1686 vertont Lully das so außerordentlich bühnenwirksame Armide-Thema. Er schreibt damit seine letzte Tragédie Lyrique, uraufgeführt am Théatre des Champs Élysées. Armide, die reizvolle Nichte des heidnischen Herrn von Damaskus, verfügt über magische Kräfte. Dämonen und Zauberwesen machen ihr Gefolge aus. Liebe und Hass aber ist der eigentliche Stoff, aus dem Armides Träume und Handeln hervorgehen. Rache zu nehmen an Renaud ist ihr Vorhaben, doch sie unterliegt der Leidenschaft der Liebe.
Sie hören Patricia Petibon mit dem Rezitativ "Enfin, il est en ma puissance". Als einfühlsame Kennerin der Textdeklamation führt Sie vor, zu welcher Spannbreite an Ausdrucksmitteln sowohl ihre Stimme als auch die Musik fähig ist, sparsam begleitet von Musikern des Ensembles Les Folies Françoises. * Musikbeispiel: Jean-Baptiste Lully - ' Enfin, il est en ma puissance' aus der Oper "Armide" Das berühmte Stück, dass noch Jahre nach seinem Entstehen als beispielhaft für das französische Rezitativs gilt, heißt "Enfin, il est en ma puissance". Im legendären Buffonistenstreit spielt es eine Hauptrolle im Disput um Tradition und Moderne. Es erhitzt die Gemüter so streitbarer Zeitgenossen wie Jean Jacques Rousseau und Jean Philippe Rameau. Der Komponist Rameau ist es auch, dem Patricia Petibon und Les Folies Françoises die Hälfte der Spielzeit ihrer neuen CD widmen. Im Rahmen ihrer Aufnahme "Airs Baroques Français" bringen sie Ausschnitte aus zwei Opera-Ballets, nämlich "Les Indes Galantes" und "Les fêtes de l'Hymen et de l'Amour" sowie aus einem Comédie-Ballet, nämlich aus "Platée". Bei einer solch großen Programmrotation, diesem atemberaubenden Repertoire-Karussell durch einhundert Jahre französischer Bühnenmusik, die schließlich noch mit einer Kantaten-Parodie von Nicolas Racot de Grandval abschließt, mag dem Liebhaber französischer Opernmusik fast etwas bang werden. Doch Patricia Petibon und Les Folies de Françoises zerstreuen naheliegende Befürchtungen, es ginge ihnen um eine mediengerechte Opern-Hitparade. Der wilde Kreis schließt sich wieder und wieder an einem Punkt: es geht um rein vom Ausdruck bestimmte Musik, gezeugt aus dem Geist der französischen Sprache. Die Musiker hätten sich, schreibt Patricia Petibon im Booklet, von den Ausdrucksintentionen jeder einzelnen Wendung tragen lassen. Hierfür wählen sie berühmte wie feine und aussagekräftige Beispiele. Was die musikalische Umsetzung betrifft, agieren sie mit großer Umsicht und Sorgfalt. Perfektion ist ihr Anspruch, ob es nun um Deklamation, Verzierung, Tempo oder um die Feineinstellung zwischen Sängerin und Instrumentalisten geht. Ganz offensichtlich ist William Christie hier der unsichtbare aber omnipräsente Lehrmeister. Dass Patricia Petibon in Anbetracht des Anspruchs dennoch ganz spielerisch über ihre nuancenreiche Stimme verfügt, zeigt das närrische "" aus dem Comédie-Ballet von Jean Philippe Rameau. * Musikbeispiel: Jean Philippe Rameau - 'Air de la Folie: Formons les plus brillants concerts' aus: "Platée" Das war Patricia Petibon mit dem "Air de la Folie: Formons les plus brillants concerts", aus dem Comédie-Ballet "Platée" von Jean Philippe Rameau. Ein tolles Virtuosenstück mit einer gehörigen Portion Pikanterie, denn Rameau trägt der Protagonistin immerhin eine Gesangsmanier im italienischen Stil an. Italienische Musik als Sinnbild für Narretei: So tief war damals der Graben zwischen den führenden Musiknationen Frankreich und Italien. Französische Barock-Oper: man verbindet sie vermutlich zuallererst mit Aufnahmen von William Christie, Phillippe Herreweghe oder Herve Niquet, weiterhin von Marc Minkowski oder Christophe Rousset. Patricia Petibon und Patrick Cohën-Akenine haben mit vielen dieser Dirigenten und mit Musikern aus diesem Umfeld zusammengearbeitet. Sie verfügen über eine Vielzahl detaillierter Kenntnisse zur Aufführungspraxis. Als Interpreten sind sie absolut stilsicher, lieben die musikalische Delikatesse, die sich aus dem Charakter der Sprache herleitet und haben ein meisterliches Gespür für Zeit. Mit Charme und großem persönlichen Einsatz sind sie bei der Sache.
Die Einspielung "Airs Baroques Français" von Patricia Petibon und Les Folies Françoises unter der Leitung von Patrick Cohën-Akenine stellt eine gelungene Kostprobe sowohl ihres Könnens als auch französischer Vokalmusik dar. Nicht unerwähnt soll bleiben, dass auch der Choer de chambre de Paris unter Leitung von Didier Bouture, wenngleich nur bei einem der Titel, mitwirkt. Es bleibt zu beobachten, in welcher Form die Musiker die einmal eingeschlagene Richtung weiterführen werden und inwiefern sie für ihren hohen Anspruch einen musikdramatisch adäquaten Kontext finden können. Hören Sie zum Abschluss Patricia Petibon mit einem Ausschnitt aus der Stil-Parodie "Rien du tout" von Nicolas Racot de Grandval. Es spielt das Ensemble Les Folies Françoises. Die Leitung hat Patrick Cohën-Akenine. * Musikbeispiel: Nicolas Racot de Grandval - aus: "Rien du tout"