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Abraham Lincolns JugendHarte Kindertage in Kentucky

Abraham Lincoln war der 16. Präsident der Vereinigten Staaten. Er hat Amerika und seine Geschichte mehr beeinflusst als manch anderer Präsident des Landes. Geprägt hat ihn seine Jugend auf einer kleinen Farm in Kentucky. Dort spielte der kleine Abraham, lernte aber auch sehr früh den Ernst des Lebens kennen.

Von Rudi Schneider | 15.03.2015

Wasser ist der Grundstoff des Lebens. Diese Quelle gehörte vor mehr als 200 Jahren der Familie Lincoln, und der kleine Abraham, der über dieser Quelle das Licht der Welt erblickt hat, hat das erste Wasser in seinem Leben aus dieser Quelle getrunken.
Diese Quelle plätschert auch heute noch in einer Höhle, zu der man am Fuß des kleinen Hügels auf dem Thomas und Nancy Lincoln in ihrem Blockhaus lebten, über eine Steintreppe gelangt. Das sind ideale Verhältnisse für eine Wasserressource, erzählt uns Rangerin Stacy Humphreys, die uns auf dem Gelände der ehemaligen Farm der Lincolns begleitet.
"Diese Quelle nennen wir ein 'Karst-Fenster'. In Kentucky gibt es wegen des Kalksteins viele solcher Höhlen. Das frische Wasser fließt hier unten in der kleinen Höhle und ist damit sehr geschützt. Das ist ein ergiebiges Frischwasser Reservoir, das man für Mensch und Vieh, einfach für alles nutzen konnte. Das ist wirklich ein perfektes Szenario."
Wenn die Lincolns Wasser schöpften, mussten sie es in einem hölzernen Bottich zunächst die Treppe nach oben aus der kleinen Kalksteinhöhle, dann über einen schmalen Steinweg hinauf auf den Hügel in ihre Blockhütte tragen.
Leben in einer wilden Gegend
Das Land rund um die Blockhütte könnte auch irgendwo in der Eifel sein. Alte Eichen und Walnussbäume gruppieren sich im hügeligen Gelände, spenden Schatten und natürlich auch Holz oder Nüsse. Die Wiesen und Ackerflächen sind eher kleinräumig und von steinigen Feldwegen durchzogen.
"Als die Lincolns hier auf der 'Sinking Spring Farm' lebten, war das eine sehr wilde Gegend. Sie hatten um die hundert Hektar Land, die sie zuerst roden mussten, um den Boden urbar zu machen. Das war eine sehr schwere Arbeit. Viele Bäume mussten gefällt werden. Das harte Holz der Kastanien-Bäume verwendeten sie, um ihre Blockhütte zu bauen."
Das kleine Stück Land, das die Lincolns für einige Jahre bewohnten liegt südlich von Hodgenville in Kentucky, und wird heute vom National Park Service gehütet. Die historisch authentische Blockhütte der Lincolns existiert nicht mehr, an ihrer Stelle wurde eine Hütte errichtet, die allerdings typisch für diese Zeit war, erzählt uns Gary Ferguson.
Professor Gary Ferguson
Professor Gary Ferguson (Rudi Schneider)
"Die Blockhütte ist typisch für das 19. Jahrhundert in Amerika und hat eine Fläche von etwa 4,5 Meter mal 5,5 Meter. Sie hat ein Fenster und eine Tür. Beide waren in der Regel nach Osten oder Süden ausgerichtet, weil der kalte Wind im Winter meistens aus Norden oder Nordwest blies. Diese Hütten hatten auch eine Art Dachboden, wo oft die Kinder schliefen."
Gary Ferguson ist Professor für Geschichte an der Universität von Kentucky und zeigt Besuchern, wie die Lincolns damals hier lebten.
"Tatsächlich kam die Familie, nämlich Samuel Lincoln, 1637 aus Hingham, das im Nordwesten von England gelegen ist, nach Amerika. Sie ließen sich zunächst in der Nähe von Boston, Massachusetts, nieder und nannten diesen Ort Hingham, nach dem Ort wo sie herkamen. Abraham Lincolns Großvater kam allerdings erst 1782 nach Kentucky. Er bekam dort ein Stück Land für seinen Dienst während der amerikanischen Revolution. Thomas Lincoln, der Vater von Abraham Lincoln war damals acht Jahre alt. Er heiratete Nancy Hanks am 12. Juni 1806. Abraham Lincoln war ihr zweites Kind."
Abraham wurde am 12. Februar 1809 in der Blockhütte auf diesem Hügel geboren und natürlich ahnte niemand, welche Zukunft ihm bevorstand. Die Alltagssorgen nahmen die Familie voll in Anspruch und die sahen nicht rosig aus auf der Farm rund um die Wasserquelle der Sinking Spring.
"Wegen einer Landstreitigkeit mit dem Nachbar suchten die Lincolns bald alternatives Farmland. Damals gab es hier noch keine genauen Landvermessungen. Man sagte: 'Bei diesem großen Baum und diesem dicken Stein beginnt mein Feld'. Aber mein großer Baum war nicht der gleiche große Baum in den Augen des Nachbarn. Wegen einer solchen Landstreitigkeit entschied sich Thomas Lincoln, eine Farm in zehn Meilen Entfernung am Knob Creek zu kaufen. Dorthin zog die Familie dann um und an diese Farm am Knob Creek konnte sich Abraham Lincoln später nachweislich erinnern."
Der kleine Abraham und seine ältere Schwester Sarah saßen wohl auf den Kisten mit den Habseligkeiten, die die Lincolns auf den Pferdewagen gepackt hatten, als sie zum Knob Creek umzogen.
Lernen in der "Ein-Raum-Schule"
Blue Moon of Kentucky, so heißt die Melodie, die das Banjo spielt. Sicher hatten die Kinder und auch ihre Eltern positive Erwartungen an ihr neues Domizil, das in einem ruhigen, sonnigen Tal liegt, und wo der Knob Creek das nötige Wasser liefert.
Porträt von Abraham Lincoln, 16. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Gemalt wurde das Bild von US-Präsident Dwight D. Eisenhower.
Porträt von Abraham Lincoln, 16. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Gemalt wurde das Bild von US-Präsident Dwight D. Eisenhower. (AP Archiv)
"Man erwartete von den Kindern, dass sie in der Farm mitarbeiteten. Sie mussten die Tiere versorgen und hüten, beim Pflanzen helfen, natürlich auch bei der Ernte. Abraham und Sarah gingen auch zu einer sogenannten "Blab-School", während sie auf der Knob Creek Farm lebten. Das war die einzige formale Ausbildung, die Abraham Lincoln je während seines Lebens hatte. Diese Art von Schule war sehr unterschiedlich zu den Schulen von heute. Alle Klassen wurden zur gleichen Zeit in einem Raum von einem Lehrer unterrichtet."
Die Schulglocke ruft, lauschen wir doch einen Moment in die alte Zeit, als der kleine Abraham und seine Schwester Sarah in diese kleine "Ein-Raum-Schule gingen“.
Die Blab-School wurde deshalb so genannt wurde, weil die Kinder den Unterrichtsstoff nachplappern mussten. Die Kinder aller Altersstufen lernten alles gemeinsam, natürlich auch die Lieder.
Abraham Lincoln erwies sich in seinem späteren Leben übrigens als begnadeter Autodidakt. Das Leben auf der Farm war hart und hinterließ bereits in den Kindertagen prägende Spuren.
"Er erzählte von einem Tag, an dem gepflanzt wurde. Die älteren Kinder pflügten den Boden und er lief hinterher und legte Reihe für Reihe Kürbissamen in die Erde. Am nächsten Tag gab es ein heftiges Unwetter. Das ganze Wasser rauschte vom Hügel sturzbachartig in das Feld und wusch den ganzen Samen aus der Erde. Damit erlebte er, wie hart die Farmarbeit sein konnte. Trotz der harten Arbeit konnte ein einziger Wolkenbruch die ganze Saat vernichten."
Der Knob Creek, der eigentlich ein kleiner stiller Bach ist, wurde zu einem reißenden Strom. Abraham fiel ins Wasser, wurde mitgerissen, aber sein Freund Austin brach beherzt einen langen Ast von einem Busch und rette ihn aus dem wild gewordenen Knob Creek. Genau an dieser Stelle spielen auch heute wieder Kinder, die mit ihren Eltern den Spuren ihres 16. Präsidenten folgen.
Knob Creek, an der Stelle, wo der kleine Abraham nach einem Wolkenbruch fast ertrunken wäre (100 m von der Blockhütte entfernt).
Knob Creek, an der Stelle, wo der kleine Abraham nach einem Wolkenbruch fast ertrunken wäre (100 m von der Blockhütte entfernt). (Rudi Schneider)
Das Blockhaus der Lincolns steht gerade mal 100 Meter vom meistens friedlich dahin plätschernden Knob Creek entfernt.
Im Hauseingang wartet Martha Stevens auf uns. Sie wohnt seit ihrer Geburt zwei Meilen entfernt, ist über 70 Jahre alt, war Bibliothekarin und zeigt den Besuchern mit großem Spaß, wie die Lincolns in dieser Blockhütte gelebt haben.
"So haben die Lincolns hier gelebt. Abe und seine Schwester schliefen dort oben auf dem Zwischenboden. Sie hatten eine Mattratze, die mit Blättern oder Federn gefüllt war. Im Winter hatten sie allerdings den wärmsten Platz in der Hütte, weil sich der Zwischenboden über dem offenen Kamin befindet."
Die Kids, die gerade noch im Knob Creek gespielt haben, lauschen Martha aufmerksam.
"Hier kochte die Mama das Essen, das sieht alles sehr ärmlich und einfach aus. Mit dem Gerät dort in der Ecke hat man damals aus Milch Butter gemacht. In diesen Dosen wurde das Mehl aufbewahrt. Das hier ist der kleine Tisch, an dem die Familie gegessen hat und dort drüben ist das Bett der Eltern mit einer Kiste für die Kleider und Habseligkeiten, kein Fernseher, das erzähle ich den Kindern immer, keine Computerspiele, kein Bad, das können die sich heutzutage nicht vorstellen."
Der kleine Morgan Mitchell hat Martha sehr neugierig zugehört und staunt nicht schlecht, wie es die Kinder damals so hatten.
"The Cabin was very interesting, oh wow, no TV, having one bed, its pretty tough, I think."
Morgan ist mit seiner Mutter Lisa gekommen.
"Meine Enkelin studiert nächstes Jahr Abraham Lincoln, deshalb besuchen wir heute seinen Geburtsort. Wir sind überrascht, wie klein das alles hier ist. Unglaublich, das ganze Leben spielte sich in diesem kleinen Raum ab."
Kein Lohn für harte Arbeit
Große Eichenbäume spenden der Hütte Schatten. Je älter Abraham wurde, desto mehr war seine Arbeitskraft gefragt und desto mehr deuteten sich seine Interessen an.
"Abraham sollte ein Feld pflügen und sein Vater Thomas kam, um nachzuschauen, wie weit er mit der Arbeit vorangekommen sei. Er fand ihn unter einem Baum, wo er im Schatten saß und ein Buch las. Sein Vater schimpfte mit ihm und sagte, er solle dieses Kinderzeug weglegen und ein Farmer wie alle anderen sein."
Schon als Kind sah Abraham die Sklaventransporte auf der Landstraße, die an ihrer Blockhütte am Knob Creek vorbeiführte. Wenn der Wind so durch die alten Baumkronen der Eichen rauscht, ist es, als hörte man jene Hymnen im Wind, die später sein Leben prägten.
Möglicherweise wurde mit dem, was Abraham auf der Farm während seiner Jugendjahre erlebte, jener Samen in die Seele gelegt, der später sein Schicksal und auch das Schicksal von Amerika beeinflusste.
"Lincolns Vater Thomas gab ihm den Auftrag, für einen Nachbarn 3.000 Baumäste, die für den Bau eines Grenzzauns verwendet werden sollten, zu spalten. Als er mit diesem Mammutwerk fertig war, erhielt nicht er den Arbeitslohn dafür, sondern sein Vater. Trotz allen Schweißes, den er vergossen hatte, bekam sein Vater das Geld. Er fühlte sich wie ein Sklave, die arbeiten auch jeden Tag im Schweiße ihres Angesichts und erhalten nichts dafür. Das war für ihn wohl ein Schlüsselerlebnis."
Ein Schlüsselerlebnis möglicherweise, das Jahre später die Welt in Amerika entscheidend veränderte.