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"A Venetian Christmas"

Eine Venezianische Weihnacht im Sinne der Basilica San Marco verspricht die Deutsche Grammophon mit einer ihrer neuesten Veröffentlichungen. Punktgenau zum Advent kam die CD auf die übervollen Aktionstische der Schallplattenläden. Urheber dieser erbaulichen Abwechslung zum jährlichen Standardprogramm sind Paul McCreesh und das Ensemble Gabrieli Consort and Players. Durchaus britisch, denn ein Name verpflichtet, steht das Ensemble Gabrieli Consort and Players im festen Treuebund zu einem sehr spezifischen Barock-Repertoire, und das seit über einem Jahrzehnt. Seine Spezialität ist die fundierte Nachbildung liturgischer Festmusiken. Zum Ursprungsland der musikalischen Aktivitäten wählte es das Venedig von Giovanni Gabrieli um 1600. Immerhin ein halbes Dutzend Aufnahmen widmete das Ensemble bislang explizit der Musik aus der Lagunenstadt. Nun liegt die neue CD mit einer Rekonstruktion der Ersten Messe zu Weihnachten an San Marco vor. Sie beinhaltet die "Missa Praeter rerum seriem" von Cipriano de Rore sowie Kompositionen von Giovanni Gabrieli. Zu Beginn unserer Sendung hören Sie einen Ausschnitt aus der zwölfstimmigen Canzon im neunten Ton vom Namensgeber des Ensembles, Giovanni Gabrieli. * Musikbeispiel: Giovanni Gabrieli - Canzon noni toni Diese Canzone darf als schönes Beispiel für die außerordentliche Entwicklung der Instrumentalmusik in Venedig um 1600 gelten. Ihr betörender Glanz und der Esprit jedoch ist das Ergebnis der hervorragenden Gabrieli Players, insbesondere der Bläser. Noch vor Jahren beschränkte sich, was beispielsweise die Zinkenisten betraf, die Szene auf wenige beispielgebende Namen. Die Anzahl hervorragender Bläser ist hörbar gewachsen. Gespielt wird auf extrem hohem Niveau. Zurück zur Rekonstruktion der Ersten Messe zu Weihnachten an San Marco: Hierbei sorgt Paul McCreesh für starke Reize. Er folgt, wann immer möglich, seiner Überzeugung, dass Liturgie immer auch als Form von Theater zu verstehen sei, aus Kontrasten, Spannungen und Übergängen bestehe. Phantasievoll wechseln die liturgischen Elemente auf dieser CD einander ab. Da wird ausgiebig von Instrumentalstücken Gebrauch gemacht, hebt sich einstimmiger gregorianischer Gesang von Mehrchörigkeit und Polyphonie ab. Den stärksten innermusikalischen Kontrast bilden die für die CD ausgewählten mehrstimmigen Werke. Sie stammen einerseits von Giovanni Gabrieli und andererseits von Cipriano de Rore. Was die Komponisten ihrerseits verbindet, ist die jeweilige Tätigkeit im Dienst der Basilika San Marco und sie verbindet ebenso gut ihr musikalisches Neuerertum. Was sie trennt, sind knapp ein halbes Jahrhundert Musikgeschichte. Und in diesem halben Jahrhundert gab es in Venedig eine rasante Musikentwicklung. De Rores "Missa praeter rerum seriem" ist der altehrwürdigen Tradition der Niederländer-Polyphonie verpflichtet. Ungemein modern hingegen wirkt die mehrchörige Instrumentalmusik von Giovanni Gabrieli. Seit 1584 war Gabrieli als Organist an San Marco tätig. Er komponierte genauso für Staats- wie auch für Kirchenfeste und das zu einer Zeit der absoluten Luxusorientierung in der Serenissima. Entsprechend großzügig dürften die Mittel für die musikalische Ausstattung ausgefallen sein. Repräsentative Aufführungen, zumal an San Marco, konnten mit einer beachtlichen Anzahl von Sängern und Instrumentalisten ausgestattet sein. Davon gehen auch Paul McCreesh und Ensemble bei der Nachbildung einer Weihnachtsmesse, wie sie an San Marco um 1600 hätte gefeiert werden können, aus. Hören sie die 16stimmige Weihnachtsmotette "Audite principes" vokaliter und instrumentaliter zu drei Chören. Es musizieren das Ensemble Gabrieli Consort and Players unter der Leitung von Paul McCreesh. * Musikbeispiel: Giovanni Gabrieli - Audite principes "Audite principes" ist ein Stück von monumentaler Wirkung, das mit seiner Klangarchitektur für die Basilika San Marco in Venedig geradezu geschaffen war. Die ebenfalls in die fiktive Weihnachtsmesse eingearbeitete "Missa praeter rerum seriem" von Cipriano de Rore wurde mit Sicherheit nicht für San Marco, sondern ursprünglich für den Hof des Herzogs Ercole von Ferrara geschrieben. Im Alto Cantus firmus brachte de Rore die Verehrung für seinen Mäzen mit den Worten 'Herkules der Zweite, vierter Herzog von Ferrara, er lebt und wird leben' zum Ausdruck. Hochachtung galt einer weiteren Persönlichkeit des Ferrareser Musiklebens: De Rore verwendete nämlich eine musikalische Vorlage von Josquin Desprez, und zwar die Weihnachtsmotette "Praeter rerum seriem". Im Booklet zur neuen CD schreiben John Bettley und Paul McCreesh hinsichtlich einer durchaus denkbaren Aufführung der Missa an San Marco folgendes: dass man in diesem Fall den ursprünglich an den Herzog gerichteten musikalischen Tribut, nämlich Hercules secundus Dux Ferrariae ..., zweifellos den politischen Gegebenheiten der Republik Venedig angepasst hätte. In Anbetracht dessen habe man den Text bei der vorliegenden Aufnahme abgewandelt, obwohl die Anspielungen ein besonders scharfes Gehör voraussetzen würden. Missa Praeter rerum seriem: Das Mysterium um die Geburt Christi aus dem Geist des niederländischen Komponisten Cipriano de Rore nebst jener geheimnisumwitterten Mitteilung im Alto Cantus firmus von Paul McCreesh. Lassen Sie uns jetzt in das Kyrie hineinhören und die Botschaft erkennen. * Musikbeispiel: Cipriano de Rore - Kyrie aus Missa Praeter rerum seriem Das war ein Teil des Kyrie aus der Missa Praeter rerum seriem von Cipriano de Rore. Es sangen die Musiker des Gabrieli Consort unter der Leitung von Paul McCreesh. Die Schallplattenkarriere von Paul McCreesh und dem von ihm gegründeten Ensemble Gabrieli Consort and Players wurde von vielen internationalen Auszeichnungen begleitet. Fabelhafte Solisten haben inzwischen mit McCreesh zusammengearbeitet. Gemeinsam sorgten sie für eine lebendige Aufführungspraxis. Fester Bestandteil des Repertoires wurden die zahlreichen Rekonstruktionen liturgischer Festgottesdienste, wie sie in jeweiliger Zeit "hätten stattgefunden haben können". McCreeshs Behandlung der historischen Dokumente fand hinreichend Bewunderer wie Kritiker. Seine besondere Stärke bestand über die Jahre offensichtlich vor allem darin, ungebrochenen Mut zu einer quasi persönlichen, aussagekräftigen Interpretation zu zeigen. Und vielleicht wirken viele seiner Aufnahmen gerade deshalb so überzeugend, weil er als Musiker authentisch ist. Paul McCreeshs Leidenschaft ist das Musiktheater und das macht für ihn ebenso wenig vor Liturgie halt. Die neue CD mit der Weihnachtsmesse im Sinne der Basilika San Marco um 1600 verdeutlicht es ein weiteres Mal. McCreesh hat zahlreiche Opern und Oratorien des Barock aufgeführt. Zudem ist er Gründer und Künstlerischer Leiter der Brinkburn Music. Weit weniger publik ist, dass McCreesh als vielseitiger Musiker und Dirigent die Musik des 19. Jahrhunderts genauso dirigiert und schätzt wie die der klassischen Moderne. Bei all diesen vielschichtigen Interessen verwundert das zu gut einem Viertel auf Venedig hinformatierte CD-Repertoire. Aber möglicherweise ist das weniger auf Paul McCreesh und sein Ensemble Gabrieli Consort and Players zurückzuführen als auf die Philosophie der Schallplattenfirma. Vielleicht geht es dort dem einen oder anderem Art Director wie Friedrich Nietzsche, der einmal feststellte: "Wenn ich ein anderes Wort für Musik suche, so finde ich immer nur das Wort Venedig." A Venetian Christmas - 'eine Weihnachtsmesse, wie sie um 1600 an San Marco hätte stattgefunden haben können': Hören Sie zum Abschluss der Sendung "Die neue Platte" einen Ausschnitt aus der Orgelimprovisation von Timothy Roberts über eine Toccata von Girolamo Frescobaldi. * Musikbeispiel: Timothy Roberts - Toccata, Improvisation über das Stück von Girolamo Frescobaldi

Sabine Benger |