Sonntag, 03. Juli 2022

Archiv


Abschied vom Image des Ketzers

Vor rund 500 Jahren verurteilte der Vatikan die Lehren Martin Luthers und belegte den Wittenberger mit dem Kirchen-Bann. Seither ist der deutsche Reformator ein Stolperstein bei der Suche nach Einheit zwischen den getrennten Kirchen. Doch in letzter Zeit verändert sich in Rom die Stimmung.

Von Corinna Mühlstedt | 01.10.2012

"Martin Luther galt lange Zeit in der katholischen Kirche als der Ur-Ketzer. Da gibt es schreckliche Dämonisierungen. Später hat man ihn dann für pathologisch erklärt. Und schlimme Schimpfworte gab es auch."

Der langjährige Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, Kardinal Walter Kasper, kennt die mittelalterlichen Dichtungen und Malereien nur zu gut, die "Ketzer" wie Martin Luther direkt in die Hölle schickten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts brachen deutsche Professoren wie Josef Lortz oder Hubert Jedin erstmals mit den Klischees und unterstrichen die tiefe Spiritualität des Reformators. Schritt für Schritt fassten die Forschungsergebnisse aus den Regionen nördlich der Alpen auch in Italien Fuß. Der Luther-Spezialist an der römischen Waldenser-Hochschule, Paolo Ricca:

"Ein französischer Augustiner, Daniele Olivier, hat eines der besten Bücher über Luther geschrieben, die es gibt. Er hat den Reformator von innen her verstanden. Das Buch trägt den Untertitel "Der Kampf ums Evangelium in der Kirche". Genau das beschreibt das Anliegen Luthers, und das erkennen inzwischen auch hier in Rom immer mehr Theologen."

Seit dem 2. Vatikanischen Konzil befasst man sich an römischen Universitäten immer öfter mit der Lehre Martin Luthers. Der Augsburger Priester Hubert Blaumeiser hat sogar an der Päpstlichen Universität Gregoriana über die Kreuzestheologie des Reformators promoviert. Heute leitet er die internationale Priester-Gemeinschaft der Fokolare in Grottaferrata bei Rom. Viele Gedanken Luthers seien hoch aktuell, betont Hubert Blaumeiser, so etwa das Konzept vom "Allgemeinen Priestertum" aller Getauften:

"Das ist ein urbiblisches Konzept. Luther hat diese Verantwortung aller Gläubigen ins Licht gerückt. Nicht nur Priester, nicht nur Ordensleute haben eine Berufung und eine Aufgabe in der Kirche, sondern alle Gläubigen. Hier muss man sagen, dass die katholische Kirche die Rolle der Laien im 2. Vatikanischen Konzil neu wahrgenommen hat, die Mitverantwortung der Laien für die Sendung der Kirche in der Welt. Diese Sicht ist heute von großer Bedeutung. Da hat Luther Bahn gebrochen."

Im römischen Volk haben sich diese Einsichten allerdings längst noch nicht durchgesetzt. Für die meisten Römer ist "christlich" bis heute gleichbedeutend mit "katholisch", ihr Wissen über andere Kirchen entsprechend gering. Schmunzelnd berichtet der Pfarrer der Lutherischen Gemeinde Roms, Jens Martin Kruse:

"Wir haben einmal eine Umfrage gemacht unter der römischen Bevölkerung, die da so entlang ging, und sie gefragt: Wisst Ihr eigentlich etwas mit dem Namen Luther anzufangen? Und die Antworten waren dann doch sehr kurios von Fußballstar über Rap-Musiker, am ehesten dann noch der Name Martin Luther King."

Widmeten doch italienische Schulbücher der Reformation bis vor Kurzem bestenfalls eine Seite Polemik. Und nicht-katholische Gemeinden oder Gotteshäuser waren in Rom Jahrhunderte lang verboten. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand die lutherische Christus-Kirche in der Via Toscana.

"Umso erstaunlicher ist es zu erleben, wenn Schulklassen zu Besuch kommen in unsere Kirche – was doch in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat – wie gut vorbereitet die Schüler und Schülerinnen sind, über das, was Martin Luther, die Reformation, den evangelischen Glauben ausmacht. Es sind rein italienische Klassen aus den Gymnasien hier in Rom. In der Mittelstufe hat es vor einigen Jahren offenbar eine Lehrplan-Veränderung gegeben und das Thema Europäische Reformation wird in den Lehrplänen verhandelt."

Noch ein weiterer Aspekt, so der Reformationshistoriker Kruse, habe in jüngster Zeit aufklärend gewirkt und die Meinung vieler Römer über den Reformator beeinflusst:

"Der Film 'Martin Luther' hat in Italien positive Resonanz gefunden: Luther – und das wird durch diesen Film sehr deutlich – als jemand der persönliche Freiheitsrechte erkämpft, durchgesetzt hat. Eine wichtige Figur, die zeigen kann: Glaube an Gott hat ganz viel mit eigener Verantwortung, mit eigener Gewissensentscheidung und nicht nur mit Kirche, Institution, Hierarchie, mit Vorgaben von außen zu tun."

Zur lutherischen Gemeinde Roms gehören inzwischen neben etwa 400 deutschsprachigen Mitgliedern, auch einige Italiener. Die römische Übersetzerin Anna Belli ist sogar im Kirchenvorstand. Von Martin Luther hörte sie erstmals während eines Urlaubs in Deutschland.

"Danach las ich ein Buch von Luther. Das war die italienische Übersetzung von der 'Freiheit eines Christenmenschen'. Ich war sehr vorsichtig. Als ich dieses Buch las, wollte ich nicht nur wissen, was Luther sagte, sondern auch, was er für ein Mensch war. Und aus dieser Übersetzung kam mir ein Mensch entgegen, der sehr leidenschaftlich sprach und zugleich sehr vernünftig argumentierte. Vor allem diese Leidenschaft gefiel mir sehr."

Anna ist in einer streng katholischen Familie aufgewachsen, fühlte sich in ihrer Kirche aber schon als junges Mädchen nicht zu Hause. Durch Luthers Schrift entdeckte sie ihren christlichen Glauben neu:

"Wenn man dieses Buch liest, bekommt man manchmal wirklich den Eindruck, auf den Fittichen eines mächtigen Adlers zu fliegen. Was ich diesem Buch über den Mensch Luther entnahm, gefiel mir sehr. Denn dieses Buch ist in einer gefährlichen Zeit entstanden, gefährlich für Luther. Er war jeden Tag in Gefahr von jemandem getötet zu werden, der treu zum Papst hielt. Ich dachte, man kann einem Menschen Vertrauen schenken, der so frei spricht. Er ist heute noch mein Theologie-Berater."

Auch in einigen katholischen Gemeinden Roms entdeckt man Luther neu, so etwa in Santa Maria del Popolo. Gemeindeleiter ist der Augustiner-Pater Don Antonio:

"Wir Augustiner haben hier in Rom schon einen Kongress zu Luther organisiert. Und in unserer Gemeinde haben wir sogar seine 95 Thesen gelesen. Im Blick auf jede einzelne These mussten wir sagen: 'Luther hat Recht'. Aber natürlich spürt man in dem Text, dass er Gefahr läuft, sich vom Katholizismus seiner Zeit zu entfernen. Viele unserer Ordensoberen haben einst versucht, sich für Luther einzusetzen. Leider ohne Erfolg. Erst 450 Jahre später hat das 2. Vatikanische Konzil zum Beispiel erkannt, wie wichtig es ist, die Bibel in der Landessprache zu lesen. Luther wurde noch dafür verurteilt."

Die Ereignisse vor 500 Jahren haben bei den Augustinern tiefe Wunden hinterlassen, die bis heute schmerzen. Auch deshalb sei es ihm wichtig, erklärt Don Antonio, die noch bestehenden Vorurteile zu überwinden.

"Wir Augustiner sind Martin Luther immer mit viel Achtung begegnet. Er ist einer der großen unseres Ordens. Auf theologischem, philosophischem und ethischem Gebiet hat er Enormes geleistet, auch wenn noch nicht alle seine Positionen von der Kirche anerkannt werden."

Doch die Bereitschaft, Martin Luther mit neuen Augen zu sehen, wächst auch im Vatikan. Sowohl Papst Johannes Paul II als auch Benedikt XVI haben sich öfter positiv über den Reformator geäußert. Und Kardinal Walter Kasper, bis 2010 Leiter des Päpstlichen Einheitsrates, kann heute sagen

"dass man Luther differenzierter sieht als in der Vergangenheit und nicht einfach als den Ketzer, den Satan und den Bösen. Da sind natürlich im 16. Jahrhundert auf beiden Seiten Fehler gemacht worden. Die Frage des jungen Luther war ja: 'Wie finde ich einen gnädigen Gott?' Da hat er lange darum gerungen, bis die Antwort kam: 'Ich muss Gott nicht finden, er hat mich gefunden.' Da hat er großartige und schöne Aussagen gemacht. Luther ist jemand, den man katholisch neu entdecken kann und viel Gutes und Schönes bei ihm findet."

Der Einheitsrat erwägt derzeit sogar unter seinem neuen Präsidenten, dem Schweizer Kardinal Kurt Koch, bis zum 500-jährigen Reformationsjubiläum im Jahr 2017 ein neues Dokument über Martin Luther zu erarbeiten. Es könnte eine solide Grundlage schaffen, damit die getrennten Kirchen einander näher kommen.