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Äquator im Schwitzkasten

Umwelt. - Infolge der globalen Erwärmung schmilzt das Eis der Arktis immer schneller. Doch auch am Äquator wird es wärmer: Umweltforscher fürchten um die Regenwälder und ihre Bewohner, sollte der Klimawandel weiter so rasant fortschreiten.

Von Volker Mrasek | 27.03.2007

John Williams war vom Ergebnis seiner Analysen selbst überrascht, wie er sagt. Richtig heiß laufen soll die Erde nach den Klimasimulationen für dieses Jahrhundert im hohen Norden. Doch am bedrohlichsten für Tiere und Pflanzen könnte die Erderwärmung zunächst einmal an ganz anderer Stelle werden. Nicht in Polnähe, sondern in den Tropen, so der Geographie-Professor von der Universität Wisconsin in den USA:

"Die Tropen werden sich vielleicht nur um zwei bis drei Grad Celsius erwärmen, die hohen nördlichen Breiten aber um fünf bis acht. Deswegen gilt die ganze Aufmerksamkeit im Moment der Arktis. Es ist auch wichtig, sie weiter zu beobachten. Aber was wir mit unserer Studie zeigen können, ist: Wenn Sie die Welt nehmen und sie aufheizen, dann sind es die wärmsten Regionen, die als Erste ins Unbekannte vorstoßen und den Klimawandel zu spüren bekommen."

Williams und seine Kollegen entwickelten eine Art Risiko-Index für die Klimazonen der Erde. Darin floss zunächst einmal die erwartete Erwärmung in den verschiedenen Weltregionen ein, als Brutto-Wert, wenn man so will. Davon zogen die Forscher dann die natürlichen Temperatur-Schwankungen ab, die in den Klimazonen von Tag zu Tag und von Jahr zu Jahr auftreten. Heraus kam dann so etwas wie die Netto-Belastung durch den Klimawandel:

"In den Tropen schwankt die Mitteltemperatur im Jahresverlauf vielleicht nur um ein Grad oder noch weniger. In Polnähe sind es dagegen fünf Grad Celsius oder mehr. Tropische Tier- und Pflanzenarten sind also nur an sehr schwache Klimaveränderungen angepasst, arktische Arten dagegen an sehr starke. Als wir die Brutto- und Nettoeffekte in unserer Studie berechneten, stellte sich heraus: Die größten Veränderungen kommen auf die niedrigen Breiten zu und nicht auf die hohen."

Die Forscher sprechen von neuen Klimaten, die es so noch nicht gegeben habe. Sie stellten sich dort ein, wo es heute schon besonders warm sei - und in Zukunft noch wärmer:

"Gefährdet sind vor allem die tropischen Regenwälder am Amazonas und in Indonesien, aber auch Teile der Sahara. Das sind die Regionen, in denen sich in Zukunft ein neues Klima entwickeln wird."

Auf dieses Risiko hinweisen wird in Kürze auch der Weltklimarat der Vereinten Nationen. Seine Experten veröffentlichen in diesem Jahr ihren neuen Sachstandsbericht. In der kommenden Woche wollen sie Teil II der Öffentlichkeit vorstellen. Darin wird unter anderem erörtert, wie sich der Klimawandel auf die Ökosysteme der Erde auswirken könnte. Im vertraulichen Schlussentwurf ist auch vom bedrohten Regenwald die Rede, Zitat:

"Eine Zunahme der Temperatur und eine Abnahme des Bodenwasser-Gehaltes könnten zu einer Verdrängung des tropischen Waldes durch Savanne im östlichen Amazonien führen. (...) In Tropenwäldern ist das Aussterben von Arten wahrscheinlich."

Die tropischen Regenwälder sind Schatzkammern der Natur. In ihnen lebt rund die Hälfte aller heute bekannten Tier- und Pflanzenarten. Doch wie sie auf die Klimaerwärmung reagieren werden, können die Ökologen nicht mit Bestimmtheit sagen. Auch nicht Stephen Jackson, Professor für Botanik an der Universität von Wyoming in den USA und Co-Autor der neuen Studie:

"Das Klima wandelt sich ständig, und Ökosysteme reagieren darauf. Aber das, was wir in diesem Jahrhundert erwarten, ist absolut ungewöhnlich. Woran sich Ökosysteme normalerweise über einen Zeitraum von mehreren tausend Jahren anpassen können, das geschieht jetzt innerhalb von Jahrzehnten. Deshalb sind wir sehr besorgt. Die Erwärmung vollzieht sich so schnell, dass wir sicheres Terrain verlassen. Es übersteigt unsere bisherigen Erfahrungen auf dem Gebiet von Ökologie und Klima."

Das Beste sei es, sich erst gar nicht auf dieses unsichere Terrain zu begeben, meinen die US-Biologen. Daher ihr Appell, die Emissionen von Treibhausgasen möglichst rasch zu vermindern. Denn wenn es die Flora und Fauna des Regenwaldes nicht schaffe, sich anzupassen, dann gebe es für sie nur eine Hoffnung: dass es gelingt, die Erderwärmung in Grenzen zu halten.