Dienstag, 10.12.2019
 
Seit 16:30 Uhr Nachrichten
StartseiteInformationen am Morgen"Ich war lebendig begraben"29.09.2016

75. Jahrestag von Babi Jar"Ich war lebendig begraben"

Nach der deutschen Besetzung Kiews im Zweiten Weltkrieg ermordeten SS-Sonderkommandos und Soldaten in der Schlucht Babi Jar am 29./30. September 1941 mehr als 33.000 Juden. Die Ukraine gedenkt an diesem Tag des Massenmordes, Bundespräsident Gauck nimmt an der Trauerfeier teil. Ohne eine ukrainische Puppenspielerin hätte die Welt allerdings kaum erfahren, was vor 75 Jahren geschah.

Von Sabine Adler

Dina Pronitschewa bei ihrer Zeugenaussage im Kiewer Prozess am 24. Januar 1946, bei dem die verantwortlichen Deutschen, die gefasst worden waren, zum Tod verurteilt wurden. (Centre for Jewish Studies NaUKMA )
Dina Pronitschewa bei ihrer Zeugenaussage im Kiewer Prozess am 24. Januar 1946. (Centre for Jewish Studies NaUKMA )
Mehr zum Thema

Vor 75 Jahren Das Massaker von Babi Jar

Ukraine Massengräber werden Holocaust-Gedenkstätten

Nach dem Einmarsch der Nazi-Truppen im Juni 1941 in die Sowjetunion wird am 23. September Kiew besetzt. Keine Woche später erschießen die Einsatzgruppen unter dem Kommando von Paul Blobel zwei Tage lang am Stadtrand von Kiew über 33.000 ukrainische Juden. Auf ein Denkmal für die derart abgeschlachteten Opfer der Nazis musste die Nachwelt Jahrzehnte warten, was der russische Schriftsteller Jewgeni Jewtuschenko in einem Gedicht 20 Jahre nach dem Massaker beklagte. Der Komponist Dmitri Schostakowitsch füllte die Lücke 1962 mit seiner Sinfonie Nr. 13 Babi Jar. In ihr erklingen nur Männerstimmen. Doch ohne Dina Pronitschewa, eine ukrainische Puppenspielerin, wüsste die Welt weit weniger genau, was in jenen Tagen vor 75 Jahren geschah.

Für ihre Eltern konnte Dina Pronitschewa nichts mehr tun

Dina Pronitschewa trat als Zeugin auf in dem Kiewer Prozess am 24. Januar 1946. Ihr Sohn Wolodimir sieht sich das Video in diesen Tagen öfter an. Auch seine Mutter stand am Rand der zweieinhalb Kilometer langen und bis zu 50 Meter tiefen Schlucht Babi Jar, auch sie landete darin, auf einem Leichen-Berg. Ihn und seine Schwester hatte sie in Sicherheit gebracht, ihre jüdischen Eltern aber nach Babi Jar begleitet, erzählt der Sohn Wolodimir Pronitschew.

"Die Leute kamen mit ihrem Hab und Gut auf Fuhrwerken, Handwagen, sogar LKW. Die Juden dachten, dass sie mit Zügen evakuiert werden sollten, weil sie eine Nation seien, die den Deutschen nahe steht. Schließlich hat man sie doch aufgefordert, warme Kleidung und Wertsachen mitzubringen. Sie dachten, man wollte sie vom Kriegsschauplatz fortschaffen."

Als Wolodimir Pronitschews Mutter in Babi Jar ankam und sah, dass die Menschen auf einen Haufen ihre Wertsachen, auf einen anderen ihre Lebensmittel legen mussten und sich schließlich nackt ausziehen sollten, ahnte sie das Unheil. 

"Sie zerriss ihren Pass, in dem stand, dass sie Jüdin ist, und zeigte nur ihren Gewerkschaftsausweis und das Arbeitsbuch vor, in denen die Nationalität nicht vermerkt war. Ihr Nachname Pronitschewa war russisch, denn mein Vater war Russe. Sie gab sich als nichtjüdische Begleitperson aus."

Für ihre Eltern konnte Dina Pronitschewa nichts mehr tun. Sie selbst drehte um, versuchte, den Platz zu verlassen. Doch kurz vor Einbruch der Dunkelheit wurden auch alle Begleitpersonen exekutiert.

"Ich habe die Augen geschlossen und sprang in die Tiefe. Ich fiel auf die Leichen. Dann hörten die Schüsse auf und die Deutschen kamen nach unten in die Grube, gingen über die Körper und prüften, wer noch nicht tot war. Die erschossen sie. Ich verhielt mich so still ich konnte, und rechnete mit meinem Ende. Dann wurde es dunkel. Sie schippten Sand auf die Körper. Ich verstand, dass ich lebendig begraben war. Nachts bewegte ich meine linke Hand und spürte, dass sie an der Oberfläche war. Dann schaufelte ich mich frei, dass ich mehr Luft bekam und schließlich grub ich mich ganz aus. Ich kroch über die Leiber aus der Erde wieder heraus. Es war stockfinster. Von oben waren immer wieder Schüsse zu hören, sie feuerten noch im Dunkeln runter in die Schlucht. Ich war sehr vorsichtig. An einer Seite der Grube kletterte ich nach oben."

Dem Massengrab entkommen, wollte sie nur noch eins: Zeugnis ablegen

Diese Aussage machte Dina Pronitschewa am 24. Januar 1946 vor dem Kiewer Gericht. Sie hatte sich aus dem Massengrab gerettet und mit ihr ein 14-Jähriger, Matwej.

"Sie waren zu zweit und versuchten aus der Grube herauszukommen. Er ging voran und als er fast oben war, erblickte ihn ein Wachmann und erschoss ihn sofort. Sie versteckte sich weiter, den dritten Tag. Auch da hatte sie kein Glück, denn ein Hund schlug an, als sie es wieder versuchte."

Einmal dem Massengrab entkommen wollte sie danach nur noch eins: Zeugnis ablegen von dem Verbrechen. Das allerdings versuchten die Nazis mit aller Macht zu verhindern. Noch an der Schlucht wurde sie entdeckt und verhaftet. Sie entkam. Nicht nur ein- , sondern viele Male. Sprang aus einem fahrenden Häftlingstransport, versteckte sich in Kellern, auf Dächern, wurde wieder gefasst, ins Gefängnis gesperrt, wo ihr ein deutscher Soldat zur Flucht verhalf. Sie ging 150 Kilometer zu Fuß nach Beloje Zerkow, kam unter in dem dortigen Puppentheater, wurde entdeckt, fand ein anderes.

Der Sohn bewundert den Überlebenswillen und Mut seiner Mutter

"Mein Vater wurde von der Gestapo verhaftet, er sollte sagen, wo seine jüdische Ehefrau ist. Sie suchten sie, denn sie wussten, dass sie gesehen hatte, was in Babi Jar geschah. Sie jagten und suchten sie überall."

Der Vater kehrte aus dem Gestapo-Gefängnis nicht mehr nach Hause zurück, Wolodimir und seine Schwester kamen getrennt in Kinderheime, denn sie waren bei den Großeltern und Freunden nicht sicher. Zwei Jahre dauerte die Flucht der Mutter. Erst einige Wochen nach der Befreiung Kiews am 6. November 1943 fand Dina Pronitschewa zunächst ihre Tochter, dann ihren Sohn wieder. Wolodimir Pronitschew bewundert den beispiellosen Überlebenswillen und Mut seiner Mutter bis heute. Sie starb 1977, er wurde Offizier in Weltraumbahnhof Baikonur. Das Video ihrer Zeugenaussage sieht er derzeit auch im Historischen Museum der Stadt Kiew in der Ausstellung zum 75. Jahrestag von Babi Jar. Und er hört Schostakowitsch: die Sinfonie Nummer 13.

Von dem Namen Babi Jar existieren mindestens zwei Schreibweisen und zwei Aussprachen. Wir verwenden in diesem Text die russische Variante, die 'Babbi 'Jarr gesprochen wird. Im Ukrainischen heißt der Schauplatz des Massakers Babyn Jar, gesprochen 'Babbinn Jarr.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk