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StartseiteCorso„Dieses Album hat die Band gerettet“ 25.07.2020

"A Hero's Death" von Fontaines D.C.„Dieses Album hat die Band gerettet“

Durch die exzessive Tour zum gefeierten Debüt „Dogrel“ standen Fontaines D.C. kurz vor dem Burn-out, sagte Frontmann Grian Chatten im Dlf. Auch die Beziehungen der Bandmitglieder hätten gelitten. Erst die Arbeit am neuen Album habe die Freundschaften innerhalb der Band rehabilitiert.

Christoph Reimann im Corsogespräch mit Grian Chatten

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Fünf junge Männer mit den Händen in den Taschen posieren vor einem beleuchteten Eingang zu einem Gebäude. (Daniel Topete)
Haben sich bei der Produktion ihres neuen Albums wieder zusammengerauft: Fontaines D.C. (Daniel Topete)
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2019 hat die irische Band Fontaines D.C. ihr gefeiertes Debütalbum "Dogrel" veröffentlicht - ein manisches, getriebenes Album voller energetischer Gitarrenriffs und wütender, poetischer Abhandlungen über das Leben der irischen Jugend, geprägt von der Hassliebe zu ihrer Heimatstadt Dublin. Der Hype war groß, die anschließende Tour lang und exzessiv. Und irgendwie zwischen plötzlichen Ruhm, stundenlangen Autobahnfahrten zum nächsten Konzert und kräftezehrenden Auftritten, war die Band kurz davor, sich zu verlieren, erzählt Frontmann Grian Chatten im Corsogespräch. 

"Das Gemeinschaftsgefühl in der Band, diese verschwörerische Gemeinschaft, die man hat, wenn man anfängt, zusammen ein paar Songs zu schreiben, ohne dass sich auch nur irgendwer dafür interessieren würde, wer du bist - das verschwand. Wir liefen Gefahr, das völlig zu verlieren."

Durch die Arbeit am neuen Album "A Hero's Death" habe Chatten allerdings seine Freiheit und Individualität wiedergefunden - und auch die Band habe sich wieder zusammengerauft. "Wir haben uns wieder als Freunde und Partner gesehen."

Christoph Reimann: Auffallend ist der starke Kontrast zum Vorgänger. Auf "Dogrel" war eine Band zu hören, die voller Energie steckte, die jung war, die bereit war, die Welt zu erobern. Auf "A Hero's Death" haben Sie sicher nicht Ihre Energie eingebüßt. Aber einige Songs sind deutlich langsamer, fast schon Balladen. Sie scheinen gealtert, weniger unbedarft. Und das, obwohl zwischen dem Debüt und dieser Platte nur ein Jahr liegt. Was ist da passiert?

Grian Chatten: Wir sind mit einem Album auf Tour gegangen, das, wie Sie schon gesagt haben, mit dem Anspruch angetreten ist, die Welt zu erobern. Und das hat sich auf uns ausgewirkt, zwei Jahre lang, jede Nacht. Wir waren laut, immer im Zentrum des Geschehens. Unsere ruhigeren Seiten haben wir komplett links liegenlassen. Ich glaube, das neue Album ist Ausdruck dieser ruhigeren Seite, die wir so lange vernachlässigt haben. Und was das Älterwerden angeht: Die Songs auf "Dogrel" sind ja schon vor zwei, drei Jahren entstanden. Und seitdem ist wirklich viel passiert.

Reimann: Als ich Sie und Ihre Band in Berlin habe spielen sehen, dachte ich, ich sehe ein Band, die kurz vor dem Burnout steht. Zu viele Konzerte hintereinander, zu wenig auf sich selbst achtgegeben.

"Wir standen kurz vor dem Burn-out"

Chatten: Ja, das kann schon sein. Wenn man erst mal damit angefangen hat, nicht auf sich aufzupassen...aber wir hatten ja nicht mal eine Wahl: Jeden Tag mussten wir in einer anderen Stadt ein Konzert spielen, und wenn mal kein Konzert anstand, dann eine zehnstündige Autofahrt. Man erwartet ziemlich viel von sich selbst, wenn man so etwas durchziehen und auch noch auf sich selbst achtgeben möchte. Irgendwann habe ich an Schlaflosigkeit gelitten. Ich habe sechs bis sieben Tage ohne Schlaf durchgemacht. Und jeden Tag ein Konzert voll mit unseren Songs, die schnell sind, voller Angst. Ja, wir standen kurz vor dem Burn-out. Der Corona-Lockdown war für uns ein Segen.

Reimann: Tatsächlich erzählen das viele Bands. Viele wissen natürlich nicht, wie sie jetzt Geld verdienen sollen. Aber viele erzählen eben auch, dass sie erst im Lockdown gemerkt haben, wie nötig sie eine Pause hatten.

Chatten: Ja, man muss schon sehr selbstsicher sein, um auch mal auf die Bremse zu treten. Zu sagen: Ich brauche diese Pause. Besonders wenn man aus Irland kommt, wo man nie undankbar sein möchte für die Chancen, die einem gegeben werden. Es fällt uns schwer, auch mal nein zu sagen. Freiwillig hätten wir wohl diese Pause nie genommen, die wir so sehr gebraucht haben.

Reimann: Wie hat die Tour beziehungsweise wie hat der Erfolg die Dynamiken in der Band verändert? Sie waren ja ein paar Typen, die über die gemeinsame Liebe für Gedichte zu Freunden wurden, eine Band gegründet haben. Dann kam der plötzliche Erfolg, sogar mit einem Fernsehauftritt in den USA.

"Liefen Gefahr, Gemeinschaftsgefühl als Band zu verlieren"

Chatten: Ja. Das Gemeinschaftsgefühl in der Band, diese verschwörerische Gemeinschaft, die man hat, wenn man anfängt, zusammen ein paar Songs zu schreiben, ohne dass sich auch nur irgendwer dafür interessieren würde, wer du bist, das verschwand. Wir liefen Gefahr, das völlig zu verlieren. Aber das neue Album hat den Zauber der ersten Stunde wiedergebracht. Dieses Album hat die Band gerettet. Es hat unsere Freundschaft rehabilitiert. Wir haben uns wieder als Freunde und Partner gesehen.

Reimann: Die Songs sind wahrscheinlich schon vor dem Lockdown entstanden, oder?

Chatten: Ja, wir haben das ganze Album im Januar aufgenommen.

Reimann: Ich habe gelesen, dass Sie angefangen hatten, das Album in LA aufzunehmen. Und es gibt ja auch immer wieder USA-Bezüge. Aber Sie mussten zurück nach Irland, um das Album fertig zu bringen. Warum hat das in LA nicht geklappt?

Chatten: Wir sind nach LA gegangen, weil wir dachten, wir könnten da leben, wie es die Beach Boys in ihren Songs besungen haben. Wir sind da mit viel Romantik rübergegangen. Aber alles, was wir fanden, war guter Kaffee. Überall hin muss man ein Taxi nehmen! Unser Album fing an, ziemlich glatt zu klingen, irgendwie zu voll. Wir sind dann nicht nach Irland gegangen, aber zurück nach London. Dorthin, wo wir auch schon unser erstes Album aufgenommen hatten. Wir haben das Album da mit dem Produzenten Dan Carey aufgenommen, fast nur mit unserem eigenen Equipment, unseren eigenen Gitarren und Verstärkern. Nach zehn Tagen waren wir fertig, für die Aufnahmen an sich haben wir sogar nur drei Tage gebraucht. Mit Dan Carey ist alles ganz einfach.

Reimann: Haben die Beach Boys auch Ihr Album beeinflusst? Es gibt ja jetzt manchmal diesen Harmoniegesang.

"Mussten uns einen imaginativen Zufluchtsort schaffen"

Chatten: Ja, haben sie auf jeden Fall. Auch Lee Hazlewood war ein großer Einfluss. Leute wie Hazlewood oder die Beach Boys haben ihre eigenen Welten erschaffen. Vielleicht mussten auch wir unsere eigene kleine Fantasiewelt erschaffen, so wie Brian Wilson seine eigene Welt erschaffen musste, um mit der harten Realität seines Lebens klarzukommen. Wir musste uns einen imaginativen Zufluchtsort schaffen.

Reimann: Ihre Welt hat vielleicht mehr Mollakkorde als die der Beach Boys.

Chatten: Vielleicht, ich weiß nicht.

Reimann: Freiheit scheint das Thema der Platte zu sein. Sich niemandem unterordnen, sich in niemandes Dienst stellen. Hatten Sie das Gefühl, irgendwie in Ketten gelegt zu sein?

Chatten: Ja. Ich hatte das Gefühl, dass meine Unabhängigkeit und meine Individualität gefährdet waren. Ein Grund dafür war der Ruhm, den wir auf einmal hatten, auch wenn wir ja nicht so richtig berühmt geworden sind. Aber es gab auf einmal so viele Erwartungen, die an uns gestellt wurden. Mit meinen Texten möchte ich klarmachen: Das ist der Platz, den ich brauche. Ich breite da im Grunde meine Arme aus und behaupte meinen Raum. Mittlerweile habe ich eine feste Beziehung, ich bin verlobt. Das ist etwas völlig Neues für mich. Das führt zu Verantwortung und Pflichten, genauso wie zu ganz anderen wunderbaren Dingen. Das war eine große Umstellung für mich, für jemanden, der immer nach Unabhängigkeit gestrebt hat.

Reimann: Das Debüt war inspiriert von William Butler Yeats und James Joyce. Gibt es denn ähnliche Anspielungen auf dem neuen Album?

"Haben Alkohol wie Kaffe getrunken"

Chatten: Der Albumtitel und der Titeltrack: "A Hero's Death". Das kommt aus einem Theaterstück von Brendan Behan. Behan war ein irischer Dramatiker der 50er und 70er. Er wurde sehr berühmt in den USA. Er hat immer tolle Interviews gegeben, ich glaube, das hat ihn so interessant gemacht für die Amerikaner. Jedenfalls hat er mal ein Theaterstück mit dem Namen "The Hostage" geschrieben. Und darin gibt es die Zeile: "Everybody‘s looking for a hero's death." Und daher kommt unser Titel. Mehr direkte Anspielungen gibt es aber nicht, obwohl das Album auf jeden Fall noch von anderen inspiriert ist.

Reimann: Aber verstehen Sie den Titel A Hero's Death im Sinne von Brendan Behan? Oder hat er für Sie eine andere Bedeutung angenommen?

Chatten: Er hat ganz sicher eine eigene Bedeutung angenommen. Im Grunde fand ich es einfach lustig, unser zweites Album "A Hero's" Death zu nennen. Die enttäuschten Fans vorausahnend. Wenn wir deine Helden waren, naja, jetzt sind wir wohl für dich gestorben.

Reimann: Wie wollen Sie sich und Ihre Band davor bewahren, wieder auszubrennen?

Chatten: Das Wichtigste: Wir haben wieder eine gesunde Verbindung zum Alkohol aufgebaut. Wir haben einfach jeden Tag wahnsinnig viel getrunken. Ich möchte nicht wie ein Klischee klingen, wie ein vor Selbstmitleid triefender Musiker. Zu trinken, das war meine Entscheidung, ganz klar. Aber wir haben Alkohol wie Kaffee getrunken, für den Kick, um die nächsten anderthalb Stunden abliefern zu können. Und das ging die ganze Zeit so. Seit dem Lockdown trinke ich wieder nur dann, wenn es einen richtigen Grund gibt. Wenn es etwas zu feiern gibt. Ich habe also wieder eine normale Beziehung zum Alkohol.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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