Samstag, 25. Juni 2022

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Afrobeat gegen die militärischen Zombies

Über 50 Alben soll der Saxofonist und Protestsänger Fela Kuti bis zu seinem Tod 1997 mit diversen Big Bands eingespielt haben. Er ritt dabei wütende Attacken gegen die wechselnden Militärregimes in seiner Heimat Nigeria. Nicht zuletzt gilt er als Erfinder des Afrobeats.

Von Frank Sawatzki | 16.03.2013

Fela Kuti wurde 1938 in Abeokuta bei Lagos als Sohn einer angesehenen Yoruba-Familie geboren, die Mutter eine antikoloniale Kämpferin und Lenin-Friedenspreisträgerin, der Vater ein bekannter Komponist und Prediger. Seine erste Band hatte er 1961 in Nigeria gegründet, sein musikalisches und politisches Initiationserlebnis wurde ein USA-Trip 1969. Angefixt von den Schriften der Black Panthers und beeindruckt vom scharfkantigen Soul James Browns und Sly Stones modifizierte Kuti, damals noch Trompeter, den musikalischen Duktus seines Ensembles. Aus dem federleichten Highlife-Jazz der gerade entkolonialisierten Heimat erwuchs jene strenge Form des bigbandigen Afrobeat mit massiven Bläsersätzen und funky Bass-Riffs, auf deren Boden Felas Befreiungs-Lyrics zur vollen Entfaltung gelangten.

Kuti verurteilte Korruption und Misswirtschaft in Nigeria, erklärte die Soldaten des Militärs zu Zombies und die multinationalen Konzerne zu Feinden der Menschen – alles in wütenden Pidgin-English-Versen. Kutis Musik avancierte zur Waffe der nigerianischen Gegenöffentlichkeit, auf die gewaltsamen Auseinandersetzungen mit Polizei und Militär reagierte der glamouröse Zeremonienmeister eine zeitlang mit Veröffentlichungen im Rhythmus von Monatszeitschriften.

Kutis musikalische Spuren sind bis in die Spitzen des aktuellen Pop auszumachen, die Auftritte seiner Band "Africa 70" nahmen den Set-Charakter vieler House- und Elektronik-DJs vorweg – Rauscherlebnisse auf einem komplexen Rhythmusteppich. Paul McCartney soll Freudentränen in den Augen gehabt haben, als er Kutis Bigband 1972 live in Lagos erlebte, Rock- und Pop-Größen wie Brian Eno, David Byrne und der Brasilianer Gilbert Gil sangen schon früh das Hohelied auf die musikalische Finesse des Afrobeat. Anfang der 1980er stand Manager Rikki Stein in Verhandlungen mit mehreren großen US-Plattenfirmen, die Kutis wild wucherndes Werk weltweit veröffentlichten wollten.

Rikki Stein: "Für diese Leute spielte Fela auf Augenhöhe mit Miles Davis und Dizzy Gillespie. Und es ging um Millionen-Deals. Ich musste immerhin 70 Leute bezahlen, die mit Fela auf Tournee gingen. Es gab nur eine Frage, die ich den Plattenbossen nicht beantworten konnte: Wo sind die drei Minuten in einem dieser 28-Minuten-Songs, die im Radio gespielt werden können? Also schlug ich Fela vor, kurze Songs zu schreiben. Seine Antwort lautete nur: "Ich weiß gar nicht, wie man das macht.""

In ein für den anglo-amerikanischen Popmarkt gängiges Format wollte Kuti seine Tracks sowieso nie pressen lassen. Sie mäanderten bis zu einer halben Stunde über den polyrhythmischen Feinarbeiten der Percussion-Abteilung, die hitverdächtigen Call- und Response-Gesänge setzen oft erst im letzten Drittel eines Stückes ein.

"Die Musik ist der schnellste Generator, der sich zur Übermittlung einer Botschaft benutzen lässt. In der Tradition haben die Leute auch immer auf den Trommler gehört", sagte Fela einmal. Zur Kathedrale dieser beschwörenden Protestakte wurde Kutis Club "The Shrine" in Lagos, wo der Bandleader einen Verein aus Instrumentalisten, Sängerinnen und Tänzerinnen zur Ekstase trieb. Die Shows im "Shrine" müssen auf das Publikum wie ein wahrhaftiges Elysium gewirkt haben, in dessen Verfassung Sex und Marihuana für alle bereits verankert waren. Der "Black President" und seine Band rockten den notdürftig überdachten Schuppen bis in die Morgenstunden und entließen das Volk im quasireligiösen Zustand der Erlösung.

Seine Musik diene der Revolution, nicht der Unterhaltung, ließ Kuti sein Publikum wissen. Der Beiname Anikulapo, den er sich 1975 zugelegt hatte, wirkte 20 Jahre lang wie eine Kampfansage an die Todesschwadronen der diversen Militärregimes: "Er, der Kontrolle über den Tod hat." Prügel, Drangsalierung und Dutzende von Gefängnisaufenthalten hatten am Ende aber ihre Spuren hinterlassen, in den 1990ern rief Kuti erschöpft das Zeitalter der Kontemplation aus und verbarrikadierte sich mit den Geistern seiner Ahnen in seiner Kommune Kalakuta. Zweimal in der Woche nur verließ er das Haus, um Konzerte im Shrine zu geben. 1997 starb Kuti an den Folgen von AIDS, im Alter von 58 Jahren. Eine Million Menschen auf den Straßen von Lagos erwiesen ihm die letzte Ehre. Eine außergewöhnliche Erfahrung für Rikki Stein:

"Ich weiß noch, wie ich Fela rasiert und das Haar gekämmt habe. Er lag in seinem Glassarg und trug einen grellen, gelben Anzug. Einen Joint habe ich ihm noch in die Hand gesteckt, dann trugen wir den Sarg ins Zentrum von Lagos. Es gab eine Stelle, von der ich das Geschehen überblicken konnte: Eine Million Menschen hatten sich zum Abschied versammelt. Auf einer Bühne spielten Bands Felas Musik, wir tanzten die ganze Nacht durch. Am nächsten Morgen, es muss gegen 11 Uhr gewesen sein, wurde Fela im Vorgarten von Kalakuta beerdigt. An diesem Ort liegen seine sterblichen Reste bis heute."