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StartseiteKultur heuteAbsturz einer Geliebten ins gesellschaftliche Abseits14.10.2013

Absturz einer Geliebten ins gesellschaftliche Abseits

Uraufführung von Iain Bells Oper "A Harlot's Progress" am Theater an der Wien

Eine Bilderfolge des englischen Malers und Grafikers William Hogarth hat den jungen britischen Komponisten Iain Bell zu seiner ersten Oper inspiriert: "A Harlot's Progress". In dem Werk geht es um den Auf- und Abstieg einer jungen Frau vom Lande auf dem großstädtischen Liebesmarkt.

Von Frieder Reininghaus

DTenor Christopher Gillett und Sopranistin Diana Damrau in "A Harlot's Progress". (picture alliance / dpa - Roland Schlager)
DTenor Christopher Gillett und Sopranistin Diana Damrau in "A Harlot's Progress". (picture alliance / dpa - Roland Schlager)

Der junge Londoner Komponist Iain Bell hat ein ausgesprochen delikates und gesellschaftlich fortdauernd brisantes Sujet gewählt. "A Harlot’s Progress" geht um den Auf- und Abstieg einer jungen Frau vom Lande auf dem großstädtischen Liebesmarkt – und es hätte womöglich der historischen Kostümierung gar nicht bedurft, um vor Augen zu führen, dass eine Hure nicht von vorneherein eine Hure ist, sondern dazu gemacht wird. Oder um in Erinnerung zu rufen, dass es im Sex-Business manierlichere und brutalere Geschäfts- und Umgangsformen gibt. Aber da die Oper nun einmal von Anfang an eine historisch orientierte Kunstform war und ist, erscheint allgemein als akzeptabel, dass die ausgesungene und massiv orchestergestützte Verhandlung der kurzen Glamourzeit der professionellen Geliebten Moll Hackabout, ihr Absturz ins gesellschaftliche Abseits mitsamt dem tristen Tod also ohne Bezugnahme auf heutige Londoner oder Wiener Karrieren gestaltet wird.

Auf der Bühne steht, nachdem die junge Moll aus Yorkshire von Mutter Needham in Empfang genommen und dem reichen Kaufmann John Lovelace zugeführt wurde, ein luxuriös bezogener weicher Pfühl für den Liebesakt bereit. Bei dem, so wollte es Regisseur Jens-Daniel Herzog, muss sich der alternde Ersterwerber der Jungfrau mit zunehmend angeschlagenem Herzen ziemlich mühen. Der Galan und Zuhälter James Dalton kommt da rascher zur Sache (die Pauke gibt – trivialer geht es kaum – allemal den Rhythmus vor). Gewalttätig sind sie beide. Und da die Geschichte ja erwartungsgemäß in Verderben, Elend und Depression endet, schneit es schon früh schwarze Schnipsel (wahrscheinlich handelt es sich um Londoner Ruß aus einer Zeit, die noch keine Abgasverordnungen kannte und jedenfalls um ein drastisches Theatersinnbild).

Weil der alte Geck John Argwohn schöpft, prompt auch einen Socken des Rivalen in dem von ihm ausgehaltenen Lotterluxusbett findet, verliert Moll die Privilegien der großbürgerlichen Mätresse – die Polizei spielt bei der Exmittierung ihre klassische unrühmliche Rolle. Moll kommt auf den Straßenstrich herunter, wird schwanger und entbindet unter unsäglichen Umständen, verfällt dem Wahnsinn und stirbt jämmerlich. Ihr James wurde mittlerweile als Dieb gehängt.

Iain Bell stattete dieses kontrastreiche Leben mit einem insgesamt ziemlich dickflüssigen Orchestersatz aus, bei dem das Bemühen und differenzierte Ausgestaltung der einzelnen Episoden zwar erkennbar, aber nicht wirklich sinnfällig wird (wiewohl sich Mikko Franck mit den Wiener Symphonikern redlich müht, die Farben kräftig aufzutragen). Die kompositorischen Vorbilder Benjamin Britten und George Benjamin treten relativ deutlich hervor. Nathan Gunn beglaubigt mit seinem lyrischen Bariton den hochgradig liebesfähigen Zuhälter auf sympathische Weise. Christopher Gilett fiel die Rolle des alten Ekels zu – er spielt sie virtuos und könnte ein gutgehender Wiener Geschäftsmann von hier und heute und nebenan sein. Die Titel- und Paraderolle der Moll wird von Diana Damrau glänzend bestritten: Sie gibt die launische Geliebte so überzeugend wie die wahnsinnig werdende junge Frau im Elend.

Mit den einfachen, unmittelbar evidenten und einprägsamen Ausstattungselementen von Mathis Neidhardt und insbesondere mit den historisch prächtigen Kostümen von Sibylle Gaedecke entwickelt die Uraufführungsinszenierung anheimelnden Charme. Im Übrigen setzt diese auf outrierte Gesten, die auf dem Umweg über amerikanische TV-Serien wieder ins Stadttheater des deutschsprachigen Raums zurückkehrten, nachdem sie dort eine Zeitlang als verstaubt galten und nach besten Kräften verbannt wurden. Fazit: Dekorativer Abschaum des 18. Jahrhunderts wurde auf die Bühne gepackt, musikalischer Abraum des 20. Jahrhunderts massiv in den Orchestergraben und die Gesangspartien.

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