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StartseiteDlf-MagazinFürsorge, Ausgrenzung - oder beides?22.11.2018

60 Jahre LebenshilfeFürsorge, Ausgrenzung - oder beides?

Es begann als Eltern-Initiative: Damit Eltern geistig behinderter Kinder Unterstützung erhielten, wurde im November 1958 die "Lebenshilfe" gegründet. Ihr Engagement ist weithin anerkannt. Doch der Streit darüber, welche Hilfe wirklich der Inklusion dient - und wo behinderte Menschen doch nur weiter vom gesellschaftlichen Leben ferngehalten werden, hält an.

Von Nele Rößler

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Es begann als Bürgerinitiative für mehr Hilfe - heute heißt das Ziel: Teilhabe am ganz normalen Leben (picture alliance / dpa)
Es begann als Bürgerinitiative für mehr Hilfe - heute heißt das Ziel: Teilhabe am ganz normalen Leben (picture alliance / dpa)
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"Ich mache jetzt hier einen Cappuccino." Florian Ridder arbeitet im Café "Wo ist Tom?" - ein Inklusionsprojekt der Kölner Lebenshilfe im Kölner Südwesten. Die Lebenshilfe ist ein Verein, der sich für Menschen mit geistiger Behinderung engagiert - wie für den 29-jährigen Florian Ridder:

"Also, ich mache hier viele Servicearbeiten, das heißt, ich nehme Bestellungen von Gästen auf, ich produziere Kaffee, Kaltgetränke, Schorlen, je nachdem. Ich bringe auch Essen an die Kunden."

Ziel: Der erste Arbeitsmarkt

Das Café "Wo ist Tom?", im ganzen Viertel bekannt für seine opulenten Torten, soll Menschen mit geistiger Behinderung auf den ersten Arbeitsmarkt - also auf den regulären, ohne Zuschüsse - vorbereiten. Insgesamt 20 Mitarbeiter hat der Betrieb, acht davon sind geistig eingeschränkt, darunter zwei Auszubildende. Igor Buljovcic ist der Chef des Cafés. Er erklärt:

"Wir hatten schon mehrere erfolgreiche Situationen, wo ein Mensch mit Behinderung später dann ganz normal einen Job gefunden hat, und ist dann von hier aus weitergegangen und im allgemeinen Arbeitsmarkt geblieben."

Igor Buljovcic legt Wert darauf, dass sein Kölner Lebenshilfe-Café nichts mit der Lebenshilfe in Leverkusen zu tun habe. Sie hätten nur die gleiche Dachorganisation - also den Bundesverband Lebenshilfe, der dieses Jahr seinen 60. Geburtstag feiert. Wichtig ist ihm das, weil der Ortsverband Leverkusen im vergangenen Jahr durch einen Beitrag von Günter Wallraff bei RTL in die Schlagzeilen kam. Der Undercover-Journalist warf der Organisation vor, Menschen mit Behinderung zu schikanieren und zu demütigen. Zwei Leverkusener Mitarbeiter erhielten daraufhin die Kündigung.

"Sie verdienen weniger als den Mindestlohn"

Im Großen und Ganzen ist das Engagement der Lebenshilfe anerkannt - aber eben nicht unumstritten:

"Dass Menschen, die zum Beispiel in Werkstätten arbeiten, weniger als den Mindestlohn verdienen, das weiß die Mehrheit der Bevölkerung immer noch nicht",

sagt der Inklusions-Aktivist  Raul Krauthausen, der selbst im Rollstuhl sitzt. In diesen Werkstätten, wo zum Beispiel Sicherheitsgurte für Flugzeuge hergestellt oder Mullbinden verpackt werden, stehen die Mitarbeiter mit Behinderung in einem sogenannten "arbeitnehmerähnlichen Rechtsverhältnis". Das schützt zwar auch, zum Beispiel vor Kündigungen, aber deshalb gilt das Mindestlohngesetz nicht. Die Betroffenen erhalten nur die Grundsicherung, also mindestens 416 Euro sowie Kosten für die Wohnung oder eine Rente. Im Inklusionscafé in Köln ist das anders, sagt Leiter Igor Buljovcic:

"Die verdienen ganz normal wie alle anderen Kollegen, das ist auf jeden Fall über dem Mindestlohn und nach Tarif oder übertariflich."

Die erste Bürgerbewegung für geistig behinderte Menschen

Der Name des Cafés "Wo ist Tom?" hat mit der Geschichte der Lebenshilfe zu tun. Tom Mutters war einer der Gründer der Lebenshilfe. 1958 rief er gemeinsam mit Eltern und Fachleuten die Organisation ins Leben.

"Das Besondere an der deutschen Lebenshilfe ist, dass sie ein Elternverein ist und eine Bürgerbewegung - eigentlich die erste große Bürgerbewegung für Menschen mit geistiger Behinderung. Denn vor 60 Jahren gab es eigentlich überhaupt keine Unterstützung",

sagt die Bundesvorsitzende der Lebenshilfe, die frühere Gesundheitsministerin und SPD-Politikerin Ulla Schmidt. Allerdings ist diese Anfangszeit umstritten. Zwei Mitbegründer wirkten während des Nationalsozialismus am sogenannten "Programm zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" mit.

Kontinuitäten in der Psychiatrie nach 1945

"Schon im NS ging es ja darum, dass man zum Beispiel Patienten in Anstalten genau trennt zwischen arbeitsfähig, arbeitsunfähig, dass man Kinder trennt in bildungsfähig, bildungsunfähig. Und das konnte man nach 1945 - natürlich unter anderen Rahmenbedingungen und nicht mehr mit der unbedingten Konsequenz, dass man die ausgeschiedenen dann umbringt - genau so weiterfahren",

sagt der Historiker Robert Parzer. Er forscht über Nachkriegskarrieren von Personen, die im "Dritten Reich" Menschen mit Behinderung misshandelt und ermordet haben. Er meint, dass es in der Psychiatrie einige Kontinuitäten aus dem NS in die Zeit nach 1945 gab.

Kein Paradigmenwechsel also - aber natürlich mit existenziell unterschiedlichen Konsequenzen für die betroffenen Menschen, so der Historiker. Bis in die 70er Jahre aber konnten Menschen mit Behinderung noch in Arbeitshäuser geschickt werden, erklärt Robert Parzer. Die Lebenshilfe habe diese Zusammenhänge allerdings auch aufgearbeitet - vor allem in den 1990er Jahren. Er meint:

"Aber das ist schon sehr gründlich ausdiskutiert worden. Und diese Abschiebung von Behinderten, die nach 1945 noch bis weit in die 70er, 80er Jahre hinein praktiziert worden ist, das ist jetzt überhaupt nicht mehr der Fall."

Ulla Schmidt benennt auch Defizite

So sieht das auch die Bundesvorsitzende des Verbands Ulla Schmidt. "Wir haben uns dann sehr dafür eingesetzt, dass hier auch an die Opfer der Euthanasie mitgedacht wird", - unter anderem durch eine Gedenkstätte am Berliner Tiergarten. Der Verband hat sich auch dafür eingesetzt, dass Sebastian Urbanski, der Trisomie 21 hat, im vergangenen Jahr vor dem Bundestag über die Euthanasie-Opfer im Nationalsozialismus sprechen durfte. Ulla Schmidt ist stolz auf die Leistungen der Lebenshilfe aus den letzten 60 Jahren. Das zeigt sie auch. Aber natürlich gebe es Dinge, die besser laufen könnten, gibt die langjährige SPD-Politikerin zu: Schulische Inklusion, Integration in den ersten Arbeitsmarkt, und auch die Mitbestimmung. Ulla Schmidt:

"Es hat lange gedauert, bis auch hier bei uns selbstverständlich war, dass die Menschen mit Behinderung ihre Interessen selber vertreten können -, dass die in Vorständen sitzen. Es ist noch immer nicht so, dass in jedem Vorstand der Lebenshilfe Menschen mit Behinderungen sitzen. Aber immer mehr."

Es gibt viele, die für sich selber sprechen können

"Ich denke, dass es gerade im 21. Jahrhundert wichtig ist, dass wir begreifen und auch die Wohlfahrt begreift, dass das Motto der Behindertenbewegung 'nichts ohne uns über uns', auch für sie gilt",

sagt der Inklusionsaktivist Raul Krauthausen und fährt fort:

"Es ist total wichtig, dass Menschen mit Behinderung nicht nur in der Kantine beteiligt werden, sondern auch in Führungs- und Management-Ebenen. Es gibt genug Menschen mit Behinderung, auch mit geistigen Behinderungen, die sehr wohl in der Lage sind, für sich selbst zu sprechen."

Zudem seien sie automatisch empathischer gegenüber Menschen, die auch betroffen seien, erklärt Krauthausen. Ein weiterer seiner Kritikpunkte betrifft nicht nur die Lebenshilfe, aber auch:

"Ein großes Problem von Wohlfahrtsorganisationen allgemein ist, dass sie über Jahrzehnte gewachsen sind und inzwischen zu eigenen Industrien geworden sind - und dazu gehört dann eben auch die Lebenshilfe -, die dann alles selber machen: eigene Fahrdienste haben, eigene Werkstätten, Wohneinrichtungen, Schulen."

"Privatwirtschaft soll sich nicht freikaufen können"

Dadurch entstehe eine Art Zwang zum Selbsterhalt. Für ihn sei die wirkliche Transformation geschafft, wenn

"man hier aber dafür sorgen würde, dass zum Beispiel die Privatwirtschaft verpflichtet wird, Menschen mit Behinderung wirklich zu beschäftigen, und sich nicht freizukaufen, indem sie Lebenshilfe-Werkstätten beauftragen, sondern dass wir wirklich dafür sorgen, dass Menschen mit Behinderung auf dem Gehaltszettel einer Firma sind und nicht bei der Lebenshilfe, und wir dadurch auch unterbinden, dass es weniger als Mindestlohn gibt."

Florian Ridder vom Café "Wo ist Tom?" hat den ersten Schritt geschafft, um in den regulären Arbeitsmarkt zu kommen. Seit einigen Wochen ist er im Café Vollzeit angestellt. Das funktioniert auch deshalb gut, weil es Unterstützung im Team gibt. Probleme könnten immer behoben werden, sagt Florian Ridder.

"Dann spreche ich mit meinen Kollegen und sage, wo ich Hilfe brauche, und dann unterstützten sie mich. Oder ich unterstütze sie - je nachdem."

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