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StartseiteKalenderblatt6.4.1904 - vor 100 Jahren06.04.2004

6.4.1904 - vor 100 Jahren

Kurt Georg Kiesinger, ehemaliger Bundeskanzler, geboren

Für das Magazin "Stern" war er bloss " der Schöne", für den Journalisten Conrad Ahlers war er ein "wandelnder Vermittlungsausschuss", für den Politologen Kurt Sontheimer dagegen nur ein "Mitläufer wie er im Buche steht". Noch die Rezension seiner posthum publizierten Memoiren überschrieb die "Neue Zürcher Zeitung" mit dem schlichten Satz "Kein Heldenleben".

von Claus Menzel

Kurt Georg Kiesinger im Wahlkampf 1969 (AP)
Kurt Georg Kiesinger im Wahlkampf 1969 (AP)

Wohl wahr: Ein eiserner Kanzler ist Kurt Georg Kiesinger, geboren am 6. April 1904, nie gewesen, dafür aber der schier vollkommene Vertreter jener konservativ-liberalen deutschen Bildungs- und Besitzbourgeoisie, die sich 1933 von den Nazis hatte blenden lassen und nun, parteipolitisch organisiert vor allem in CDU und CSU, um die Restauration der alten bürgerlichen Gesellschaft mühte. Doch wo Konrad Adenauer die Sozialdemokraten als Gegner dieser Restaurationspolitik denunzierte, hatte Kiesinger immer schon gesehen, wie loyal gerade die SPD zum westdeutschen Teilstaat Bundesrepublik stand. Was Wunder also, dass er, damals Ministerpräsident von Baden-Württemberg, gerufen wurde, als Ludwig Erhards von CDU und FDP gestützte Bundesregierung im Herbst 1966 scheiterte und nur eine neue, Grosse Koalition imstande zu sein schien, die anstehenden Probleme zu lösen. Am 1. Dezember 1966 wählte der Bundestag Kurt Georg Kiesinger zum Bundeskanzler.

Wenn wir unser Volk von unserem redlichen Willen durch Wort und Tat überzeugen, wenn wir auch den Stil unseres politischen Lebens von dem Verdacht des Interessenschachers oder ehrgeizigen Ränkespiels befreien, wenn wir ohne Arroganz aber mit Würde die Sache unseres Volkes vor der Welt vertreten ... dann wird dieses Volk in der Bundesrepublik, vor allem seine Jugend und einmal das ganze deutsche Volk seinem freien, demokratischen Staate vertrauen und zu ihm stehen in Glück und Not. (Beifall).

Sein Erbe war schwer genug: Zum ersten Mal in seiner Geschichte stand das Land vor der Gefahr einer Rezession; außenpolitisch drohte ihm, als Störenfried einer von Ost und West gewünschten Entspannung isoliert zu werden. Es war denn auch Kurt Georg Kiesinger, der die erst vorsichtigen, bald aber entschlossenen Versuche seines Außenministers Willy Brandt, das Verhältnis zwischen der Bundesrepublik auf der einen und der Sowjetunion, Polen und der DDR auf der anderen Seite zu verbessern, ermutigte und unterstützte.

Wie fast die gesamte politische Elite dieser Zeit hat allerdings auch er nicht verstanden, warum Ende der 60er Jahre so viele junge Deutsche auf die Strasse gingen und ihren Protest anmeldeten gegen eine ja wirklich bloss restaurierte und nicht etwa erneuerte Gesellschaftsordnung und gegen den Krieg der USA in Vietnam. Er verstand es nicht, dass eine junge Frau namens Beate Klarsfeld ihn auf dem Parteitag der CDU in Berlin 1968 ohrfeigte – und dies damit begründete, Kiesinger sei schliesslich Mitglied der NSDAP gewesen. Und er verstand es nicht, als sich zu Ostern 1968 die Empörung über den Versuch, den Studenten Rudi Dutschke zu ermorden, in Angriffen auf den Springer-Konzern entlud.

Im Zusammenhang mit dem verbrecherischen Anschlag auf Rudolf Dutschke haben in den beiden letzten Tagen radikale studentische Gruppen in einigen deutschen Städten eine Reihe von gewalttätigen Aktionen unternommen. Diese Studentengruppen werden angeführt von kleinen, aber militanten linksextremistischen Kräften, die sich die Zerstörung unserer parlamentarischen demokatischen Ordnung offen zum Ziel gesetzt haben. Sie haben seit langem derartige Gewalttätigkeiten propagiert und durchgeführt. In unserer Demokratie haben die Vertreter jeder politischen Meinung das unbestreitbare Recht, diese zum Ausdruck zu bringen und für sie zu werben. Keiner Gruppe aber kann das Recht zugestanden werden, ihre politischen Auffassungen und Ziele mit Gewalt durchsetzen zu wollen.

Gut möglich, dass er nicht verstehen konnte, weil er nicht verstehen wollte, dass 1968 ein Kapitel der Nachkriegsgeschichte begonnen hatte, in dem die alten ideologisch-moralischen Kategorien nicht mehr galten. Die Bundestagswahl ein Jahr später gewann und verlor er zugleich : Seine CDU wurde zwar stärkste Partei, Kanzler aber war nun der Sozialdemokrat Willy Brandt. Kiesinger reagierte wütend, enttäuscht, verbittert. Ein Come-Back, das wusste er, würde es nicht geben.

Dieser bei all seinen Irrtümern unbestreitbar noble Mann geriet in Vergessenheit – im März 1988 ist er gestorben.

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