Sonntag, 22. Mai 2022

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Abchasien - Armenien - Aserbaidschan - Georgien

Das russische Label Melodia widmet sich in seiner "Anthologie der Volksmusik" vier Ländern des Kaukasus: Anhand von vier CDs zu Abchasien, Armenien, Aserbaidschan und Georgien lässt sich auch der Einfluss des Sowjetregimes auf die Entwicklung der Volksmusik verfolgen.

Von Ingo Dorfmüller | 03.04.2011

Heute mit Musik aus dem Kaukasus, zu finden auf vier CDs, die in der Reihe "Anthologie der Volksmusik" auf dem russischen Label Melodia erschienen sind. Hier das armenische Nationalinstrument, der Duduk, gespielt von einem der größten Virtuosen seines Faches, Djivan Gasparian.

" Armenien, Trad.: Vorskan akhper (Brother Hunter)
G. Gasparjan, Duduk
MEL CD 30 01642 - Armenian Music
Track 16 "

In der Sowjetunion galt auch für die Musik die Doktrin des "sozialistischen Realismus", und das bedeutete unter anderem die nachdrückliche Verpflichtung der Komponisten auf "Volkstümlichkeit". Was darunter jeweils zu verstehen sei, blieb der Auslegungswillkür der Funktionäre überlassen. Voraussetzung solcher Maßgaben war allerdings die Kenntnis der tatsächlichen Volksmusik. Sie wurde erforscht, aufgeführt und aufgenommen, in Russland, wie noch in der fernsten Sowjetrepublik. Natürlich galten auch dabei gewisse ideologische Prämissen: So wurden die vorgefundenen Traditionen zugleich "modernisiert" - in neuer Notenschrift erfasst, überformt und vereinheitlicht, mit verändertem Instrumentarium von großen Volksmusikensembles aufgeführt. Die georgischen Lieder etwa wurden traditionell von kleinen Gruppen gesungen, die Hauptstimme wurde solistisch ausgeführt und improvisierend ausgeschmückt.

" Georgien, Trad.: Adila
Vocal Trio: G. Chelidze, A. Tugushi, D. Khomeriki
MEL CD 30 01644 - Georgian Music
Track 3 "

Jetzt sangen das große Chöre, und viele georgische Musiker klagten, dass ihnen damit die Möglichkeit zur Improvisation genommen sei.

" Georgien, Trad.: Alilo (Ausschnitt)
I. Zakaidze, N. Kurukhalia and their Vocal ensemble
MEL CD 30 01644 - Georgian Music
Track 1 "

Ein blinder Fleck ist, wenig überraschend, die geistliche Musik - obwohl beispielsweise die armenische Volksmusik über ein großes Repertoire geistlicher Gesänge verfügt und die frühe Mehrstimmigkeit Georgiens sich im kirchlichen und im weltlichen Bereich gleichzeitig entwickelte und für beide dieselben Techniken verwendet.

Nicht alle Veränderungen in der Volksmusik des Kaukasus gehen auf das Konto der Sowjetunion. Eine Akademisierung des Musiklebens hatte zum Teil schon sehr viel früher eingesetzt: in Georgien etwa mit der Annexion des Landes durch Russland im 19. Jahrhundert. Und das Industriezeitalter hatte sich auch in dieser Region bemerkbar gemacht: Es veränderte die traditionellen Lebensvollzüge, vor allem in den Städten, wo beispielsweise die traditionellen Ernteriten verschwanden, während andererseits westliche Kunst- und Unterhaltungsmusik großen Widerhall fand. Europäische Melodiebildung und Harmonik mischten sich mit der traditionellen Musik, und auch im Kaukasus wurden die traditionellen Instrumente - zumindest teilweise - durch den unaufhaltsamen Siegeszug von Gitarre und Akkordeon verdrängt.

" Georgien, Trad.: My Shalva (Ausschnitt)
Vocal Quartet, Ltg.: M. Chokolava
MEL CD 30 01644 - Georgian Music
Track 5 "

Die Aufnahmen, die zwischen 1960 und 1987 entstanden, dokumentieren durchaus unterschiedliche Stadien des Umgangs mit der Volksmusik: Ungefiltert Authentisches steht neben professionell Aufpoliertem, lebendige Tradition neben akademischer Glätte. Alles das landete in den legendären Archiven des staatlichen Plattenkonzerns "Melodia", der seit 1964 als Einziger in der Sowjetunion Tonaufnahmen produzieren und verbreiten durfte. Nach dem Ende der Sowjetunion wurde Melodia zunächst ein Label der Bertelsmann Music Group, der es aber weniger um eine systematische Auswertung der Bestände ging, als darum, sich mögliche Billigkonkurrenz auf dem Klassikmarkt vom Leibe zu halten. Auf halb legalem oder auch ganz illegalem Weg - genau dürfte das kaum noch zu klären sein - fanden trotzdem große Teile des Klassikrepertoires, Aufnahmen mit David Oistrach oder Emil Gilels, ihren Weg in den Westen. Es waren die wilden Jahre des Raubtierkapitalismus in Russland - und der Melodia-Konzern hätte sie fast nicht überlebt.

Er ist auch heute noch ein Staatsunternehmen - freilich eines, das vom Staat keine einzige Kopeke Subvention mehr erhält. Ganze 60 Mitarbeiter sind dort noch tätig. Doch unter neuer Leitung sind in den letzten Jahren viele wichtige Aufnahmen wiederveröffentlicht worden: Dazu zählt auch die inzwischen neun Folgen umfassende Serie "Anthology of Folk Music". Gewiss, die Aufmachung ist dürftig: Der Booklet-Text - in Russisch und einem durchaus fehlerhaften Englisch - gibt nur allgemeine Informationen, kaum Details zu den Stücken und Interpreten, es fehlen Angaben zu Ort, Zeit und Umständen der jeweiligen Aufnahmen. Die CDs aber enthalten manche Schätze. Und wenn auch eine Vielzahl kurzer Stücke unterschiedlichsten Charakters aufeinanderfolgt, so ist doch anzuerkennen, dass sich ein bemerkenswert vollständiges Bild ergibt: Die unterschiedlichen Genres, Tanz-, Trink-, und Hochzeitslieder etwa, sind vertreten, die jeweils charakteristischen Instrumente und ihr typisches Repertoire und die verschiedenen Regionen der betreffenden Länder.

Von besonderem Interesse ist die CD mit Musik aus Abchasien. Der Landstrich an der Küste des Schwarzen Meeres mit gerade einmal 200.000 Einwohnern ist zum Zankapfel geworden: Nominell noch eine georgische Region, strebt er nach Unabhängigkeit und wird darin von Russland massiv unterstützt. So ist es sicher kein Zufall, dass in dieser Edition Abchasien neben souveränen Staaten wie Georgien, Armenien und Aserbaidschan erscheint. Indessen gibt es durchaus kulturelle Unterschiede zu Georgien: Die Abchasen sprechen eine eigene Sprache, und unter osmanischer Herrschaft, die von 1568 bis 1829 andauerte, nahmen sie den muslimischen Glauben und die arabische Schrift an - während das ebenfalls besetzte Westgeorgien an seinen christlichen Traditionen festhielt.

Abchasien ist berühmt für die Langlebigkeit seiner Bewohner und für das hohe Ansehen, das die Alten in dieser Kultur genießen: So gibt es hier einen "Chor der Uralten" oder "Langlebenden" - keines der Mitglieder ist jünger als 70.

" Abchasien, Trad.: Achara iashva (Wedding Song)
Sh. Djenia (Solist) / Ethnographic Chorus of Abkhazian Long-Livers "Nartaa" / Ltg.: V. Ashuba
MEL CD 30 01643 - Abkhazian Music
Track 12 "

Wie im Westen Georgiens gibt es auch in Abchasien die Tradition, dass ganze Familien gemeinsam musizieren. Überhaupt ist es in der Region so, dass Musik üblicherweise nicht von Musikern einem Publikum dargeboten wird, sondern dass alle mitmachen. Einzig in der Familie aber kommt es vor, dass Männer und Frauen gemeinsam singen: Ihre Sphären sind sonst getrennt, und auch die ihnen zugehörigen musikalischen Repertoires unterscheiden sich.

" Abchasien, Trad.: Ozbak iashva (Song about Ozbak), 2nd version
Ferzba family
MEL CD 30 01643 - Abkhazian Music
Track 9 "

Die Gemengelage christlicher und muslimischer Völker am Kaukasus und im südlichen Russland produziert eine Vielzahl kleiner, gelegentlich aufflammender Konflikte. Im Falle der beiden Nachbarländer Armenien und Aserbaidschan kam es zu einem großen Krieg um die umstrittene armenische Enklave Berg-Karabach, der ein abscheuliches Pogrom an der armenischen Gemeinde in Baku nach sich zog. Die Tatsache, dass zu diesem Zeitpunkt noch eine große armenische Gemeinde in der aserbaidschanischen Hauptstadt lebte, bezeugt die alte Verbundenheit und den ehemals fruchtbaren kulturellen Austausch der Nachbarvölker. So hat der spezifisch aserbaidschanische Musikstil des "Mugam" auch in Armenien Eingang gefunden: Kunstvolle Variationen über tradierte Melodiemodelle, die ihrerseits auf bestimmten Tonleitern beruhen.

" Aserbaidschan, Trad.: Shur ahaginda (Mugam) (Ausschnitt)
K. Dzhalilov (Oboe) / Folk Instruments Ensemble
MEL CD 30 01639 - Azerbaijan Music
Track 4 "

Auch die Bezeichnung für einen wandernden Sänger ist in beiden Ländern ähnlich: Ashug in Armenien, Ashiq in Aserbaidschan. Die armenischen Ashughner waren professionelle Sänger; daneben aber existiert in Armenien ein reiches Repertoire tatsächlicher Volkslieder, von denen viele von der Unterdrückung der armen Bauern durch die Grundherren erzählen. Ein besonderes Genre ist dabei jenen vorbehalten, die ins Exil gehen mussten, um den Lebensunterhalt für sich und ihre Familie zu verdienen.

" Armenien, Trad.: Antuni (Homeless Man's Song)
A. Muradjan, Gesang
MEL CD 30 01642 - Armenian Music
Track 11 "

Vier Länder am Kaukasus, eine Vielfalt unterschiedlicher Stile und Formen: Mehr als einen - allerdings faszinierenden - Einblick gewinnt man mit den vier Melodia-CDs nicht. Doch Alternativen, die eine eingehendere Beschäftigung mit der Musik erlauben würden, gibt es in den Schallplattenkatalogen derzeit kaum: So bleibt wohl nur die Hoffnung, dass Melodia die Forschungsarbeiten im Archiv fortsetzt.

Diskografische Angaben:

Anthology of Folk Music - Ducha Naroda (Spirit of Folk)
MEL CD 30 01643 - Abkhazian Music
MEL CD 30 01642 - Armenian Music
MEL CD 30 01639 - Azerbaijan Music
MEL CD 30 01644 - Georgian Music