Dienstag, 20.08.2019
 
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Abrechnung mit Russland

Viktor Jerofejew: "Russische Apokalypse", Berlin-Verlag

"Den Kommunismus habt ihr nicht hingekriegt, Kapitalismus läuft auch nicht, dafür Apokalypse vom feinsten" - behauptet der russische Autor Viktor Jerofejew. In seinem neuen Buch beschreibt er die russische Seele im hereinbrechenden 21. Jahrhundert - und glaubt man ihm, so ist auch der Osten vom Untergang bedroht.

Von Robert Baag

Zartbesaitete Gemüter seien gewarnt vor Jerofejews aktuellem Bericht zur Lage der russischen Nation. (AP)
Zartbesaitete Gemüter seien gewarnt vor Jerofejews aktuellem Bericht zur Lage der russischen Nation. (AP)

Wer Widersprüche liebt und Paradoxien, der ist hier gut aufgehoben:

Fröhliche Hölle - Statt eines Vorworts.

Viktor Jerofejew hat es schon immer geliebt zu provozieren, ein so genannter Literatur-Dissident schon seit Ende der 60er-Jahre, zu Zeiten eines kommunistischen Generalsekretärs Leonid Breschnew, tief im sowjetischen Mehltau. Dennoch: Im Westen, so heißt es, sei er auch heute noch bekannter als bei sich zu Hause - auf jeden Fall ist er im Ausland, vor allem in Deutschland, offenbar beliebter als bei seinen russischen Landsleuten. Nicht wenigen von ihnen gilt der 61-jährige Jerofejew als "rotes Tuch", als "Nestbeschmutzer" - ein anti-zyklisches Verhalten in einem Staat, der seit einigen Jahren ein ganz eigenes Verständnis von Patriotismus offiziell von oben verordnet, der selbstverständlich auch die Kultur insgesamt zu durchdringen hat. Auf Widerspenstigkeit und Widerworte reagieren die oft selbst ernannten Gralshüter einer sich makellos fühlenden russisch-sowjetischen Tradition empfindlich, beleidigt und wütend. Doch geradezu lustvoll bedient Jerofejew diese Klientel in seinem jetzt auch auf Deutsch erschienenen Buch ein weiteres Mal, wenn er aller Russen Heimat mir nichts, dir nichts als

das Land der siegreichen Apokalypse

bezeichnet und ihnen bereits mit den ersten Sätzen buchstäblich mit beiden Beinen voraus ins Gesicht springt. Jerofejew selbst hätte übrigens wohl nichts gegen einen Bildvergleich einzuwenden, der hier andere menschliche Körperteile herangezogen hätte, wenn er mit den Worten beginnt:

Russlands größter Feind ist die eigene Bevölkerung. Folter ist ein Schlüsselwort im Leben der Russen. Russland hat immer, durch seine gesamte Geschichte hindurch, sein Volk tyrannisiert, gequält und verhöhnt. Bemäntelt von den ideologischen Doktrinen des Zarismus oder Kommunismus, vernichtete es absichtlich das Volk in apokalyptischen Dimensionen - durch Kriege, Hunger, Epidemien, Säuberungen oder Repressionen. Dabei zwang es die Bevölkerung,
den russischen Staat zu lieben und ewig "Hurra!" zu schreien. Darin besteht das Wesen der russischen Apokalypse.


Brutale Wahrheiten, aber formuliert als Summe einer langjährigen Beschäftigung mit der Vergangenheit und Gegenwart der eigenen Nation, genauer: den Nationen im Vielvölkerstaat Russland. Dieses Vorwort, das explizit nicht so genannt werden will, ist ein furioser, ein fulminanter Auftakt, der fast alle Facetten russländischer Befindlichkeiten aufgreift. Jerofejew schloss es im Oktober 2008 ab, also kurz nach dem Fünf-Tage-Krieg Moskaus gegen Georgien um Südossetien und Abchasien sowie zu Beginn der hochkochenden globalen Finanz- und Wirtschaftskrise, die nun auch Russland umklammert hält.

Die Diagnose ist mithin auf der Höhe der Aktualität. Als scharf sezierender Beobachter der Zeitläufte verharrt er indes keineswegs in einer bloßen Anti-Pose gegenüber der herrschenden Macht. Noch vor über einem Jahr, im November 2007, der unfaire, undemokratische Duma-Wahlkampf schwappt durch die staatlich kontrollierten Fernsehkanäle Russlands, gesteht Jerofejew während einer Talkshow Vladimir Putin - damals noch Staatspräsident - immerhin zu:

"Das Land ist auf eine optimistische, ja sogar hedonistische Eintracht eingestimmt. Die Menschen möchten besser leben. Und sie haben es gelernt, besser zu leben. Mir scheint, das Wichtigste, das Putin in den vergangenen Jahren getan hat, war: Er hat den Menschen die Möglichkeit gegeben, ein freies, ein privates Leben zu führen."

Heute dagegen ist in Jerofejews "Siegreicher Apokalypse" zu lesen:

In den letzten Jahren der Putin-Regierung wandte sich der Staat erneut der Suche nach einer Ideologie zu, die Russland in einem einzigen geistigen Ziel vereinen könnte. Die Freiheit des Privatlebens erwies sich als eine Art Verschnaufpause, ähnlich wie während der Neuen Ökonomischen Politik in den 1920-er Jahren, als das eine oder andere kapitalistische Element wieder eingeführt wurde. Der heutige Staat hat erneut begonnen, die Jugend zu erziehen, nun im Geiste des Patriotismus, unter anderem mit der Gründung von kremlfreundlichen Jugendorganisationen nationalistischen Typs. Außerdem hat er sich der orthodoxen Kirche angenähert und erwogen, schon ab den ersten Schulklassen den Kindern die orthodoxe Kultur nahe zu bringen. Das Gespenst einer orthodoxen Zivilisation schwebt über dem Land.

Für die Wahl des "größten Russen der Geschichte" warb wochenlang im vergangenen Spätherbst der Kanal "Rossija" um eine rege Publikumsbeteiligung. - Iosif Stalin, eigentlich gebürtiger Georgier, landete dabei immerhin auf dem dritten Platz. Ein Massenmörder an den eigenen Völkern - ganz weit oben. Zyniker wunderten sich halblaut, dass er es nicht sogar auf Platz eins geschafft hatte.

Jerofejews Anmerkungen auf den herrschenden, unverfrorenen Geschichtsobskurantismus wirken beinahe komisch-tröstlich, wenn sie so ins Schwarze hineinformulieren:

Im Unterschied zu unseren Erbschaften besitzen wir nur ein Erbe. Vermutlich sollte das Erbe ein kulturelles sein, darauf muss man stolz sein, man muss es bewahren und retten. Man hat den Eindruck, dass das Erbe wie einer, der nicht schwimmen kann, in Russland andauernd untergeht. Man wirft ihm einen Rettungsring zu, aber es fängt ihn nicht. Da tauchen bärtige Onkel auf und sagen, dass wir Russland nicht lieben, sie aber sehr wohl. Sie riechen nach Zwiebeln, und je mehr sie Russland lieben, desto mehr riechen sie nach Zwiebeln. Erbe ist ein pathetisches Wort, damit soll man möglichst korrekt umgehen, seinen Gebrauch nicht überstrapazieren, sonst wird der Zwiebelgeruch richtig aufdringlich. Zum Erbe soll man ein warmes und herzliches, aber kein vereinnahmendes Verhältnis pflegen. Wenn man den Bogen überspannt, wird es zu einem großen Knüppel, mit dem man gut auf alles Neue, was den Alten unverständlich ist, einschlagen kann. Ich persönlich möchte nicht zum kulturellen Erbe werden, aber das bietet mir sowieso keiner an.

Dennoch: Empfindliche, zartbesaitete Gemüter seien auch gewarnt vor Jerofejews aktuellem Bericht zur Lage der russischen Nation. Weshalb er zum Beispiel partout meint, sein Publikum über dreißig Seiten hinweg detailliert über das - so die Kapitelüberschrift - "Schlachtfeld der russischen Flüche" begleiten zu müssen, hinterlässt eine gewisse Ratlosigkeit, die mit Prüderie nichts zu tun hat.

Der "mat", der Mutterfluch - ist er ein spezifisch russisches, sozio-psychologisches Phänomen? - "Ja, na und?", lautet die Gegenfrage, "Hilft uns dies zum besseren Verständnis weiter?" - Die Antwort bleibt offen. - Beate Rausch, die durchweg vorzügliche Übersetzerin, hat Anteilnahme verdient und Bewunderung, diese veritable, doch schnell ermüdende Anthologie drastischer, obszöner Mutterflüche getreulich ins Deutsche übertragen zu haben.

Insgesamt aber ist Jerofejew eine oft faszinierende, an überraschende Kaleidoskopwendungen erinnernde Skizzensammlung gelungen, die von historisch fundierten Analysen bis hin zu reportagehaften Momentaufnahmen reicht oder die reale politische Gegenwart fesselnd mit Elementen des russischen Volksmärchens verfremdet. Jerofejew erweist sich bei zahlreichen Passagen als amüsant kluger politischer Flaneur, als meisterhaft witziger Portraitist prominenter wie unbekannter Zeitgenossen. Und auch ätzende Selbstironie ist ihm nicht fremd. Kleine Kostprobe gefällig?

Die russische Literatur hat die Hosen runter- und einen Pups gelassen. Fast alle Schriftsteller reisen auf Staatskosten (manche auch auf Einladung ihrer Verleger, manche leben nicht in Russland). Die meisten Schriftsteller haben ein utilitaristisches Verhältnis zum Staat. Die russische Buchmesse in Europa ist eine Herausforderung für unsere Schriftsteller. Sie haben es auf die gesamt-europäische Bühne geschafft. Scheinwerfer an. Los. Mögen sie ihre Rollen als Schriftsteller gut spielen und möglichst viele Angebote von Verlegern aus verschiedenen Ländern bekommen. So eine Chance darf man nicht verspielen. Bedanken wir uns bei Europa. Obwohl den
russischen Schriftstellern Europa eigentlich wurst ist.


Robert Baag über Viktor Jerofejew: Russische Apokalypse. Erschienen im Berlin-Verlag, mit 254 Seiten, für Euro 22.

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