Mittwoch, 07. Dezember 2022

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Ägypten
"Al-Azhar sieht sich als Pendant zum Vatikan"

Papst Franziskus besucht am Wochenende Ägypten, unter anderem auch die renommiert Al-Azhar-Universität in Kairo. Der Theologe Alexander Görlach hat dort vor zehn Jahren studiert. "Dialog war damals komplett unbekannt. Man verstand mein Interesse am Islam als einen ersten Schritt zur Konversion zum Islam", sagte er dem Deutschlandfunk.

Alexander Görlach im Gespräch mit Monika Dittrich | 26.04.2017

    Papst Franziskus tauscht Geschenke mit dem ägyptschen Groß-Iman al-Tayyeb aus, der am 23. Mai 2016 anlässlich einer privaten Audienz im Vatikan weilt.
    Papst Franziskus und der Kairoer Groß-Imam al-Tayyeb bei dessen Audienz am 23.05.2016 in Rom. (AFP / POOL / Max Rossi)
    Monika Dittrich: Alexander Görlach hat an der renommierten Al-Azhar-Universität in Kairo studiert. Seine Doktorarbeit in katholischer Theologie hat er über interreligiösen Dialog des Vatikans mit islamischen Akteuren unter anderem in Ägypten geschrieben. Außerdem ist er Gründungsherausgeber des Debattenmagazins "The European" und im Moment Gastdozent an der Harvard-Universität in den USA. Wir haben ihn auf einer Dienstreise in Guatemala erreicht. Herr Görlach, welchen Ruf hat Papst Franziskus bei den islamischen Gelehrten der Al-Azhar-Universität in Kairo?
    Alexander Görlach: Man sieht sich an der Al-Alzhar sehr gerne als Pendant zum Vatikan. Man bewundert den Papst als Souverän, Staatsoberhaupt. Der Scheich der Al-Alzhar hatte es sehr gern, seine Position mit dem VAtikan zu vergleichen.
    Monika Dittrich: Franziskus will sich bei seinem Besuch für den interreligiösen Dialog einsetzen. Ist er damit an der Al-Alzhar-Universität an der richtigen Adresse?
    Görlach: Da kann man ja und nein sagen. Zu meiner Zeit, als ich dort (vor zehn Jahren) studiert habe an dieser Sprachfakultät, gab es eigentlich keine richtige Islamwissenschaft. Das war eigentlich eine Missionsschule, in der man den jungen Männern beigebracht hat, wie man die Franzosen, die Deutschen, die Chinesen zu Muslimen macht. Mein Interesse am Islam - ich war dort für eine Promotion - konnte man gar nicht verstehen. Dialog war damals, vor rund zehn Jahren, komplett unbekannt. Man verstand mein Interesse am Islam als einen ersten Schritt zur Konversion zum Islam.
    "Auf beiden Seiten gibt es Leute, die dem Dialog skeptisch gegenüber stehen"
    Dittrich: Was kann der Papst mit seinem Besuch bewirken?
    Görlach: Wie so oft ist nicht alles nur so oder so. Es gab natürlich auch Leute, den diesen Dialog befürwortet haben. Übrigens waren im Vatikan auch nicht alle große Fans dieser Dialogveranstaltungen. Unter Papst Benedikt XVI. wurde der Päpstliche Rat für den interreligiösen Dialog in die Kultursektion eingruppiert und als eigenständiger Rat kastriert. Es gibt immer auf beiden Seiten Leute, die diesem Dialog skeptisch gegenüber stehen. Der Papst, das Papsttum als Einrichtung, gilt als renommiert und wird von weiten Teilen der ägyptischen Bevölkerung akzeptiert. Die Ägypter sind mehrheitlich Muslime, aber die christliche Minderheit - etwa zehn Prozent - hat schon dafür gesorgt, dass das Christentum nicht komplett fremd ist.
    Dittrich: Welche Vorbehalte gibt es gegenüber dem Christentum und dem Katholizismus?
    Görlach: Man muss unterscheiden. Die eigenen Christen, also die Kopten, werden als Landsleute angesehen. Die Ägypter haben diesen Narrativ, dass ihre Kultur zu den ältesten der Welt gehört. Vor dem Christentum und vor dem Islam standen da die Pyramiden. Das ist der nationale Narrativ. Nach jedem Anschlag auf Christen Kirchen können Sie erleben, wie groß die Solidarität ist. Muslime beschützen Kirchen oder spenden Blut, wie nach dem grausamen Attentat an Palmsonntag. Ein bisschen anders wird es mit dem Westen und dem westlichen Christentum. Generell gibt es mit den "Lateinern", den Menschen aus dem Westen, einen großen Vorbehalt, weil der Westen mit Amerika gleichgesetzt wird. Da wird schon unterschieden zwischen den eigenen Christen im Land und denen außerhalb.
    Dittrich: Sie haben eine Zeit lang in Kairo gelebt. Welchen Eindruck hatten Sie: Können Katholiken ihren Glauben in Ägypten selbstbewusst praktizieren?
    Görlach: Die Ägypter sind Kopten und keine Katholiken. Die Katholiken haben eine kleine Gemeinde, die von Joachim Schroedel geleitet wird. Er hat einen Konvent der Borromäerinnen-Schwestern, dazu gehören Schulen. Das heißt, es gibt ein reges Leben in Ägypten, auf kleiner Flamme natürlich, in einem Land, wo 30, 40 Prozent Analphabeten sind. Die Borromäerinnen-Schulen sind sehr beliebt. Es gibt auch eine evangelische Oberschule, auch die hat sich damals großer Beliebtheit erfreut. Wenn Sie vom Kairoer Flughafen in die Innenstadt fahren, kommen Sie an genauso vielen Moscheen wie Kirchtürmen vorbei. Das liegt an der Geschichte der letzten 200 Jahre. Trotzdem: Zur selben Zeit wird berichtet, dass zum Beispiel, wenn eine Kirche renoviert oder ein Gemeindezentrum angebaut werden soll, es nichts wird, weil die islamische Vorstellung, dass der Islam herrscht und nicht beherrscht wird, bis in die kleinsten Verwaltungsritzen wirkmächtig ist.
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
    Das Gespräch wird wegen der schlechten Leitungsqualität nach Guatemala nur online veröffentlicht.