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Affenlieder

Musik.- Immer wieder gelingt es, mittels Musik Emotionen in Menschen zu wecken – sei es Freude, Melancholie oder auch Aggression. Wie aber muss Musik klingen, die Tieren gefällt? Amerikanische Wissenschaftler haben das an Liszt-Affen erforscht.

Von Kristin Raabe | 02.09.2009

    So hört sich ein wütender Liszt-Affe an. Vielleicht reagierte er so aufgebracht, weil ihn die Forscher von der Universität von Wisconsin Madison mal wieder mit dem nervigen Mozart beschallten, oder mit diesem Adagio für Streicher von Barber. Was Menschen unter angenehmer Musik verstehen, kann einen Liszt-Affen jedenfalls nicht begeistern. Den Namen des bekannten Komponisten Franz Liszt tragen diese südamerikanischen Krallenaffen nur, weil sie eine ähnliche Kopfbehaarung haben wie er. Ihre Musikalität unterscheidet sich sehr von der des Menschen. Der Primatenforscher Charles Snwodon hat die Rufe der Liszt-Affen genau analysiert und dabei deutliche Unterschiede zum Menschen gefunden.

    "Einer der Unterscheide besteht darin, dass Affen eher ansteigende Frequenzen benutzen, wenn sie beruhigend wirken wollen. Mit einem menschlichen Baby würde ich etwa so reden. ‚Ah, du du, du’. Wenn ich dagegen einen Affen beruhigen will hört sich das so an: ‚frei stehen lassen’. Die Tonhöhe steigt also eher an. Außerdem unterscheidet sich die Geschwindigkeit bei Affen und Menschen. Wenn ich ein Kind antreiben will, werde ich schneller und sage beispielsweise: ‚Komm, komm, komm, na mach schon’. Affen steigern ihre Geschwindigkeit noch viel mehr, um denselben Effekt zu erzielen."
    Wer also die Gefühle von Affen mit Musik beeinflussen will, muss eine Musik komponieren, die dem emotionalen Gehalt ihrer Rufe entspricht. Dieser Herausforderung hat sich der professionelle Cellist David Teie gestellt. Mit seinem musikalischen Gehör fiel es ihm leicht, die Besonderheiten in den Rufen der Affen herauszuhören. Er erkannte beispielsweise sofort, dass dieser Liszt-Affe gerade sehr ruhig ist:

    Die Musik, die David Teie komponierte unterschied sich dann ganz gravierend von der, die Menschenohren eigentlich gewohnt waren.

    "Die menschliche Musik, die wir den Affen vorspielten, hatte eine Frequenz von bis zu 600 Hz. Die Affenmusik fing erst bei 1.9 Kilohertz an und reichte bis 3,7 Kilohertz. Sie haben also eine viel höhere Bandbreite an Frequenzen. Außerdem ist ihre Musik genau wie ihre Rufe viel schneller. Selbst beruhigende Rufe haben 50 bis 80 Noten pro Minute. Beim Menschen sind es nur etwa 30 bis 40. Menschliche Rockmusik hat 200 – 300 Schläge pro Minute. Die Affenmusik dagegen hatte mindestens 500 Schläge pro Minute."

    Wenn die Musik bei Affen Anspannung erzeugen sollte, orientierte sie sich an Angst oder Bedrohung signalisierenden Rufen. Die entsprechende Musik klang so. Ruhige Liszt-Affen hören sich so an. Und so die klingt die Musik dazu. Dass ihr Komponist David Teie seine Sache sehr gut gemacht hat, zeigte sich daran, dass die Liszt-Affen tatsächlich genau die Gefühlsregung zeigten, die die jeweilige Musik bei ihnen erzeugen wollte.

    "Selbst beruhigende Affenmusik wirkt auf mich einfach nur irritierend. Eine Komposition muss sich der jeweiligen Tierart anpassen. Man kann Affen nicht einfach Mozart vorspielen und einen Mozart-Effekt bei ihnen erwarten."

    Bislang hatten andere Affenforscher den musikalischen Elementen in den Rufen der Liszt-Affen wenig Bedeutung geschenkt. Wie wichtig sie für die Gefühlslage der Tiere ist, konnten diese Experimente zeigen. Und noch ein wichtiger Beweis ist Charles Snowdon und David Teie mit ihrer Studie in jedem Fall gelungen: Auch Affen sind musikalisch. Nur eben anders musikalisch.