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StartseiteEine WeltTibetische Community in Dharamsala16.03.2019

60 Jahre im indischen ExilTibetische Community in Dharamsala

60 Jahre liegen der Aufstand der Tibeter und die Flucht des Dalai Lama nach Indien zurück. Seit 2011 gibt es im Exil ein Parlament, die Zeichen stehen inzwischen auf eine friedliche Einigung mit China. Aber von einigen Forderungen rücken die Exilanten nicht ab. Ein Besuch in Dharamsala.

Von Bernd Musch-Borowska

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Feier zum 60. Jahrestag des Aufstands der Tibeter gegen die chinesischen Besatzera (Deutschlandradio / Bernd Musch-Borowska)
Feiernde zum 60. Jahrestag des Aufstands der Tibeter (Deutschlandradio / Bernd Musch-Borowska)
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Seit dem Aufstand der Tibeter gegen die chinesischen Besatzer vor 60 Jahren und der Flucht des Dalai Lama ins Exil nach Indien, ist Dharamsala, im indischen Bundesstaat Himachal Pradesh, der Sitz der sogenannten tibetischen Exilregierung. Auch der Dalai Lama, das religiöse Oberhaupt der Tibeter, hat hier seine Residenz.

Im angrenzenden Tempel hört man die Gesänge und Gebete der buddhistischen Mönche.

Draußen, auf den Straßen des von Touristen aus aller Welt überfluteten kleinen Ortes, drängen sich die Autos zwischen kleinen Hotels, Restaurants und Souvenirläden aneinander vorbei.

"Auch nach 60 Jahren Unterdrückung sind wir noch da"

Schätzungsweise 120.000 Tibeter leben im Exil. Nur die wenigsten hier in Dharamsala. Die meisten haben in anderen Teilen Indiens und in Nepal eine neue Heimat gefunden, manche auch in anderen Ländern auf der ganzen Welt. Doch in Dharamsala sei das Zentrum des tibetischen Freiheitskampfes, sagt der Präsident der Exil-Tibeter, Lobsang Sangay:

"Auch nach 60 Jahren Unterdrückung durch die chinesischen Besatzer und deren Versuche, uns zu unterdrücken und auszulöschen, sind wir noch da. Wir stehen auf den Beinen und halten den tibetischen Geist aufrecht. Und unsere Hoffnung besteht weiterhin, wir haben den Mut noch nicht verloren."

Eine baldige Rückkehr nach Tibet können sich nur wenige Exil-Tibeter vorstellen. Vor allem die Ältesten, die sich damals, im März 1959, zusammen mit dem Dalai Lama auf die Flucht nach Indien gemacht haben, erinnern sich nur zu gut an die Unterdrückung durch die chinesischen Besatzer. So wie der 73-jährige Suel Chin, der am 10. März zur Gedenkfeier anlässlich des Tibet-Aufstands vor 60 Jahren gekommen war:

"Ich war damals ein Jugendlicher, aber ich erinnere mich noch genau. Die Chinesen haben gesagt, sie seien zu unserer Befreiung gekommen. Sie seien unsere Brüder. Aber in Wirklichkeit mussten die Tibeter Zwangsarbeit ohne Bezahlung leisten und unsere Mönche wurden ins Gefängnis gesteckt, und es wurde ihnen verboten, ihre roten Roben zu tragen und ihre Religion zu praktizieren."

Dalai Lama plädiert heute für Mittelweg

Der Dalai Lama plädiert inzwischen für eine friedliche Einigung mit der Volksrepublik China und spricht sich für einen sogenannten Mittelweg aus. Ein Verbleib Tibets in der Volksrepublik China, aber mit weitgehender Autonomie.

Doch bei vielen Exil-Tibetern in Dharamsala ist der Wunsch nach mehr Freiheit noch immer groß. Dolma Yangchen, die Präsidentin der tibetischen Frauenorganisation, erlebte die Flucht als Baby in den Armen ihrer Eltern. Die heute 60-Jährige will sich mit der Vorstellung einer autonomen Region Tibet in den Grenzen Chinas nicht abfinden:

"Nein, auch wenn das noch lange dauert, können wir nicht akzeptieren, dass Tibet ein Teil Chinas bleibt. Tibet war immer ein unabhängiges Land, dafür gibt es historische Beweise. Aber China ist jetzt wirtschaftlich sehr stark, und viele Staaten unterwerfen sich deshalb dem Willen der Regierung in Peking. Irgendwann werden sie merken, dass alles, was die chinesische Regierung verspricht und tut, immer nur ihren eigenen Interessen dient."

"Aber sie müssen uns Selbstbestimmung garantieren"

Seitdem der Dalai Lama im Jahr 2011 seine Rolle als politisches Oberhaupt der Tibeter aufgegeben hat, werden die Geschicke der Exil-Tibeter von der zentralen tibetischen Verwaltung und einem Parlament geleitet, das den Umständen entsprechend halbwegs demokratisch gewählt wird. Parlamentssprecher Pema Jungney sieht den Mittelweg, den der Dalai Lama empfiehlt, als einzige realistische Zukunftsperspektive der Tibeter:

"Der Mittelweg-Ansatz sieht unsere Zukunft in den Grenzen Chinas vor. Aber sie müssen uns unsere Selbstbestimmung garantieren und uns unsere Kultur pflegen und unsere Sprache sprechen lassen. So steht es in der chinesischen Verfassung, und so sollte es auch umgesetzt werden."

Mit Sorge blicken viele Tibeter in Dharamsala in die Zukunft. Dolma Yangchen, vom Verband der tibetischen Frauen kamen die Tränen, bei dem Gedanken, was mit Tibet geschehen werde, wenn der 14. Dalai Lama, der inzwischen 84 Jahre alt ist, nicht mehr lebt.

"Die Chinesen warten natürlich darauf, dass der Dalai Lama stirbt. Aber das wird nicht so schnell passieren. Wir denken auch manchmal darüber nach, was aus uns wird. Bestimmt wird sich dann einiges ändern, auch die internationale Unterstützung für Tibet. Und das beunruhigt uns natürlich."

Was wäre ohne den Dalai Lama?

Ohne den Dalai Lama, der seit mehr als zwei Generationen nicht nur das Oberhaupt der Tibeter ist, sondern auch in der ganzen Welt Anhänger hat, könnte es ruhig werden in Dharamsala. Wenn die Pilger und Touristen, die bislang in Scharen zum Sitz des Dalai Lama kommen, nach dessen Tod fernbleiben sollten, würde die wichtigste Einnahmequelle in Dharamsala versiegen.

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