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StartseiteCorso"Probleme mit der Geschlechtergerechtigkeit"19.02.2020

40. Brit Awards"Probleme mit der Geschlechtergerechtigkeit"

Auch wenn Unterhaltung und Pop bei den Brit Awards an erster Stelle stünden, sei das keine Schlagerparade, sagte Musikritikerin Jenni Zylka im Dlf. "Pop und seine Interpretinnen waren mal viel politischer". Dass eine Frau nur in einer Unisex-Kategorie gewonnen habe, sei ein Armutszeugnis.

Jenni Zylka im Gespräch mit Ulrich Biermann

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Lewis Capaldi macht ein Selfie von sich mit den Zuschauern und hebt dabei den Daumen hoch (www.imago-images.de (PinPed/Cover))
Zweifacher Gewinner: Der schottische Sänger und Songwriter Lewis Capaldi bei den Brit Awards 2020 (www.imago-images.de (PinPed/Cover))
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Ulrich Biermann: Jubiläum  zum 40. Mal wurden gestern Abend in London die Brit Awards verliehen - die Preise der britischen Tonträgerindustrie. Neben den US-Grammys, einer der wichtigsten Musikpreise in Sachen Pop. Keine Traditon ohne Veränderung, das Motto auch dort: In – nach einigen Änderungen – nur noch neun Kategorien galt es, Preise abzuholen und zu performen. Performance scheint immer das Wichtigste zu sein, bei diesen Awards. Jenny Zylka, sie haben sie gesehen, gestern Abend, die Preisverleihung - Performances, die sich lohnten?

Jenny Zylka: Auf jeden Fall, ein paar haben sich gelohnt. Lizzo war wie immer fantastisch, die ist ja immer wahnsinnig humorvoll, sah wieder spektakulär aus, hat ein Medley ihrer Hits gebracht. Dann Stormzy, er hat später den "Male Solo Artist Award" gewonnen, ein Grime-Rapper, der kam in strömendem Regen auf die Bühne, mit hunderten von Leuten. Am besten hat mir jedoch eindeutig Rapper Dave gefallen, der hat dann später das "Album of the Year" gewonnen für seine Platte "Psychodrama", und er hatte vorher seinen Song "Black" - der ist von 2018 - nur am Klavier begleitet und darin ganz aktuell in diesem wahnsinnig komplexen und sehr tollen Rap-Song auch noch Kritik an Boris Johnson untergebracht und den Rassismus in seinem Land anprangert und darüber gerappt, wie die britische Presse mit Prinzessin Meghan und Prinzessin Kate umgeht – das war also top-aktuell und top-wütend und sehr eindringlich.

Ganz am Ende kam – der Moderator nannte ihn "die geile Vogelscheuche des Rock'n'Roll - Ron Wood, zusammen mit Rod Stewart und Kenny Jones von den Faces, die haben einen Song zusammen performt, den ich aber als Fan hätte lieber vor 50 Jahren sehen wollen; tut mir leid. Das war besonders, aber nicht besonders gut. Was auch noch ganz interessant war: Die waren wohl alle nach alter britischer Tradition relativ zugebechert, relativ angetrunken. Der zweifache Gewinner Lewis Capaldi, der von sich selber sagt, "ich bin die schottische Beyoncé", der aber visuell so gar nicht von Beyoncé oder dieser aufgebretzelten Jugendbagage hat, weil er aussieht wie ein übergewichtiger Elektrofachverkäufer aus einem schottischen Vorort ... der hat zwei Preise bekommen, und beim zweiten Preis war er dann viel entspannter beim Abholen,  kam auch immer mit Bierflasche auf die Bühne. Also - das war schon ganz lustig. Die Performances waren von okay bis durchwachsen.

"Es sollte viel mehr anders werden, ist es aber nicht"

Biermann: Wenn Tonträgerindustrie Preise vergibt, dann muss man immer fragen: Sind die gerechtfertigt?

Zylka: Da kommen wir zu der anderen Seite dieser ganzen Veranstaltung, den Problemen mit der Geschlechtergerechtigkeit beziehungsweise Repräsentanz – diese Preise werden ja von etwa 1200 Mitgliedern der britischen Musikindustrie gewählt, das ist nicht immer besonders transparent. Das wird natürlich immer nach den größten Erfolgen geguckt und dann quasi daraus die Nominiertenliste erstellt wird. Und in diesem Jahr eben in diesen neun Kategorien, davon sind vier geschlechtsspezifisch - also "Best International" oder "British Male" und "Female Acts" - und fünf Unisex-Kategorien.  Und das sind insgesamt 28 Positionen, wo Leute nominiert werden können, davon waren nur vier im Ganzen Frauen. Die anderen Plätze waren alle von Männern besetzt, auch die Gruppen waren rein männlich. Das heißt, eine Frau hat überhaupt nur gewonnen bei den Unisex-Kategorien, und das ist natürlich schon ein Armutszeugnis, was auch vorher in der Presse viel kritisiert wurde. Und es ist denn egal, woran es liegt – entweder ist das Procedere windig.

Ich kann mir auch vorstellen, dass da nicht so genau ausgezählt wird, wie bei einer politischen Wahl zum Beispiel. Es wird schon geguckt, wer auch zukünftig am meisten Geld einbringen könnte. Oder es ist so, dass Frauen viel weniger Musik verkaufen, weil wir Konsumenten und Konsumentinnen - zumindest die britischen Konsumenten und Konsumentinnen - weniger Frauen hören – und wenn das so ist, ist das auch ein gesellschaftliches Problem. Denn woran liegt das?

Und noch ein letztes Wort zu Mabel, die hat den Preis bekommen als "Best Female Act" - das ist die Tochter von Neneh Cherry übrigens, mit einem musikalisch langweiligen Stück, das so ein bisschen Ed Sheeran mit seichtem Reggaton zusammenklöppelt -, sie hat allerdings verpasst, etwas zum Thema Gender zu sagen. Das wurde von den meisten Leuten ignoriert, das wurde in der ganzen Show vielleicht ein, zwei Mal ganz kurz erwähnt; und dafür, welche Wellen es vorher schlug, kann ich nur sagen: Die sind ja doch sehr zurückhaltend, die Briten. Es sollte viel mehr anders werden, ist es aber nicht, finde ich.

"Das lief zu reibungslos"

Biermann: Das klingt sehr brav - es gab aber auch Jahre, da gab es tüchtig Rabatz auf der Bühne, da hat man sich gegenseitig angegangen. Hat man auch - Sie haben Dave gerade angesprochen - sich politisch geäußert?

Zylka: Nee, das war nicht so. Das lief zu reibungslos, bis auf Dave hat da kaum jemand die Gunst der Stunde genutzt. Vielleicht sind die ja auch schon alle zufrieden mit dem Umgang ihrer Gesellschaft mit Frauen, queeren Menschen, Andersfarbigen oder auch mit ihrer Innen- und Außenpolitik - kann ich aber gar nicht glauben. Klar war das Thema bei den Brit Awards Unterhaltung und Pop, aber trotzdem geht es ja doch eigentlich immer auch um uns alle, und das ist ja keine Schlagerparade. Pop und seine Interpreten und Interpretinnen waren ja mal viel politischer. Da muss ich wirklich sagen, da freue ich mich, dass bei uns so ein Industrie-Musikpreis, der deutsche Echo zum Beispiel, tatsächlich an den völlig zurecht damals ausgefochtenen Kontroversen zugrunde gegangen ist, und dass deswegen nun andere, eventuell, hoffentlich transparentere und mehr auf Content statt auf Charts setzende Preise seinen Platz eingenommen haben, das ist bei den Brits in weiter Ferne.

Biermann: Aber der Echo ist ja eher ein nationaler Preis, die Brit Awards sind dann doch - auch wenn sie von der britischen Tonträgerindustrie vergeben werden - ein internationaler Preis und sie schielen auf den internationalen Markt.

Zylka: Genau, das ist der große Unterschied zwischen den beiden Szenen. Der Echo war nur für die Deutschen interessant, und die Britinnen und Briten haben so ein wenig Angst ... einerseits haben sie dieses Phänomen "standing on the shoulder of giants", also sie haben diesen jahrzehntelang wahnsinnig beeindruckenden Pop gemacht, den jeder kennt. Das sind ihre Wurzeln. Und sie haben natürlich Angst, dass sie angesichts der sehr großen und erfolgreichen US-Künstler und US-Künstlerinnen - eben wie Lizzo und Billie Eilish und Jay-Z und so - wieder in die Bedeutungslosigkeit fallen könnten.

Und es schauen auch jedes mal weniger Menschen zu, zwischen 2018 und 2019 sind sie um eine Million gefallen, die Zuschauerzahlen. Und wenn die Brits mutiger, politischer, unberechenbarer wären und weniger mainstreamig – dann weiß man ja auch gar nicht, ob diese Managements die Stars überhaupt dort hinschicken würden und ob die Sponsoren dann nicht abspringen würden. Also das ist alles gar nicht so einfach.

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