vor dreißig Jahren in Berlin nicht einfach. Die Ansiedlung des Umweltbundesamtes war umstritten - nicht etwa, weil Ökologie damals für viele vielleicht ein unbequemes Kapitel war, sondern aus außenpolitischen Gründen. Darf eine Bundesbehörde so einfach im geteilten Berlin etabliert werden? Das sorgte für Aufregung auf höchster Ebene:

    Mit dem Umweltbundesamt möchte die BRD ihre Präsenz in West-Berlin erweitern, statt sie den Forderungen des vierseitigen Abkommens gemäß abzubauen. Sie fährt fort, West-Berlin demonstrativ als Bundesland zu behandeln, obwohl dies im Widerspruch zum vierseitigen Abkommen steht.

    Sagte damals Erich Honecker. 1974 war die Behörde noch dem Bundesinnenministerium unterstellt, erst 1986, nach der Katastrophe in Tschernobyl, wurde in Deutschland ein Umweltministerium etabliert. Der heutige Amtsinhaber schätzt das Umweltbundesamt - Jürgen Trittin über einen wichtigen Mitspieler in der ökologischen Alltagsarbeit:

    Hohe wissenschaftliche Kompetenz. Und die Beharrlichkeit, das einmal Erkannte auch bis zum Erfolg zu verfolgen.

    Derzeit, so Präsident Troge, müsse sich fast jeder Vorschlag unter dem Aspekt der Finanzierbarkeit in Zeiten leerer Kassen einreihen. Für Troge ist dies eine leider nur kurzfristige Betrachtungsweise. Ein Beispiel:

    Die erneuerbaren Energien werden uns im internationalen Wettbewerb erheblich stärken. Wir erleben alle, dass etwa die Öl- und Gaspreise steigen. Die Erneuerbaren werden dadurch akzeptabler am Markt. Und hier ist Deutschland gut beraten, inländische Wertschöpfung dadurch zu schaffen, dass es in regenerative Energien geht. Dasselbe gilt ebenso für die rationelle Energieverwendung, für das Energiesparen, ohne Wohlstandseinbußen zu haben.

    Investitionen in den Umweltschutz machen sich langfristig bezahlt, so das Credo des UBA-Präsidenten, der seit 14 Jahren dabei ist, davon 9 Jahre als Präsident. Das Bohren dicker Bretter gehört in diesem Job dazu. Verzicht predigen muss aber nicht sein. Denn das wäre zu einfach - es gibt immer zwei Seiten:

    Wenn ich nur noch Auto mit Katalysator kaufen darf, so werden ein paar hundert Euro meines Konsumbudgets in den Katalysator wandern. Ich verzichte also auf etwas. Es ist falsch zu sagen, ich verzichte auf etwas, ich verzichte auf Technik. Denn Verzicht bedeutet auch Technik. Aber darüber gewinnen wir auch "in the long run".

    Anzupacken gibt es künftig noch genug - beispielsweise Lärm. Dieses Umweltproblem werde erst langsam als solches auch wahrgenommen. Und zur Ironie des Geburtstages gehört auch, dass die Tage in Berlin gezählt sind. Im Frühjahr 2005 zieht Troge mit einem Großteil seiner Mitarbeiter nach Dessau. Eine Maßnahme, die infolge der Neuaufteilung der Bundesbehörden beschlossen wurde:

    Es ist eine Notwendigkeit, die man der deutschen Einheit schuldet. Das sollte man mit Anstand und ohne zu mäkeln tragen. Das Amt ist aus politischen Gründen 1974 nach Berlin gekommen, und das Amt geht aus politischen Gründen mit dem Dienstsitz nach Dessau in Sachsen-Anhalt.