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StartseiteKultur heuteGreiz war für DDR-Karikaturisten ein winziger Freiraum06.06.2015

8. Triennale der KarikaturGreiz war für DDR-Karikaturisten ein winziger Freiraum

Karikaturen aus der DDR seien in den 80er-Jahren ein Schenkelklopfer gewesen, auf der anderen Seite aber auch Kritik am System - und teilweise konnte man "wirklich Widerstand spüren", sagt Eva-Maria von Máriássy, Direktorin der Staatlichen Bücher- und Kupferstichsammlung Greiz. Hier in Thüringen findet die 8. Triennale der Karikatur statt, unter dem Motto "Alles unter Kontrolle".

Eva-Maria von Máriássy im Gespräch mit Michael Köhler

Franziska Pucher, Mitarbeiterin der Staatlichen Bücher- und Kupferstichsammlung, hängt am 02.06.2015 in der Ausstellung «Alles unter Kontrolle - 8. Triennale der Karikatur» im Sommerpalais in Greiz (Thüringen) eine Karikatur von Klaus Stuttmann auf. (picture-alliance/dpa//Sebastian Kahnert)
8. Triennale der Karikatur in Greiz (Thüringen) (picture-alliance/dpa//Sebastian Kahnert)
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Michael Köhler: Unter dem Titel "Alles unter Kontrolle" wird im thüringischen Greiz die 8.Triennale der Karikatur gezeigt. Über 240 Zeichnungen von knapp 80 Künstlern aus Deutschland widmen sich den Themen Überwachung, Kontrolle und der Vorratsdatenspeicherung. Zugleich wird das 40. Jubiläum des Satiricums gefeiert. Das wurde 1975 als nationale Karikaturensammlung der DDR gegründet. Ich habe Eva-Maria von Mariassy, die Direktorin der Staatlichen Bücher- und Kupferstichsammlung Greiz mit "Satiricum" im Sommerpalais Greizer Park, gefragt: Nach den Attentaten von Paris und Kopenhagen sind Karikaturenausstellungen ein Wagnis. Aber es geht ja bei ihnen nicht um Mohammed-Karikaturen und religiöse Bekenntnisse, sondern worum, um Überwachung, Kontrolle, Vorratsdatenspeicherung? Was zeigen sie?

Eva-Maria von Máriássy: Es wird genau das gezeigt. Es wird die Überwachung durch Google Street View gezeigt, es wird die Überwachung am Telefon gezeigt, es wird der Vergleich NSA-Stasi gezeigt. Jeder Karikaturist hat eigentlich seins gefunden. 78 haben teilgenommen, jeder ist mit drei bis fünf Blättern vertreten, und das ist schon eine sehr große Ausstellung.

Köhler: Das gegenwärtige Thema "Alles unter Kontrolle" hat es in sich, denn Sie feiern zugleich auch das 40-jährige Jubiläum Ihres Hauses. 1975 als "Satiricum" nationale Karikaturensammlung der DDR gegründet. Waren Themen eigentlich wie Überwachung, Kontrolle, über die wir jetzt gerade sprechen, also Mithören der Firma Stasi, auch Gegenstand von Karikaturen zur Zeit der DDR? Wie weit ging da die Kontrolle?

Máriássy: In einem Punkt muss ich Sie gleich mal korrigieren. 1922 wurde die Staatliche Bücher- und Kupferstichsammlung gegründet im Sommerpalais, und dieser Fundus an alten Karikaturen aus dem 18. und 19. Jahrhundert, englische, französische, deutsche, das hat dazu geführt, dass man 1975 das "Satiricum" gegründet hat. Es gehören also auch alte historische Karikaturen zu diesem "Satiricum".

Köhler: Also Hogarth, Chodowiecki und so weiter?

Máriássy: So ist es. 1975 hat man dann, der damalige Direktor gedacht, dass man diese DDR-Karikaturen, die ja das Alltagsleben der DDR widerspiegeln, dass sie auch sammelwürdig sind. Dann hat man einen Platz gesucht und da die alten historischen Karikaturen hier schon waren, hat sich das Sommerpalais, die Staatliche Bücher- und Kupferstichsammlung angeboten. So war das.
Und um Ihre zweite Frage zu beantworten: Es ist nicht immer in der DDR alles gleich gewesen. Von 1947 an bis 1989 hat sich der Fokus der Karikaturisten natürlich auch verschoben. Am Anfang war es der erklärte Staatsfeind Nummer eins, der Westen. Das war die BRD und die USA, die in den Karikaturen Niederschlag gefunden haben. Das war auch schwer politisch. Und später dann in den 70er-Jahren war es die Mangelwirtschaft der DDR. Da zieht sich so ein Themenwechsel durch die Zeit, worauf sich die Karikaturisten dann als Thema geworfen haben.

Köhler: Ich habe gelernt, es gab Biennalen der DDR-Karikatur in Greiz. Wie weit ging das? Wie spitz durfte eine Feder sein?

Máriássy: Diese Biennalen wurden für das "Satiricum" als Ausstellung eingerichtet, alle zwei Jahre eine Karikaturenausstellung zu einem bestimmten Thema, und es war in der Tat so, wie Sie es ansprechen, in diesem entlegenen Greiz konnte man Karikaturen an die Wand hängen, die wären in der Hauptstadt damals schon schärfer geahndet worden. Das war tatsächlich ein winziger Freiraum.

Köhler: War die Karikatur, wenn ich Sie richtig verstehe, schon Teil auch einer oppositionellen Tätigkeit?

Máriássy: Das wird immer noch diskutiert. Die einen sagen, wir waren ja praktisch ständig in der Opposition, und die anderen sagen, das musste doch auch irgendwie linientreu sein. Es gab beides. Das Nette oder das Staunenswerte an diesen DDR-Karikaturen speziell der 80er-Jahre, wo sich das ja alles schon ein bisschen gelöst hat, war eigentlich, dass die mehrere Ebenen haben. Die erste Ebene ist der echte Schenkelklopfer, das kapiert jeder. Die zweite Ebene ist dann schon ein bisschen Kritik am System und in der dritten Ebene kann man dann wirklich Widerstand spüren. Das muss man, wenn man eine Ausstellung macht, bei jedem Blatt erklären, eine schwierige Aufgabe, denn der erklärte Witz ist ja nicht wirklich witzig.

Köhler: Von 1975 bis 1990 wurden planmäßig diese anspruchsvollen Arbeiten gesammelt. Seit der Wiedervereinigung sammeln Sie gesamtdeutsch. Aber der Schwerpunkt liegt nach wie vor auf Ostdeutschland?

Máriássy: Bei den Triennalen, die sind ja nun wirklich gemischt. Wir haben das gar nicht mehr gezählt. Im Jahre 25 nach der Wende fand ich das wirklich obsolet, noch mal zu zählen, wie viele ostdeutsche und wie viele westdeutsche Zeichner hier sind. Das wissen wir jetzt nicht mehr. Es war tatsächlich so: Natürlich konnte man bis1989 nur ostdeutsche Zeichner sammeln und seit 1990 ist das nun anders. Ich dachte zunächst auch, die DDR-Karikatur ist nun ein abgeschlossenes Sammelgebiet in einem Einmachglas, aber so ist es nicht. Die Künstler hatten alle noch alte Blätter, die nie irgendwie nach draußen gefunden haben, weil sie zu kritisch waren, und diese Blätter kommen jetzt Stück für Stück mit Schenkungen und Vorlässen ins Haus und so speist sich das "Satiricum" nach wie vor mit DDR-Karikaturen, die natürlich meistens - der Historiker oder Kunsthistoriker hätte immer gerne ein Datum drauf. Das haben die auch häufig, sodass wir den Tagesbezug immer noch herstellen können.

Köhler: ... sagt Eva-Maria von Máriássy, die Direktorin der Staatlichen Bücher- und Kupferstichsammlung mit "Satiricum" im thüringischen Greiz.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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