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StartseiteCampus & KarriereSchulabschluss soll einfacher und fairer werden28.09.2016

Abitur in Sachsen-AnhaltSchulabschluss soll einfacher und fairer werden

Wer beispielsweise in Hessen oder Hamburg seine Prüfungen macht, hat deutlich bessere Chancen, ein gutes Abschlusszeugnis zu bekommen. Sachsen-Anhalt gilt als das Bundesland mit dem schwersten Abitur. Nun will die Landesregierung das Abitur entschärfen und damit gerechter machen.

Von Christoph D. Richter

Abitur-Klausuren werden in Stuttgart im Regierungspräsidium sortiert und für die Zweitkorrektur verteilt. (picture-alliance/ dpa / Franziska Kraufmann)
Im Vergleich zu anderen Bundesländern, haben Schüler in Sachsen-Anhalt weit mehr Leistung für ihr Abitur zu erbringen. (picture-alliance/ dpa / Franziska Kraufmann)
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"Es wär für Sachsen-Anhalt ein Neuanfang, man könnte wieder zu einem gerechten Abitur zurückkehren."

Unterstreicht der in Halle lebende Günter Germann, ein früherer Oberstufenlehrer. Seit Jahren beobachtet er akribisch, aber auch kritisch die Entwicklung des Abiturs in Sachsen-Anhalt. Abiturienten müssten bis dato sechs Leistungskurse belegen, zudem würden alle 44 Zeugnisnoten der 11. und 12. Klasse in die Abi-Note einfließen, während Schüler in Hamburg, Bremen, Berlin und Hessen ein Viertel der schlechten Noten ausklammern könnten.

"Das Abi ist damit ein Lotto"

"Das führt zu wahnsinnigen Ungerechtigkeiten, das Abi ist damit ein Lotto."

Ähnlich sieht das auch Sachsen-Anhalt neuer CDU-Bildungsminister Marco Tullner und kündigt eine Oberstufen-Reform an. Er wolle zurück zu einem leistungsdifferenzierten Abitur, sagt er. Angedacht ist die Rückkehr zum klassischen Kurssystem, bestehend aus Grund- und Leistungskursen, wie es das bereits bis 2003 schon mal gab.

"Ich betrachte das jetzt als ein Auftakt für die Diskussion, die wir in den nächsten Monaten im Lande führen wollen, um dann 2019/2020 zu einer verlässlichen Zielrichtung zukommen, wo es letztlich hingeht."

Frühestens die heutigen Achtklässler würden von einem derartigen neuen Kurs-System profitieren, bedauert Winfried Borchert von der Eltern-Initiative "Aktion Faires Abi", der sich, wie er sagt, den Wechsel schon viel früher gewünscht hätte.

"Schülerinnen und Schüler sollen ihre Stärken entwickeln können"

"Es ist doch einfach notwendig, dass Schülerinnen und Schüler ihre Schwächen und Stärken, insbesondere ihre Stärken entwickeln können, Möglichkeiten dazu bekommen. Die bekommen sie aber nur dann, wenn es unterschiedliche Leistungsniveaus gibt."

Bereits ab diesem Schuljahr will das Bildungsministerium einen aktuellen Beschluss der Kultusministerkonferenz umsetzen. Gymnasiasten – so der Plan – erhalten künftig die Möglichkeit, ihre vier schriftlichen Prüfungsfächer aus Deutsch, Mathematik, einer Fremdsprache, einer Naturwissenschaft und Geschichte zu wählen. Die feste Bindung werde aufgehoben. Das heißt, sie können damit auch zum Beispiel auf Mathematik verzichten, was bislang unmöglich war. Zudem werden in Sachsen-Anhalt nur noch 36 Halb-Jahreszensuren ins Abschluss-Zeugnis einfließen. Weitere Neuerung: Oberschüler sollen auch dann das Abi bestehen, wenn sie eine Prüfung versemmeln und sie mit null Punkten abschließen.

Die Ungleichberechtigung zwischen den einzelnen Ländern soll entschärft werden

"Also wenn es gelingt, diese Pläne in die Tat umzusetzen, dann wäre schon sehr viel erreicht und dann wären die Kernforderungen unserer Initiative erfüllt."

Das Abitur würde damit gerechter, betont Winfried Borchert aus Wernigerode. Die Ungleichbehandlung zwischen den Ländern würde etwas entschärft. Denn gerade die Stadtstaaten wie Hamburg und Bremen hätten die geringsten Anforderungen, aber die höchste Abi-Quote und gute Durchschnitts-Noten. In Sachsen-Anhalt dagegen liege die Quote in allen Bereichen unter dem Bundesdurchschnitt. Nur zu gut seien die Auswüchse noch in Erinnerung, sagt Borchert. Und verweist auf den Fall einer Schülerin, die von Hessen nach Sachsen-Anhalt zog und durch den Umzug, ihr Abi nur mit Ach und Krach bestand, ihr Medizin-Studium jedoch nicht machen konnte.

Durch Umzug nach Sachesen-Anhalt kein Medizinstudium

"Ich habe in Hessen noch G9 gemacht, als einer der letzten Jahrgänge und bin dann 2009 nach Sachsen-Anhalt gezogen."

Das war für die 21-jährige Laura Böttcher der größte Fehler ihres Lebens, wie sie selbst sagt.

"Ich hatte sechs Leistungskurse statt zwei, alle Noten sind ins Abitur geflossen. Das hat letztendlich dazu geführt das mein Abi schlechter geworden ist."

Trotzdem steht die Qualität des Abiturs an erster Stelle

CDU-Bildungsminister Marco Tullner warnt allerdings vor überzogenen Erwartungen hinsichtlich der Reform-Bemühungen. Denn Sachsen-Anhalt werde sich in keinem Fall an einem regionalen Überbietungswettbewerb, um das "billigste" Abitur beteiligen.

"Ich will nicht als Minister in die Geschichte eingehen, der am Ende die besten Abiturnoten auf Tonnagen in Schülerzahlen bemisst und das als seinen Erfolg verkauft. Mir geht’s am Ende auch um Qualität."

Der Philologen-Verband in Sachsen-Anhalt – so was wie die Stände-Vertretung der Gymnasiallehrer - sieht die Reform höchst kritisch. Das Abitur sei ein Zeugnis der wissenschaftlichen Vorbereitung zum Studium, heißt es, und dürfe keinesfalls aufgeweicht werden. Weshalb man dort über die Reform-Bemühungen der schwarz-rot-grünen Landesregierung, der bundesweit ersten Kenia-Koalition, irritiert ist.

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