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Absturz ins Bodenlose

Medizin. - Um in den renommierten Forschungsmagazinen veröffentlichen zu dürfen und so Meriten zu erwerben, unterliegen wissenschaftliche Arbeiten zunächst der Kontrolle kompetenter und strenger Redakteure. Im Fall des koreanischen Forschers Hwang Woo-Suk versagte das System indes offenbar.

Von Michael Lange | 29.12.2005

Seine wissenschaftliche Weltkarriere hat der koreanische König des Klonens Hwang Woo-Suk nicht zuletzt der Wissenschaftszeitschrift "Science" zu verdanken. Und damit auch der amerikanischen Wissenschaftler-Vereinigung AAAS, die die Zeitschrift Science herausgibt. Sie bot das Forum für Hwang und seine angeblich Bahn brechenden Forschungsergebnisse. Der letzte große Wurf gelang im Juni 2005.

"Wir haben Zellen von Patienten mit unheilbaren Krankheiten entnommen und daraus durch Klonen embryonale Stammzellen gewonnen. Diese haben wir bereits an Tieren getestet, um die Sicherheit und Effektivität dieser Zellen zu überprüfen und zu erforschen."

Nun steht fest: So gut wie alles, was dort steht, war schlichtweg gelogen. Alle elf Linien Stammzellen existieren überhaupt nicht – und haben nie existiert. Für die ganze Fachwelt ist das ein Schock. Auch für den deutschen Stammzellenforscher Oliver Brüstle von der Universität Bonn.

"Mich haben diese Entwicklungen sehr überrascht. Man kann auch sagen: bestürzt. Ich habe Herrn Hwang mehrfach erlebt: Im Rahmen von internationalen Meetings und auch während seiner Besuche hier in Deutschland. "

Hwang wirkte glaubwürdig, als Person. Viele Kollegen waren begeistert von seinem Hightech-Forschungsinstitut an der Nationalen Universität in Seoul. Über 60 Millionen Dollar hat der südkoreanische Staat für Hwang ausgegeben. Die Anstrengungen, die hier unternommen wurden, ließen die überragenden Ergebnisse überzeugend erscheinen. Und Hwang selbst verstärkte diesen Eindruck nach Kräften.

"Wir kennen keinen Samstag, keinen Sonntag und keine Ferien in meinem Labor. Bei uns arbeiten 65 wissenschaftliche Mitarbeiter vom Studenten bis zum Professor. Wir verbrauchen 1400 Eizellen von Rindern und Schweinen. Jeden Tag, auch Samstag und Sonntag."

Eine Zeitschrift, in der seriöse wissenschaftliche Ergebnisse veröffentlicht werden, darf sich dadurch jedoch nicht blenden lassen. Deshalb wird jeder Artikel einem so genannten Peer Review unterzogen. Ein oder mehrere anerkannte Wissenschaftler, die auf dem gleichen Gebiet forschen, erhalten den Fachartikel zur Überprüfung. Wer diese Überprüfung vornimmt, bleibt geheim. Vetternwirtschaft und Konkurrenzdenken sollen so nach Möglichkeit ausgeschlossen werden. Oliver Brüstle:

"Ich glaube, jeder Wissenschaftler ist sich der Bedeutung solcher Veröffentlichungen bewusst. Man wird jedes Wort dreimal lesen, bevor man hier ein Manuskript einreicht. "

Im Fall Hwang hat der Kontrollmechanismus versagt. Der Zeitschrift Science wird vorgeworfen, dass der Wunsch, unbedingt schnell und vor der Konkurrenz den großen Durchbruch zu verkünden, die notwendige Sorgfalt vergessen ließ. Der Herausgeber Donald Kennedy streitet das ab. Der Peer Review-Prozess sei sorgfältig durchgeführt worden und habe über 50 Tage gedauert. Gegenüber der New York Times erklärte er:

"Das sind für uns bei Science harte Tage. Dieses Debakel hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack bei allen, die Doktor Hwang vertraut haben. Aber die Öffentlichkeit muss verstehen, dass auch unsere Zeitschriften und die Kontrolle im Peer Review Prozess nicht perfekt sind. "

Es ist bekannt geworden, dass ein wissenschaftlicher Kontrolleur mit der ersten Version von Hwangs Science Artikel nicht zufrieden war. Er forderte genetische Fingerabdrücke aller elf Patienten und der elf aus ihrem Gewebe geklonten Stammzellen. Die Gentests mussten identisch sein, und sie waren es. Heute weiß man, dass die genetischen Fingerabdrücke nicht von Stammzellen stammten, sondern alle aus den Proben der Patienten - deshalb die hohe Übereinstimmung. Sie ist sogar so extrem, dass sie nur durch Fälschung zu erklären ist. Das sagen die Experten heute. Vor einem halben Jahr erkannte das niemand. Man vertraute Hwang und überprüfte die Daten nur oberflächlich. Eine Überprüfung der Ergebnisse selbst durch andere Forscher ist bislang auch bei wichtigen Veröffentlichungen nicht vorgesehen. Nun wird darüber diskutiert, in Zukunft in Einzelfällen bei besonders wichtigen Veröffentlichungen nicht nur die präsentierten Daten, sondern auch einzelne Proben in den Labors zu überprüfen.