Donnerstag, 29. September 2022

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Akkuschrauberrennen 2016
Tüftler-Battle in Hildesheim

Das Wettrennen an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim, bei dem die selbst konzipierten Fahrzeuge nur mit einem Akkuschrauber angetrieben werden, hat schon Tradition. Das Besondere dieses Mal: Laut Veranstalter war es das erste Rennen der Welt, bei dem mindestens ein Bauteil der Fahrzeuge im 3D-Druck gefertigt wurde.

Von Alexander Budde | 27.06.2016

    Das Team MoPET um Lea Günnewig und Hannes Drechsler trifft letzte Vorbereitungen. Die beiden studieren Produktdesign an der HAWK. Ihr Fahrzeug ist schnittig wie ein Hammerhai. Der spaßige Name steht für "Mobiles PET" - ein Kunststoff, aus dem auch Getränkeflaschen sind.
    "Unser Fahrzeug ist aus kleinen Puzzleteilen, die aus einem handelsüblichen 3D Drucker kommen, zusammengebaut. Wir haben da drin ein Schlüssel-Schloss-Prinzip, das unsere Teile zusammenhält."
    Ein Jahr lang tüftelten sie am Konzept: Ersten frühen Zeichnungen folgten Materialstudien, Kräftesimulationen. Ein Belastungstest - auch für die Sechs Studierenden aus Hildesheim:
    "Wir arbeiten in Schichten, wir haben auch nachts gearbeitet. Wir mussten gewisse Zeiten einhalten, weil der Drucker sich nicht nach uns richtet, sondern wir uns nach dem 3D-Drucker."
    Auf der Startlinie: Ausgabe der Akkuschrauber, die als Antrieb dienen. Erst zwei, im weiteren Rennverlauf gar vier Runden gilt es zu bestreiten. Da staunt das technikbegeisterte Publikum: Hier sitzt eine Fahrerin zierlich am Steuerhebel, dort balanciert ein Student waghalsig auf etwas, das nur aus der Ferne einem Skateboard gleicht. Beim Team menschmaschine liegt der Ingenieur bäuchlings auf, wird gleichsam eins mit dem Gefährt.
    "Jetzt wird der Akkuschrauber gerade eingebaut. Das ist jetzt nur noch Nervenkitzel pur!"
    Zum Start darf angeschoben werden. Mit beachtlichen 30 km/h geht es durch enge Kurven. Gleich beim zweiten Rennen gibt es eine Kollision: Lea Günnewig und Hannes Drechsel zerren ihre schwer gezeichnete Maschine in die "Boxengasse". Kunststoff bricht, wo Kräfte sinnlos walten. Betreten, die Blicke der Teamgefährten - doch die Handgriffe sitzen.
    "Es läuft! Ich glaube, wir sind gleich wieder am Start. Wir haben ein Teil austauschen können, das wir zum Glück noch als Ersatz dabei hatten ... "
    "Wir möchten an der Stelle noch einmal betonen, dass unser Modulsystem uns hier definitiv den Arsch gerettet hat!"
    Während draußen das Rennen tobt, betrachten Besucher das besinnliche Ambiente einer Ausstellungshalle gleich neben dem Parcours. Ringsum Skizzen, Plakate, Modelle der Designstudierenden. 2011 präsentierte die Hochschule das erste Fahrzeug, das komplett aus dem 3D-Drucker kam. Es wird seither auf der ganzen Welt gezeigt.
    Natürlich übt das Akkuschrauberrennen im komplexen Analysieren, Vermitteln und Entwickeln von Problemlösungen, doziert Organisatorin Barbara Kotte von der Fakultät Gestaltung der HAWK im Branchenjargon – doch dahinter stecke weit mehr als das:
    "Das Wesentliche, was ein Team lernt, ist immer, dass es als Team funktionieren muss und dass eben eine Menge Dinge schief gehen – und wie man sich dann gegenseitig da eben raushilft. Weil man es nicht nur in der Theorie durchdenken kann, sondern man muss am Ende eben wirklich ein Fahrzeug haben, das fährt – und sonst im Studium hört es ja nach dem Konzept relativ schnell oft auf."
    Am Ende eines langen Renntages dürfen sich die krisenerprobten Lokalmatadore vom Team MoPET zumindest über den Sympathiepreis des Publikums freuen. Mit dem schnellsten Fahrzeug war allerdings "Screwdriver" der Ostfalia, Hochschule für angewandte Wissenschaften in Wolfenbüttel, unterwegs. In der Kategorie technische und gestalterische Umsetzung überzeugt "Skypeway to Hell" von der Hochschule für Gestaltung, Schwäbisch Gmünd.
    "Der Zwischenbereich war gedruckt, der Rest war ganz klassisch gebaut, adaptiert. Das, was da an Technik verbaut war, inklusive der Federung und diesen ganzen Sachen, das fanden wir schon wirklich beachtenswert", lobt Andreas Schulz, Professor an der HAWK für Produktdesign.
    Noch steckt der 3D-Druck in den Kinderschuhen, sagt Sylwester Szymański. Doch der angehende Ingenieur rechnet absehbar mit neuen, verblüffenden Lösungen und Materialien - überall dort, wo es nicht um Massenware, sondern um niedrige Stückzahlen geht: In der Luftfahrt zum Beispiel, aber auch bei künstlicher Haut und Zahnimplantaten. Einen Titel haben die weit gereisten Gäste von der Technischen Hochschule Posen zwar nicht errungen – doch Szymański ist am Ende eines langen Renntages in Feierlaune.
    "Wir haben jetzt gewonnen, weil wir hier angereist sind. Unser Fahrzeug ist zwei Runden durchgefahren - und hat gar nichts Schlechtes passiert. Das ist unser Preis schon. Wir sind alle sehr stolz."