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StartseiteForschung aktuellAKW-Sicherheit "von Land zu Land sehr unterschiedlich"01.10.2012

AKW-Sicherheit "von Land zu Land sehr unterschiedlich"

Erste Details zum europäischen Kernkrafttest sickern durch

Offenbar sind die Kernkraftwerke in Europa teilweise überholungswürdig. Das ist - nach Medienberichten - das Ergebnis eines Stresstests der EU-Kommission. Wissenschaftsjournalistin Dagmar Röhrlich erläutert im Interview die Details.

Ein Castor-Transport mit Brennelementen verlässt das AKW Gundremmingen.  (AP Archiv)
Ein Castor-Transport mit Brennelementen verlässt das AKW Gundremmingen. (AP Archiv)
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Stresstest: Sicherheitslücken bei deutschen AKWs

Arndt Reuning: Der europäische Stresstest für Kernkraftwerke: Am kommenden Mittwoch sollten die Ergebnisse eigentlich offiziell vorgestellt werden - über den Sicherheitsstatus der 134 Reaktoren in 14 EU-Ländern. Erste Details sind offenbar schon durchgesickert. Die Zeitung "Die Welt" berichtet heute von schweren Mängeln in Europas Atomkraftwerken. Bei mir im Studio ist meine Kollegin Dagmar Röhrlich. Frau Röhrlich, Sie haben die Sache für uns beobachtet, sind ihr nachgegangen. Gibt es diese Mängel in den AKW tatsächlich?

Dagmar Röhrlich: Die Sicherheit in den europäischen Reaktoren ist wohl von Land zu Land sehr unterschiedlich. Es gibt Länder, die haben ja verhältnismäßig bessere Anlagen. Und in anderen ist die Sicherheitsphilosophie selbst - also diese Grundlage, dass ich denke: wie ist jetzt mein Kernkraftwerk sicher, wenn ich denn eines Betreibe? - längst nicht so ausgearbeitet wie sie eigentlich sein sollte. Und das führt dann zu sehr großen Unterschieden zwischen den einzelnen Nationen.

Reuning: Und die werden dokumentiert in diesem Stresstest?

Röhrlich: Die werden in diesem Stresstest dokumentiert, wobei man Einzelheiten jetzt noch nicht kennt, weil der noch nicht veröffentlicht ist.

Reuning: Wir erinnern uns an Fukushima - ungefähr anderthalb Jahre ist das nun her. Damals waren die Dieselaggregate für die Notstromversorgung ausgefallen. Gibt es ähnliche Schwachstellen auch in der EU?

Röhrlich: Man hat auf der einen Seite für die klassische Notstromversorgung auch sehr unterschiedliche Philosophien. In Deutschland beispielsweise ist alles so oft redundant vorhanden, dass nicht nur ein normales Notstromaggregat ausfällen könnte, das nächste könnte auch noch ausfallen - es würde immer noch ein Strang arbeiten. In Frankreich ist es so gemacht worden, dass gesagt worden ist: Wir haben hier unsere Notstromversorgung. Und wenn die ausfällt, haben wir noch etwas. Und die jetzt ausfallen, weil beispielsweise irgendetwas in Reparatur ist, dann wird es schwierig. Und die mobilen Notstromdiesel, die da in Fukushima die Lage hatten retten sollen, die herangeschafft worden sind, sind jetzt in Europa so noch nicht vorhanden gewesen in allen Standorten. Die sind auch beispielsweise in Deutschland jetzt erst angeschafft worden. Aber das Kaufen ist das eine, das andere ist, dass die jetzt erstmal angeschlossen werden müssen. Sprich, da müssen die Anlagen umgebaut werden, damit ich wirklich mit diesem Notstromdiesel an dem Ernstfall auch arbeiten kann.

Reuning: Laut der "Welt" mangelt es bei deutschen Anlagen an der Erdbebensicherheit. Konnte Ihre Recherche das nun bestätigen.

Röhrlich: Dabei geht es jetzt nicht um die Erdbebensicherheit der Gebäude. Sondern es geht darum: Wenn ein Erdbeben passiert: Wie sind die Seismometer, wie sind die Warnanlagen, die dann zeigen, dass etwas passiert ist, wie stark das Beben war, wie man aufpassen muss? Und die Notfalls in Ländern wie Japan zu einer Schnellabschaltung führen. Das gibt es in Deutschland nicht. Und da ist jetzt sehr spannend zu sehen, wo dort die Schwachstellen liegen werden.

Reuning: Ist es denn sinnvoll, so etwas einzuführen?

Röhrlich: Eine Schnellabschaltung ist wahrscheinlich immer sinnvoll. Allerdings muss man dann auch wiederum auf die Reaktoren achten. Gundremmingen, das ist ein Reaktor, der jetzt nachträglich, in der zweiten Runde der Begutachtungen, auch begutachtet worden ist. Da werden beispielsweise sehr viele MOX-Brennelemente, Mischoxid-Brennelemente, die aus dem Recycling kommen, eingesetzt. Und wenn ich einen solchen Reaktor schnell abschalte, ist das eigentlich schwieriger als bei einer Schnellabschaltung - wenn die Experten die bei einem normalen Reaktor vornehmen.

Reuning: Im Zeitungsbericht heißt es außerdem, dass selbst Verbesserungen, die nach Tschernobyl, also 1986, vereinbart worden sind, noch nicht durchgeführt wurden. Wie steht es damit?

Röhrlich: Es sollten damals zusätzliche Pumpen eingeführt werden, die im Falle von Kühlwasserverlust dann immer noch dafür sorgen, dass Kühlwasser in die entscheidenden Anlagenteile reingepumpt werden kann. In Deutschland sind die installiert worden. In anderen Ländern anscheinend nicht. Gleichzeitig offenbart das auch, das der Kenntnisstand - Was ist bei welcher Anlage jetzt genau wo los? -, dass dieser Kenntnisstand selbst in Europa nicht wirklich gut ist.

Reuning: Wie steht es mit dem Vorwurf, die Leitlinien der Internationalen Atomenergiebehörde für schwere Unfälle seien nicht voll umgesetzt?

Röhrlich: Auch da stimmt das. Es ist so, dass die Internationale Atomenergiebehörde sehr viele Vorschläge hat unterschiedlicher Dringlichkeit. Von "das muss" bis zu "das wäre sehr schön". Und es ist vieles gemacht worden. Aber nicht jedes Land setzt alles um - zum Teil, weil man andere Ideen hat, andere technische Lösungen gefunden hat. Und da wird auch Deutschland einiges nicht umgesetzt haben - worauf sich das jetzt genau bezieht und was davon sicherheitsrelevant ist, das werden wir dann sehen.

Reuning: Wann werden wir das erfahren?

Röhrlich: Das ist ein bisschen offen. Denn eigentlich sollte der Bericht am Mittwoch vorgestellt werden. Dann hieß es Mitte Oktober. Jetzt sickert er langsam durch - also vermutlich doch schon etwas früher.

Reuning: Dagmar Röhrlich, vielen Dank.

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