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StartseiteTag für TagEin Land sieht grün, ein Land sieht blau28.05.2019

Abtreibungsrecht in ArgentinienEin Land sieht grün, ein Land sieht blau

Schwangerschaftsabbrüche sind in Argentinien verboten. Die Bewegung der grünen Halstücher wollte das 2018 ändern, doch ein entsprechendes Gesetz scheiterte. Im Präsidentschaftswahlkampf nimmt die Initiative einen neuen Anlauf - ebenso wie ihre christlichen Gegner. Die tragen blaue Tücher.

Von Victoria Eglau

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Demonstration für die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen bei der Eröffnung der Buchmesse von Buenos Aires. Frauen halten grüne Transparente mit der Aufschrift "Aborto Legal Ya!"  (Deutschlandradio / Victoria Eglau)
Demonstration für die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen bei der Eröffnung der Buchmesse von Buenos Aires (Deutschlandradio / Victoria Eglau)
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"Wir werden den Gesetzentwurf solange einbringen, bis wir unser Ziel erreicht haben", sagt die Ärztin Martha Rosenberg von der "Kampagne für ein Recht auf eine legale, sichere und kostenlose Abtreibung". Sieben Gesetzesinitiativen hatte das landesweite Bündnis gestartet, bevor Argentiniens Parlament 2018 erstmals über die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen abstimmte.

Nach dem negativen Votum des Senats im vergangenen August will die Kampagne jetzt einen neuen Versuch unternehmen mitten im Wahlkampf. Im Oktober finden in Argentinien Präsidentschafts- und Parlamentswahlen statt.

Neues Wahlkampfthema

"Zum Thema Abtreibung sollten alle Kandidatinnen und Kandidaten Stellung beziehen. Wir wollen, dass das ein Wahlkampf-Thema wird. Viele junge Menschen, die im letzten Jahr für legale Schwangerschaftsabbrüche auf die Straße gegangen sind, werden bei dieser Wahl ihre Stimme abgeben. "

Sagt Abtreibungs-Vorkämpferin Rosenberg. Allerdings zeichnet sich ab, dass das Parlament das umstrittene Thema so kurz vor den Wahlen nicht erneut auf die Tagesordnung setzen wird. Wie dem auch sei: Die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen ist heute in Argentinien kein Tabu-Thema mehr.

Und das hat Kirchen und christliche Gruppen auf den Plan gerufen, die ihren Kampf gegen ein Recht auf Abtreibung verstärkt haben. Ihr Druck auf die Politik hat zugenommen, seit das argentinische Abgeordnetenhaus im vergangenen Juni grünes Licht für das Gesetz gab. Marcos Carbonelli, auf Religionen spezialisierter Sozialwissenschaftler von der Universität Buenos Aires:

"Die Gegner sind stärker geworden, sie haben ihre Kräfte gebündelt. Ich weiß nicht, ob es mehr Abtreibungsgegner gibt, aber sie sind aktiver und sichtbarer als vorher. Und sie haben eine Strategie entwickelt, als Reaktion auf die Strategie der feministischen Bewegung."

Einfluss der Kirchen

Dass das Abtreibungsgesetz im Senat, der Parlamentskammer der argentinischen Provinzen, scheiterte, habe viel mit der Einflussnahme der katholischen Kirche zu tun gehabt, meint Religionsforscher Carbonelli:

"Vor allem in den Provinzen Nord-Argentiniens, wo die katholische Kirche traditionell eine große Rolle im politischen und sozialen Leben spielt, übt sie starken Druck aus, um die Legalisierung von Abtreibungen zu verhindern. Viele Senatoren haben gegen das Gesetz gestimmt, weil sie Repressalien und Folgen für ihre politische Karriere fürchteten. Die Einflussnahme der Kirche in diesen Regionen ist direkter."

Einfluss nehmen die Kirche und kirchennahe Gruppen nicht nur auf politische, sondern auch auf ganz praktische Entscheidungen für oder gegen Abtreibung – nämlich in jenen Fällen, in denen Schwangerschaftsabbrüche in Argentinien heute bereits erlaubt sind. Frauen, die vergewaltigt wurden oder deren Schwangerschaft ihre Gesundheit bedroht, dürfen abtreiben.

Verfrühter Kaiserschnitt statt Abbruch

In den vergangenen Monaten sorgten in Argentinien zwei Fälle von minderjährigen Mädchen aus konservativen, katholisch geprägten Provinzen für Aufsehen, die infolge von Vergewaltigung schwanger wurden und denen Justiz und Behörden eine Abtreibung verwehrten. Bei beiden Mädchen, elf und zwölf Jahre alt, wurde statt eines Schwangerschaftsabbruchs ein Kaiserschnitt in der 24. Woche vorgenommen. Beide frühgeborenen Babys starben. Die Empörung bei den Befürwortern legaler Abtreibungen, laut Umfragen eine Mehrheit der Argentinier, war groß. Martha Rosenberg:

"Diese Fälle sind die konkrete Umsetzung des Mottos der Abtreibungsgegner: 'Lasst uns beide Leben retten'. Und es zeigt sich, dass das nicht gut geht. Sie quälen die schwangeren Mädchen und die Föten, die diese zur Welt bringen müssen. Das ist barbarisch. Wie man sieht, bedeutet den Abtreibungsgegnern weder das Leben der Mutter noch das des Kindes etwas. "

Die zahlreichen Organisationen, die heute in Argentinien Anti-Abtreibungs-Demos veranstalten oder in der Justiz Schwangerschaftsabbrüche zu verhindern suchen, stehen zum Teil der katholischen Kirche nahe – und zum Teil evangelikalen Kirchen.

"Katholiken und Evangelikale konkurrieren um die Gläubigen, sie sind Rivalen. Aber wenn es darum geht, die Legalisierung der Abtreibung zu bekämpfen, bilden sie Allianzen."

Neues politisches Gewicht

Erklärt der Religionsforscher Marcos Carbonelli. Während die katholische Kirche in Argentinien schon immer politisch agierte, ist das Bemühen der Evangelikalen, auf die Politik einzuwirken, ein neueres Phänomen. Gewicht verleiht ihnen ihr stetiges Wachstum – rund 13 Prozent der Argentinier gehören heute Pfingstkirchen und anderen evangelikalen Bekenntnissen an. Aber auch das starke soziale Engagement dieser Kirchen hat ihren Einfluss erhöht.

"Lange Zeit wollten sich viele dieser Kirchen nicht in weltliche Belange einmischen. Aber seit Argentiniens Rückkehr zur Demokratie 1983 und auch bedingt durch einen Generationenwechsel glauben heute viele Pastoren, dass politische Teilhabe keine Sünde ist. Sie sind entschlossen, ihre heilige Prinzipien öffentlich zu verteidigen."

An erster Stelle: Der Schutz des ungeborenen Lebens. In Argentinien fragen sich manche, ob die evangelikalen Kirchen im politischen Leben eines Tages so dominant werden könnten wie im Nachbarland Brasilien. Dort ist eine Pastorin Ministerin für Frauen, Familien und Menschenrechte, ein pentekostaler Bischof regiert Rio de Janeiro und im Kongress gibt es eine mächtige evangelikale Fraktion.

Ein Teil dieser Kirchen hat zum Wahlsieg des ultrarechten Präsidenten Jair Bolsonaro beigetragen. Dass das Abgeordnetenhaus einem Abtreibungsgesetz zustimmt, so wie es 2018 in Argentinien geschehen ist, wäre in Brasilien heute undenkbar.

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