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StartseiteKalenderblatt5.7.1904 - Vor 100 Jahren05.07.2004

5.7.1904 - Vor 100 Jahren

Ernst Mayr, Zoologe und Evolutionstheoretiker geboren

Sein Kollege und Widersacher Stephen Jay Gould nennt ihn den größten Evolutionsbiologen des 20. Jahrhunderts. Universitäten in aller Welt überhäuften ihn mit Doktortiteln, von denen er mittlerweile 20 trägt. Die Rede ist von dem deutschstämmigen Harvard-Professor Ernst Mayr, der heute 100 Jahre alt wird. Dabei war ihm die Biologie keineswegs in die Wiege gelegt, wie in seiner Familie üblich, begann er zunächst ein Medizinstudium. Zur Biologie – oder Zoologie wie man damals sagte – kam er erst durch einen besonderen Anreiz ...

Von Kay Müllges

Einteilung der Tiere in eine biologische Art ist Mayrs großer Verdienst. (dradio.de/Andreas Lemke)
Einteilung der Tiere in eine biologische Art ist Mayrs großer Verdienst. (dradio.de/Andreas Lemke)

... weil mir versprochen wurde, wenn ich einen Doktor in der Zoologie gemacht hätte, dann könnte ich auf eine Expedition gehen. Und das war mein großer Traum, mein großes Ziel, das ich einmal, wie Darwin, wie Bates, wie Humboldt, durch die tropischen Wälder streifen könnte und die herrliche Tier- und Pflanzenwelt dieser Gegend kennen lernen würde.

Das Versprechen kam von seinem Mentor, dem berühmten Berliner Ornithologen Erwin Stresemann, der es ihm nach erfolgreicher Promotion tatsächlich ermöglichte zu einer Reise um die halbe Welt aufzubrechen.

Ich glaube es war im Februar 1928, da bin ich dann nach der Südsee abgedampft. Ging dann über Java nach Neuguinea und war da ganz allein mit 3 javanischen Museumsassistenten, die mir beim Vogelbälgen und beim Schießen der Vögel halfen, und war dann beinahe zwei Jahre auf Neuguinea, wo ich so und so viele, bislang unerforschte Bergketten erforschte.

Der damals 23-jährige Mayr sollte die Vogelbestände der fünf wichtigsten Gebirgszüge an der Nordküste Neuguineas erkunden. Zu diesem Zweck schoss er über dreitausend Vögel und stopfte sie aus. 1931 folgte Mayr einem Ruf ans American Museum of Natural History in New York, dem größten naturwissenschaftlichen Museum der Welt. Hier wurde er zu einem der Architekten der so genannten Synthetischen Theorie der Evolution, mit der das grundlegende Problem der Artbildung gelöst wurde. Was genau ist eine biologische Art? Und wie kommt es, dass im Verlauf der Evolution eine so ungeheure Vielzahl von Arten, von Bakterien über Pilze, bis zu Dinosauriern, Kolibris und Blauwalen entstanden ist? Darwin selbst gelang es nicht, dieses Problem zu lösen. Nachdem er sich acht Jahre lang damit gequält hatte die Rankenfüßer, das ist eine Gruppe von mehr als 800 Meeres bewohnenden Krebstieren, systematisch zu ordnen, schrieb er verzweifelt:

Nachdem ich eine Gruppe von Formen als unterschiedliche Arten beschrieben hatte, zerriss ich mein Manuskript und gruppierte sie zu einer Art. Ich zerriss auch dieses Manuskript wieder und gruppierte sie zu getrennten Arten. Dann fügte ich sie wieder zu einer Einheit zusammen. Ich habe mit den Zähnen geknirscht, die Arten verflucht und mich gefragt, welche Sünde ich wohl begangen hatte, um so bestraft zu werden.

Erst als es zwischen 1937 und 1947 gelang, Darwins Konzept der natürlichen Auslese mit den Befunden der Genetiker in Einklang zu bringen fand man die Antwort. Mayrs grundlegender Beitrag dazu ist das Konzept der biologischen Art. Was das ist, definierte er in seinem Buch Systematics and the Origin of Species 1942 so:

Eine Art ist eine Gruppe natürlicher Populationen, die sich untereinander kreuzen können und von anderen Gruppen reproduktiv isoliert sind.

Allerdings gilt dieser Artbegriff nur für solche Arten, die sich sexuell fortpflanzen, nicht für Bakterien, einige Pilze oder auch Pflanzen, die sich ungeschlechtlich vermehren. In der Welt des Lebendigen ist es eben komplizierter als in der unbelebten Welt der Physik, in der immer die gleichen Naturgesetze gelten. 1953 wechselte Mayr an die Harvard University, wo er selbst heute noch sporadisch Vorlesungen hält. In den letzten Jahren ist Ernst Mayr nicht müde geworden gerade diesen Unterschied zwischen Biologie und Physik zu betonen und er wehrt sich vehement gegen einen, wie er es nennt, physikalischen Reduktionismus, der das Leben auf chemisch-physikalische Prozesse reduzieren will:

Oh, Biology is a dirty science. Es hat nicht die klaren, schönen sauberen Gesetze, die es in der Physik gibt. Aber das ist nun mal die Natur der biologischen Phänomene, dass da diese große Variabilität vorherrscht, wie zum Beispiel zwischen den 6 Milliarden menschlichen Individuen.

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