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50 Jahre Freiwilliges Soziales Jahr"Ich bin sehr glücklich über meine Entscheidung"

Das Freiwillige Soziale Jahr wurde vor 50 Jahren per Gesetz geboren, um vor allen jungen Menschen die Gelegenheit zu bieten, sich sozial zu betätigen in Pflegestationen, Altenheimen oder Sportvereinen. Nach dem Abitur ist für viele der ideale Zeitpunkt gekommen: um anderen zu helfen oder auch in ein Berufsfeld hinein zu schnuppern.

Von Philip Banse | 07.04.2014

"Ich bin sehr glücklich über meine Entscheidung, mich für das FSJ entschieden zu haben. Ich war mir vorher nicht sicher, ob das was für mich ist, aber seit ich mache, bin ich sehr glücklich damit"
Alina, 19 Jahre alt, macht ihr Freiwilliges Soziales Jahr beim Deutschen Roten Kreuz in Bielefeld. Vormittags betreut sie ein behindertes Kind in einer Grundschule. Nachmittags geht sie oft in Familien, passt auf behinderte Kinder auf, damit die Eltern auch mal Zeit fürs Einkaufen haben.
"Es ist für mich selber auch schön, das Gefühl, gebraucht zu werden. Da kommt einfach so viel zurück an Dankbarkeit, aber gerade bei den behinderten Kindern immer wieder Lebensfreude. Da sieht man, mit wie wenig man glücklich sein kann. Und das geht bei uns in der Gesellschaft viel zu oft unter und durch das FSJ habe ich gelernt die Dinge, die gut sind in meinem Leben, mehr zu schätzen und auch diese Dinge mehr wahr zu nehmen und zu sehen."
Das Freiwillige soziale Jahr wurde vor 50 Jahren per Gesetz geboren, um vor allen jungen Menschen die Gelegenheit zu bieten, sich sozial zu betätigen in Pflegestationen, Altenheimen oder Sportvereinen. Das Freiwillige Ökologische Jahr erweiterte dann das Betätigungsfeld und mit dem Bundesfreiwilligendienst steht es jetzt auch Menschen über 27 Jahren offen, sich für den Dienst an der Gesellschaft zu melden. Auch Phil Norberts hat sich nach dem Abitur freiwillig für ein Soziales Jahr entschieden:
"Ich wusste schon immer, dass ich in sozialen Bereichen Talente besitze, aber hauptsächlich die Ruhe nach dem Abitur ein Jahr erst mal nicht gehetzt zu sein, nicht mich um meine Zukunft kümmern zu müssen, sondern ein Jahr lang in Ruhe etwas zu tun, was ich einigermaßen kann."
Auch Phil Norberts betreut in einer Schule behinderte Kinder. Er bekommt 370 Euro im Monat, nicht viel Geld, aber das soziale Jahr habe ihn in vieler Hinsicht weiter gebracht.
"Diese Arbeitsweltstruktur, also wirklich von morgens bis abends zu arbeiten; das Mitdenken im Beruf, im Team, was gerade ansteht, dass man sich auch oft nicht raushält, weil das oft auch von eigenem Interesse ist."
Die zuständige Bundesministerin Manuela Schwesig sagte am Rande des Festakts in Berlin, für die Freiwilligendienste müsse der Bund so viel Geld wie bisher bereit stellen:
"Trotz aller Sparanstrengungen darf in diesem Bereich nicht gespart werden, dafür will ich sorgen. Und zweitens müssen wir wie in den letzten 50 Jahren schauen: Was können auch neue Felder sein, in den man ein Soziales Jahr machen kann?"
Das klingt nach einem Ausbau der Freiwilligendienste. Gleichzeitig fehlt in vielen sozialen Berufen qualifiziertes Personal. Die Sozialministerin von Baden-Württemberg, Katrin Altpeter, warnte daher:
"Junge Freiwillige dürfen nicht als billige Arbeitskräfte missbraucht werden und sie dürfen nicht eingestellt werden statt billiger Arbeitskräfte."
Nehmen die gering bezahlten Freiwilligen Fachkräften die Arbeitsplätze weg? Diese Frage begleitet das Freiwillige Soziale Jahr seit 50 Jahren. Bundessozialministerin Manuela Schwesig beantwortet sie so:
"Es gibt klare Regeln für einen Freiwilligendienst, die auch die Träger zu befolgen haben. Und natürlich ersetzt kein Freiwilliger eine Fachkraft zum Beispiel im Pflegeheim. Die Freiwilligen unterstützen die Arbeit, aber ersetzen sie nicht. Dafür gibt es klare Regeln."
Für Phil Norberts ist das Soziale Jahr bald vorbei; seine behinderten Schüler wüssten das längst, sagt er:
"Beim Mittagstisch kommen solche Themen dann auch mal zur Sprache und dann: 'Herr Norberts, sie können nicht einfach weggehen, wir brauchen sie hier!' Und ich dann: 'Tut mir leid Antoniono, ich wollte auch noch mal die Welt sehen.'
'Nein, Herr Norberts! David braucht sie!'
Das ist einer meiner Authisten, die ich betreue.
'Der guckt nur Ihnen in die Augen. Nein, sie werden hier gebraucht für die Fußballmannschaft.'
Und das bricht einem dann auch immer schon das Herz."
Dennoch will Phil Norberts kein Lehrer oder Sozialarbeiter werden - ganz anders bei der 19-jährigen Alina, die behinderte Kinder betreut:
"Ich habe vorher immer gesagt, ich könnte niemals Lehrer werden und Sonderpädagogik schon gar nicht. Und jetzt im Moment denke ich ernsthaft über ein Grundschullehramtsstudium nach oder über Sonderpädagogik, weil es mir einfach auch noch ganz andere Seiten von so einem Job gezeigt hat. Man denkt immer, es ist alles ganz anstrengend und nervig. Klar, es gibt anstrengende und nervige Tage, aber es gibt einfach auch so viele Tage, wo man einfach glücklich ist."