Sonntag, 05. Dezember 2021

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AfrikaWenn Covid-19 auf HIV, Tuberkulose und Malaria trifft

Covid-19 traf in vielen afrikanischen Ländern auf Gesundheitssysteme, die auch mit anderen Infektionskrankheiten zu kämpfen haben: Malaria, Tuberkulose, HIV. Zwar hat das medizinische Personal daher viel praktische Erfahrung im Umgang mit Epidemien, aber die Belastungen für Pflegepersonal und Kliniken steigen.

Von Volkart Wildermuth | 27.11.2020

Eine Frau mit Maske vor Lebensmittelrationen, die an die Bevölkerungs im Senegal verteilt werden soll, die aufgrund von Coronamaßnahmen ihr Einkommen verloren haben.63
Zurzeit beeinträchtigt SARS-CoV-2 die Versorgung überall im globalen Süden, so auch im Senegal (Imago / Le Pictorum)
Covid-19 hat die Länder Afrikas gezwungen innovativ zu werden, meint der Infektionsmediziner Papa Salif Sow aus Dakar der Hauptstadt Senegals und berichtet von einem Beispiel aus Sambia.
"Sie haben eine neue Strategie umgesetzt, bei der die Patienten ihre Medikamente für ein halbes Jahr bekommen, statt nur für einen Monat. Das geht bei gut eingestellten AIDS-Kranken, aber auch bei Diabetespatienten."
Wer an HIV oder TB leidet, kann nicht zuhause bleiben
Eigentlich müssen zum Beispiel TB-Medikamente vielerorts unter Aufsicht eingenommen werden, um Lücken in der Behandlung und damit Resistenzen zu vermeiden. Es entsteht hier eine neue Vertrauensbasis zwischen Medizinern und Patienten. In Zambia werden auch viele Patienten mit chronischen Krankheiten inzwischen über ihre Smartphones betreut. Solche Telehealth-Ansätze lassen sich nicht überall umsetzen, schon allein, weil die Netzabdeckung fehlt.
COVID-19-Test in Kenia an einem Baby im März 2020
SARS-CoV-2 - Was bremst die Corona-Pandemie in Afrika?
Schwache Gesundheitssysteme, Hygieneprobleme, Armut: Covid-19 werde in Afrika zu einer Katastrophe führen, hieß es im Frühjahr. Aber die Epidemie hat sich dort langsamer entwickelt als in Europa oder den USA.
Aber Papa Salif Sow geht davon aus, dass Covid-19 hier vieles angestoßen hat, was auch nach der Pandemie weitergehen wird. Das ist allerdings Zukunftsmusik. Aktuell beeinträchtigt SARS-CoV-2 die Versorgung überall im globalen Süden.
"Es gab Lockdowns, alle sollten zuhause bleiben. Aber wer an HIV leidet, an Tuberkulose, Malaria oder zuckerkrank ist oder Blutdruckmedikamente braucht, der kann nicht zuhause bleiben."
Aus Angst vor Corona nicht ins Krankenhaus
Und doch gingen viele Patienten nicht in die Gesundheitsstationen, so Papa Salif Sow. Die Busse fuhren nicht, die Leute hatten Angst, sich in der Klinik mit SARS-CoV-2 anzustecken, marginalisierte Gruppen fürchteten eine noch stärkere Diskriminierung. Was das konkret bedeutet hat die südafrikanische Ärztin Zolelewa Sifumba erfahren. Sie hat nicht nur selbst eine multiresistente Tuberkulose überstanden, sondern sich auch noch mit SARS-CoV-2 angesteckt, als sie in der Gesundheitsstation Covid-19 Patienten versorgte. Inzwischen ist sie wieder gesund, behandelt schon selbst wieder. Aber nicht alle ihre Kolleginnen hatten so viel Glück. Zolelewa Sifumba:
"Unsere Schwestern erkranken und sterben, das Personal wird knapp. Leute sterben in der Klinik und dann haben andere aus dem Dorf Angst, sich behandeln zu lassen. Menschen, deren Tuberkulose oder HIV-Erkrankung oder chronische Krankheit gut eingestellt war, verpassen Termine und kommen erst in die Klinik, wenn sie sterben, weil sie aus vielen Gründen wegen des Lockdowns zu spät in die Klinik kommen."
Corona sorgt auch indirekt für Todesfälle
Laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation ging die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen um 44 Prozent zurück. Das betraf Impfungen genauso wie die Diabetesversorgung, die Familienplanung oder die Diagnose und Therapie der Tuberkulose. Besonders heikel: Neue Fälle von TB werden nicht diagnostiziert und stecken weitere Personen an. Außerdem führen Unterbrechungen in der Therapie zu Resistenzen. Die WHO rechnet damit, dass 2020 eine Million Menschen mehr an dieser eigentlich behandelbaren Krankheit sterben werden. Ähnliches vermutet die Direktorin von UNAIDS für ihr Gebiet.
"Wir haben den Einfluss von Covid-19 auf HIV abgeschätzt und erwarten, dass es wegen der Lockdowns, der Überlastung der Klinken und der stärkeren Diskriminierung zu zusätzlich 293.000 Infektionen kommen wird, und 2020 148.000 Menschen mehr an AIDS sterben werden."
Zwei Passagiere in Dakar, Senegal, lassen ihre Temperatur prüfen, bevor sie an Bord eines Shuttlebootes steigen. 
Fiebermessen als Maßnahme gegen die Verbreitung des Coronavirus (Imago / Eddy Peters)
Ähnlich sieht es bei den anderen Infektionskrankheiten und auch bei chronischen Leiden aus, berichtet der Berliner Tuberkuloseexperte Stefan Kaufmann bei einer internationalen Pressekonferenz.
"Wenn sich daran nicht schnell etwas ändert, bekommen wir ein Riesenproblem. Dann wird SARS-CoV-2 indirekt für mehr Todesfälle durch andere Infektionskrankheiten verantwortlich sein, als es direkt selbst tötet. Das halte ich für inakzeptabel."
Drei Jungen halten sich eine Plastikfolie vor's Gesicht, weil sie keine Atemschutzmaske kaufen können.
Corona-Pandemie in Afrika - "Wie jede Frau trage ich eine Maske"
Was bedeutet die Corona-Pandemie für Frauen auf dem afrikanischen Kontinent? 200 afrikanische Filmemacherinnen erzählen in ihren Kurzfilmen von Geldproblemen, von Ausgangssperren und von sexueller Gewalt.

In der jetzigen Krise rächt sich, dass alte Probleme nicht entschlossener angegangen worden sind. Die letzte große Pandemie hat vor 40 Jahren HIV ausgelöst. Seit 1996 gibt es eine effektive Behandlung, aber noch immer ist der Erreger nicht besiegt, so der Direktor des Global Funds zur Bekämpfung von HIV, Tuberkulose und Malaria, Peter Sand.

Das darf bei Covid-19 nicht noch einmal passieren. Wir müssen den Kampf zu Ende führen und sicherstellen, dass wir niemanden zurücklassen.