Niemand möchte mit Thierry Chervel und seinen tapferen Mitarbeitern tauschen. Die machen sich nämlich jeden Morgen um sechs an die Arbeit und lesen für uns die Zeitungsfeuilletons, fassen das Wichtigste zusammen und stellen diese Hinweise um Punkt neun Uhr vormittags ins Netz. Am Anfang war es ein Service, von dem vor allem Kollegen profitierten: Kulturredakteure, die in ihren Medienhäusern auf irgendwelchen Halb-zehn-Uhr-Konferenzen zeigen müssen, dass sie den Blätterwald schon durchgeackert haben und überhaupt wahnsinnig informiert sind. In Wirklichkeit haben Kulturredakteure morgens keine Ahnung, weil sie am Abend lange ins Theater und danach viel trinken und Beziehungsprobleme besprechen müssen. Dafür also war der "Perlentaucher" klasse: Man konnte bei der Arbeit mit Gratiswissen prahlen.
Doch peu à peu verwandelte sich die Webseite vom Geheimtipp in ein Zentralorgan des Kulturjournalismus. Das haben Chervel und seine Leute dank einer geradezu übermenschlichen Beharrlichkeit erreicht: Der "Perlentaucher" ist mittlerweile fast jeder professionellen Feuilletonlektüre vorgeschaltet. Da er zuverlässig, gründlich und – bis auf gelegentliche klitzekleine Seitenhiebe – vollkommen unparteiisch resümiert, lenkt er die Selbstwahrnehmung des gesamten deutschsprachigen Kulturbetriebs.
Das jedoch gereicht den altgedienten Leitmedien zur Kränkung. Deshalb haben unsere großen Zeitungen nach und nach kleine Anti-Perlentaucher-Fronten eröffnet und sich mit den Berliner Freibeutern einige juristische Scharmützel geliefert. "FAZ" und "Süddeutsche" prozessierten unter urheberrechtlichen Vorwänden, verloren in mehreren Instanzen und lassen seither keine Gelegenheit aus, Chervels Arbeit mieszumachen. Dazu muss man wissen, dass Chervel selber mal Feuilletonkorrespondent der Süddeutschen Zeitung war.
Nun hat sich die "Zeit" diesem Anti-Chervel-Kartell angeschlossen und einen Tollhaustext einer früheren Feuilletonmitarbeiterin der Frankfurter Rundschau publiziert, die den Perlentaucher einerseits für eine der großen Plagen der Menschheit, neben Krieg und Hunger, hält, andererseits aber für – so wörtlich! – "das ontologische Gegenstück zur Zahnseide". Erst nach und nach schimmert durch diese etwas verpeilte und unbeholfene Ausdrucksweise der eigentliche Gegenstand ihres Zorns: es sind die gelegentlichen klitzekleinen Seitenhiebe, die sich die Perlentaucher-Truppe bei der staubtrockenen Zusammenfassung und Wiedergabe von Fremdmeinungen leistet. So wie in den Urzeiten der "taz" gelegentlich "der Säzzer" seinen Senf in Klammern abgab, so erlaubt sich der Perlentaucher tatsächlich manchmal einen Hauch von Wertung.
Oh, da plustert sich aber das journalistische Gewissen der "Zeit" gewaltig auf, verweist auf die klassischerweise getrennten Darstellungen von Bericht und Meinung und bildet einen Satz mit Wörtern wie "skrupellos" und "vermischen". Die Autorin ist dermaßen wütend, dass sie den Perlentaucher in – Zitat – "bedenkliche Nähe zu manchen agitatorischen Websites" rückt. Ihre Wut hat allerdings einen klar benennbaren Grund – es geht um den Islam. Hilal Sezgin ist eine Muslimin, die das Tragen von Kopftüchern und Burkas als angewandtes Freiheitsrecht von Frauen betrachtet. Der Perlentaucher sieht das Vordringen des Islam in Europa kritischer und zettelte hierzu selber eine hochkarätige Debatte an, die jedem prominenten Feuilleton gut angestanden hätte und sogar als Suhrkamp-Buch veröffentlicht wurde.
Auch dies zeigt, dass sich der Perlentaucher zum vielleicht wichtigsten Bindeglied zwischen dem gedankenschweren und daher stets ein wenig tempoarmen deutschen Geistesleben und dem Echtzeitmedium Internet entwickelt hat. Kein Wunder, dass die "Zeit" und andere Zeitungen immer nervöser werden: sie spüren, wenn das so weitergeht, wird der Tag kommen, an dem sie bloß noch gedruckt erscheinen, damit der "Perlentaucher" sie wahrnimmt.
Doch peu à peu verwandelte sich die Webseite vom Geheimtipp in ein Zentralorgan des Kulturjournalismus. Das haben Chervel und seine Leute dank einer geradezu übermenschlichen Beharrlichkeit erreicht: Der "Perlentaucher" ist mittlerweile fast jeder professionellen Feuilletonlektüre vorgeschaltet. Da er zuverlässig, gründlich und – bis auf gelegentliche klitzekleine Seitenhiebe – vollkommen unparteiisch resümiert, lenkt er die Selbstwahrnehmung des gesamten deutschsprachigen Kulturbetriebs.
Das jedoch gereicht den altgedienten Leitmedien zur Kränkung. Deshalb haben unsere großen Zeitungen nach und nach kleine Anti-Perlentaucher-Fronten eröffnet und sich mit den Berliner Freibeutern einige juristische Scharmützel geliefert. "FAZ" und "Süddeutsche" prozessierten unter urheberrechtlichen Vorwänden, verloren in mehreren Instanzen und lassen seither keine Gelegenheit aus, Chervels Arbeit mieszumachen. Dazu muss man wissen, dass Chervel selber mal Feuilletonkorrespondent der Süddeutschen Zeitung war.
Nun hat sich die "Zeit" diesem Anti-Chervel-Kartell angeschlossen und einen Tollhaustext einer früheren Feuilletonmitarbeiterin der Frankfurter Rundschau publiziert, die den Perlentaucher einerseits für eine der großen Plagen der Menschheit, neben Krieg und Hunger, hält, andererseits aber für – so wörtlich! – "das ontologische Gegenstück zur Zahnseide". Erst nach und nach schimmert durch diese etwas verpeilte und unbeholfene Ausdrucksweise der eigentliche Gegenstand ihres Zorns: es sind die gelegentlichen klitzekleinen Seitenhiebe, die sich die Perlentaucher-Truppe bei der staubtrockenen Zusammenfassung und Wiedergabe von Fremdmeinungen leistet. So wie in den Urzeiten der "taz" gelegentlich "der Säzzer" seinen Senf in Klammern abgab, so erlaubt sich der Perlentaucher tatsächlich manchmal einen Hauch von Wertung.
Oh, da plustert sich aber das journalistische Gewissen der "Zeit" gewaltig auf, verweist auf die klassischerweise getrennten Darstellungen von Bericht und Meinung und bildet einen Satz mit Wörtern wie "skrupellos" und "vermischen". Die Autorin ist dermaßen wütend, dass sie den Perlentaucher in – Zitat – "bedenkliche Nähe zu manchen agitatorischen Websites" rückt. Ihre Wut hat allerdings einen klar benennbaren Grund – es geht um den Islam. Hilal Sezgin ist eine Muslimin, die das Tragen von Kopftüchern und Burkas als angewandtes Freiheitsrecht von Frauen betrachtet. Der Perlentaucher sieht das Vordringen des Islam in Europa kritischer und zettelte hierzu selber eine hochkarätige Debatte an, die jedem prominenten Feuilleton gut angestanden hätte und sogar als Suhrkamp-Buch veröffentlicht wurde.
Auch dies zeigt, dass sich der Perlentaucher zum vielleicht wichtigsten Bindeglied zwischen dem gedankenschweren und daher stets ein wenig tempoarmen deutschen Geistesleben und dem Echtzeitmedium Internet entwickelt hat. Kein Wunder, dass die "Zeit" und andere Zeitungen immer nervöser werden: sie spüren, wenn das so weitergeht, wird der Tag kommen, an dem sie bloß noch gedruckt erscheinen, damit der "Perlentaucher" sie wahrnimmt.