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StartseiteKultur heuteAbbild gesellschaftlicher Ängste06.01.2013

Abbild gesellschaftlicher Ängste

"Demenz, Depression und Revolution" von Fritz Kater am Gorki Theater Berlin

Regisseur Armin Petras inszeniert das von seinem Alter Ego Fritz geschriebene Stück als fragmentarische Miniaturen vom langsamen Verschwinden und vom Nicht-mehr-Begreifen. Das ist manchmal zum Verzweifeln komisch, anrührend und voller Schmerz erzählt.

Von Michael Laages

Das Maxim Gorki Theater in Berlin (dpa / picture alliance / Michael Kappeler)
Das Maxim Gorki Theater in Berlin (dpa / picture alliance / Michael Kappeler)
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Experiment und Einfühlung

Sechs Personen suchen nach dem, was von ihnen geblieben ist. Längst frisst gierig die Demenz das Bewusstsein auf, das Wettrennen zwischen schrumpfendem Hirn und wachsenden Tumoren ist eröffnet. Und wer mittendrin ist, kann nur noch verlieren, mehr oder weniger schnell.

Fritz Katers fragmentarischer Text versammelt Miniaturen vom langsamen Verschwinden, vom Nicht-mehr-Begreifen was passiert bei Patienten, Angehörigen wie Betreuern. Das ist manchmal zum Verzweifeln komisch, anrührend und voller Schmerz erzählt, zumal Patricia Talacko, Kostümbildnerin bei Petras, das Ensemble mit beunruhigend viel Kissen vor dem Bauch und um die Hüften sowie fürchterlichen Perücken zu dementen Monsterchen aufgeplustert hat. Eklig stinkende Altenpflege wie zuletzt bei der Sohn-pflegt-Vater-Passion von Romeo Castellucci und der italienischen Societas Raffaella Sanzio will Petras niemandem zumuten. Hier hat auch das ulkige Bemühen Platz, das Sohn und Pfleger aufwenden, um Mama endlich ins Heim zu entsorgen.

Sohn: "Hallo Mutti! Ich hab’ Dir heute jemand mitgebracht; den Doktor Klammer."
Klammer: "Hallo Frau König! Ich darf mich mal zu Ihnen setzen, ja?"
Sohn: "Jetzt geht’s los! Das haben wir doch alles schon besprochen."
Klammer: "Sind Sie denn schon richtig aufgeregt? Wir sind auch alle schon richtig aufgeregt. Schön, dass Sie jetzt zu uns kommen."
Sohn: "Zu all den netten Leuten!"

Schließlich beschwört Allerdementeste, zuvor schon stark weggetreten, den Traum vom "Schmetterlingsgrund" – als eine Art Paradies jenseits der belebten und bewohnten Welt. Und wir wissen ja nicht, ob da irgendeine verlorene Seele zur Ruhe kommen wird .

Der Fußballtorwart Robert Enke fand seine finale "Ruhe" auf den Schienen der Regionalbahn nahe Neustadt am Rübenberge bei Hannover – vorigen Herbst vor drei Jahren nahm er sich dort das Leben. In "Schwarzer Hund" erzählt Kater die Geschichte von Auf-, Ab- und Wiederaufstieg, von den persönlichen Dramen um Robert und Theresa Enke, von Krankheit und Tod in der Depression, die sich (so steht’s in Enkes Biografie) als "schwarzer Hund" unabschüttelbar auf Herz und Hirn des Top-Torwarts gelegt hatte. So stark die Geschichte um das zeitlebens zwischen Laben und Karriere überforderte Paar sein mag, so schwach ist Katers Text: rein biografisch an den Daten von Leben und Werk entlang erzählt. Nur dass Hannover, wo Enke bekanntlich so erfolgreich spielte, nicht Hannover heißen darf, sondern "Braunschweig" heißen muss, ohne die finstre Poesie, die die Fabeln von den Dementen weithin ausgezeichnet hatte:

"Schwarzer Vogel, nimm mich mit! / Schwarz: ein Schnitt / schwarz: ein Schnitt" raunt da der Schmetterlingsbeschwörer – und zitiert dabei einen der allerstärksten Kater-Texte, uraufgeführt in Frankfurt an der Oder, als es dort noch ein richtiges Theater gab.

Im dritten Teil erinnert Kater in einem eher fahrig-wurschtigen Happening-Versuch vom Tagebuch des praktisch vergessen tschechischen Film-Modernisten Pavel Juraczek – der ist gerade mit einem "Gulliver"-Film beschäftigt, als 1968 der Prager Frühling losbricht; und er quält sich anhaltend mit der Frage, ob er die Kunst voran treiben solle oder nicht doch besser die Revolution. Kunst sei Revolution, lässt er zum Schluss raunen, oder sie sei gar nicht – das Hin und Her um Tochter, Ex-Frau und Geliebte lässt im Stück aber nicht wirklich ahnen, dass das stimmen könnte.

Dem Autor Kater, so scheint es jetzt in fast vier Stunden am Maxim-Gorki-Theater, ist etwas sehr Wesentliches abhanden gekommen: die enge Bindung an die vergessenen oder wenigstens häufig nur von ihm so brillant und klug angeschärft erzählten Geschichten aus der vergangenen DDR. Juraczeks "Tagebuch eines Revolutionärs" hat das nicht, Enkes Passion hat es wirklich nur in Miniaturen zu Beginn (der Torwart kam aus Thüringen), das "Demenz"-Projekt spielt immerzu und überall. Mit Armin Petras wird natürlich auch Fritz Kater nach Stuttgart wechseln im Sommer – "Demenz, Depression und Revolution" könnte ein Vorgeschmack auf all das sein, was sich bei beiden noch ändern wird.

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