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StartseiteDlf-MagazinNetz-Gegner machen mobil15.10.2020

5G MobilfunkstandardNetz-Gegner machen mobil

Die Proteste gegen den Ausbau des 5G-Netzes sind nirgendwo so groß wie in Bayern. In Dutzenden Kommunen verhindert der Unmut den Bau von neuen, dringend benötigten Funkmasten. Mit unterschiedlichsten, teils fragwürdigen Argumenten.

Von Michael Watzke

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Auf einem Protestschild steht: Keine Mobilfunksender in unserem Dorf! Sie gefährden unsere Gesundheit! (imago images / Michael Eichhammer)
Mit Schild gegen 5G: Vor allem in Bayern gibt es Proteste gegen das schnelle Netz (imago images / Michael Eichhammer)
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Professor Klaus Buchner ist der wahrscheinlich bekannteste Gegner des Mobilfunk-Standards 5G. Der pensionierte Mathematiker sagt: "Funkstrahlung an sich ist schädlich. Das weiß man, seit der Funk existiert." Da bildet der Deutschlandfunk für Klaus Buchner keine Ausnahme.

Der Professor ist generell kein Fan der deutschen Medien. Klaus Buchner findet, der angeblich massive Widerstand der Wissenschaft gegen 5G, "der wird natürlich von der Presse totgeschwiegen. Aber das ist der eigentliche Kern des Widerstands."

Unmut auf dem Land besonders groß

Das Rebellieren gegen 5G ist in keinem Bundesland so verbreitet wie in Bayern - vor allem auf dem Land. Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger von den Freien Wählern, der als früherer Ferkelzüchter ein gutes Gespür für die bajuwarische Basis und ihre Technik-Ängste besitzt, erklärt die 5G-Müdigkeit damit, "dass Bayern ein weitgehend gesättigtes Land zumindest bisher gewesen ist, bis zur Corona-Zeit". Hubert Aiwanger:

"Wir hatten quasi Vollbeschäftigung. Wir hatten sehr hohe Einkommen. Und für viele Leute stellte sich dann die Frage: Was wollen wir denn mehr? Brauchen wir überhaupt 5G? Brauchen wir neue Technologien und Arbeitsplätze? Wir haben ohnehin offene Stellen."

Fragwürdige Argumente der 5G-Gegner

Ausgerechnet das Hightech-Land von Laptop und Lederhose hat die lautesten und unbeugsamsten 5G-Gegner. In Dutzenden bayerischen Kommunen verhindern sie den Bau von neuen, dringend benötigten Funkmasten. Mit unterschiedlichsten, teils fragwürdigen Argumenten:

"Ich fürchte um meine Gesundheit. Ich möchte gern noch lange leben."

"Das ist ein Experiment, keiner weiß, wie das ausgeht."

"Dadurch geht die ganze Menschheit kaputt, und das weiß kaum jemand!"

Angebliche Krebs-Studien

Daran ist – in der Logik der 5G-Rebellen – auch die Presse Schuld, weil sie angeblich nicht über den Widerstand berichtet und keine Wissenschaftler zu Wort kommen lässt, die - wie Prof. Klaus Buchner - kritische Studien zitieren: "Zum Beispiel die amtliche Studie der US-Regierung, die sogenannte NTB-Studie. Die weist nach, dass Krebs zum Beispiel an männlichen Ratten durch Mobilfunk-Strahlung erzeugt worden ist."

Dass die meisten Studien allerdings keinen direkten Zusammenhang zwischen Mobilfunk und Krebs herstellen, erklärt Klaus Buchner folgendermaßen: "Wenn die Leute keinen Krebs finden, muss man halt fragen: Warum nicht? - Und dann ist die Studie meistens irgendwo so, dass da Schlupflöcher waren, aufgrund derer man den Krebs nicht finden konnte."

Mit der Presse will man nicht sprechen

Soll heißen: Wer nichts findet, muss halt länger suchen. Lange suchen muss man auch 5G-Gegner, die – wie Klaus Buchner - zu einem Interview bereit sind. Gleich mehrere Bürger-Initiativen sagten ab.

"Sie können sich nicht vorstellen, wie die Mobilfunkindustrie uns bedroht und missbraucht", klagt einer. Ein Interview sei ihm zu heiß. Mehr wolle er dazu nicht sagen. Eine andere schimpft: "Die Mainstreampresse macht uns nur lächerlich. Um als verrückte Hausfrauen dargestellt zu werden, ist unsere Zeit zu schade."

ÖDP befeuert Protest

Politisch finden die 5G-Gegner nur bei der ÖDP Gehör, einer Öko-Kleinstpartei, die in Bayern auf kommunaler Ebene einen gewissen Einfluss besitzt. Die bayerischen Grünen, die manche Protestbewegung durchaus wohlwollend begleiten, sind beim Thema 5G auf der Seite der Industrie. Grünen-Fraktions-Chef Ludwig Hartmann sagt:

"Wenn wir unser Land zukunftsfest machen wollen, brauchen wir eine gewisse Infrastruktur. Die muss auch stattfinden. Dass das für den, der direkt daneben wohnt, kein Mehrwert ist, gehört zur Ehrlichkeit der Debatte dazu. Darüber muss man wieder offener diskutieren und drüber reden. Und auch für Verständnis werben."

Wirtschaft plant PR-Offensive für 5G

Für mehr Verständnis werben will auch die bayerische Wirtschaft, die aufgrund der vielen weißen 5G-Flecken im Freistaat Standort-Nachteile für die heimische Hightech-Industrie fürchtet.

Bertram Brossardt, Geschäftsführer der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft, kündigt eine PR-Offensive an: "Wir müssen eine Informations- und Werbekampagne für den Mobilfunk aufsetzen, und zwar bayernweit. Wir werden uns da kräftig engagieren."

Eine solche Kampagne kann unentschlossene Bürger möglicherweise von 5G überzeugen. Die eingefleischten 5G-Gegner allerdings sind für Gegenargumente kaum mehr erreichbar. Schon gar nicht Prof. Klaus Buchner: "Man kann nicht dauernd falsche Tatsachen behaupten, wie sie bei uns ständig in den Medien stehen. Irgendwann setzt sich die Wahrheit durch."

Wissenschaft sieht keine Gesundheitsgefährdung

Die Wahrheit über 5G - wer kennt sie? Das Bundesamt für Strahlenschutz, das 5G nach derzeitigem Forschungsstand für nicht gesundheitsgefährdend hält? - Wissenschaftler wie Prof. Martin Röösli von der Universität Basel, der erklärt, dass ein ans Ohr gehaltenes Handy mit geringer Sendeleistung hundertmal mehr Strahlung im Körper verursacht als ein 5G-Sendemast? Er sagt:

"Leute, die gegen Antennen sind, werden, falls sie selber ein Handy benutzen und das einige Stunden pro Tag machen, schlussendlich mehr Strahlenbelastung haben."

Das ist in der Strahlenforschung Mehrheitsmeinung, um nicht zu sagen: wissenschaftlicher Konsens. In einer führenden Wirtschaftsnation wie Deutschland, die etwa beim autonomen Fahren Weltmarktführer sein und bleiben will, dürfte der Druck auf flächendeckende Einführung des Mobilfunk-Standards 5G immens werden. Druck, den Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger von den Freien Wählern erhöht.

Nach 5G kommt 6G

Hubert Aiwanger: "Wir müssen den Leuten klarmachen, dass wir natürlich neue Techniken, neue Infrastruktur und so weiter brauchen, sonst fällt der Wohlstand in sich zusammen, also: überzeugen und einen Großteil mitnehmen – aber auf den Allerletzten können wir nicht immer warten."

Einer dieser Allerletzten wird Professor Klaus Buchner sein. Der frühere Europa-Abgeordnete, der für die ÖDP im EU-Parlament saß, ist überzeugt, "dass sich 5G auf Dauer nicht halten kann. Vielleicht werden sie es kurzfristig einführen, ich weiß es nicht, aber auf Dauer kann sich so ein System nicht halten."

Muss es auch nicht. Denn schon längst reden Politik und Wirtschaft weltweit vom nächsten Schritt: 6G.

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