Dienstag, 28. Juni 2022

Archiv


Akzeptanz des Spickens steigt mit Schuldauer

80 Prozent der Zwölftklässler finden Spicken und Abschreiben völlig in Ordnung, in der sechsten Klasse sind es nur 20 Prozent, sagt die Entwicklungspsychologin Brigitte Latzko von der Uni Leipzig. Schule spiegele die gesellschaftlichen Gegebenheiten wider.

Brigitte Latzko im Gespräch mit Manfred Götzke | 11.09.2013

Manfred Götzke: Abschreiben in der Schule, ein kurzer Blick auf den Spicker während der Klausur – das hat ja wahrscheinlich schon jeder mal gemacht. Ich hatte danach aber immer ein schlechtes Gewissen. Es ist ja schließlich Betrug. Damit gehörte ich als Schüler allerdings zu einer Minderheit. Die Entwicklungspsychologin Brigitte Latzko von der Uni Leipzig, die hat nämlich untersucht, wie Jugendliche Regelübertritte bewerten und herausgefunden: 80 Prozent der Zwölftklässler finden Spicken und Abschreiben völlig in Ordnung. Frau Latzko, ziehen wir da eine Generation von Schwindlern und Betrügern heran?

Brigitte Latzko: Das wäre eine weitreichende Implikation. Aber man könnte sich diese provokante Frage stellen. Ich habe auch in meiner Dissertation provokant formuliert: Schule als Ort der amoralischen Erziehung. Würde ja Ihrer Idee nahekommen. Und zwar auch deswegen, weil ich diese Regelverletzungen grundsätzlicher Art, Moral, Konvention und im persönlichen Bereich im Kontext Schule und Kontext Elternhaus und Kontext Freundeskreis verglichen habe. Und es ist aufgefallen, dass im Kontext Schule signifikant häufiger grundsätzlich Regelübertritte akzeptiert werden, dass die auch im moralischen Bereich grundsätzlich häufiger akzeptiert werden und dass das auch anders begründet wird. Also, der gleiche Regelübertritt wird in der Schule anders begründet.

Götzke: Was sagt das denn dann über unser Schulsystem?

Latzko: Also über das Schulsystem Aussagen zu treffen, da würde ich mich jetzt ein bisschen verschließen, das wäre also zu weitreichend. Aber ich würde sagen, dass möglicherweise in einigen Schulen das Schulklima oder die Gesetzmäßigkeiten oder die Regeln, die gelten, fragwürdig sind. Andererseits könnte man auch sagen, die Schule spiegelt einfach die gesellschaftlichen Gegebenheiten wider.

Götzke: Ja, Sie haben ja gerade gesagt, dass in anderen Kontexten Schwindeln, Betrügen weniger akzeptiert ist als in der Schule.

Latzko: Ja. Ausschlaggebend ist hier eine Vertrauensbeziehung, die Beziehungen, die in anderen Kontexten erlebt werden, und dort wird dann möglicherweise Mogeln als ein Vertrauensbruch, als eine Gefährdung der Freundschaft gesehen. Und Schule wird gesehen als Ort, in dem man Qualifikationen erwirbt, um sich später einen Ferrari kaufen zu können. Ich formuliere das jetzt mal ganz salopp und einfach.

Götzke: Ist es vielleicht auch so, dass bestimmte Prüfungsarten eher dazu anreizen, zu betrügen und abzuschreiben, und andere, wenn man es besser machen würde, eben nicht?

Latzko: Jein. Es gibt Prüfungsarten, die das vereinfachen. Aber Anreiz gibt nicht die Prüfung per se, sondern Anreiz gibt eher, welchen Stellenwert man einer Prüfung beimisst. Und wenn man die Prüfung in der Schule, sei es eine Leistungskontrolle, sei es eine Klassenarbeit, eine tatsächliche, eher als ein diagnostisches Instrument sieht und das als Lehrer auch kommuniziert und mit der Klasse auch eine Kultur entwickelt, wir wollen gemeinsam prüfen, wo gibt es noch Lücken, was müssen wir noch nacharbeiten, wo seid ihr noch nicht so fest. Oder welche Themen können zwar reproduziert, aber noch nicht angewendet werden. Dann, da bin ich ganz sicher, würde auch weniger gemogelt und gespickt werden, weil dann der Eigenvorteil auch ganz woanders gesehen wird. Wenn jetzt aber nur eine Klassenarbeit geschrieben wird, es gibt eine Zensur, und da gibt es dann die Zeugniszensur und da gibt es dann den Studienplatz – schwierig.

Götzke: Sie haben auch herausgefunden, dass bei den Sechstklässlern nur 20 Prozent kein Problem mit Abschreiben und Spicken haben, und bei den Zwölftklässlern eben wie gesagt 80 Prozent. Kann man damit Rousseau sprechen und sagen, die Schule verdirbt den Schüler?

Latzko: Ja, das könnte man. Ja, da würde ich Ihnen jetzt mal zustimmen. Das ist ja das, was wir anfänglich auch angesagt haben oder auch drüber gesprochen haben, dass hier möglicherweise ein Regelsystem oder ein Klima herrscht, das dann eher zum Spicken und Mogeln anreizt oder das befördert, im Gegensatz in anderen Kontexten eben nicht. Das hängt natürlich ganz stark damit zusammen, auch mit der Veränderung von Autoritätsbeziehungen mit zunehmendem Alter. Da haben wir eine entwicklungspsychologische Veränderung, die sich auch in diesem Thema Mogeln und Spicken zeigt.

Götzke: Das heißt, der Schüler akzeptiert dann die Autorität Lehrer oder auch die Autorität Klassenarbeit als solche nicht mehr?

Latzko: Genau. Also die Kleinen akzeptieren eher die Lehrkraft oder orientieren sich auch eher an äußeren Bedingungen. Die haben dann Angst vor Strafe, Angst, erkannt zu werden und mogeln dann nicht. Und die Größeren, die stellen ja dann die Autorität des Lehrers per se infrage und stellen die Autoritätspersonen infrage. Sind dann zu einer ganz anderen Art der Reflexion fähig, und das Thema Mogeln und Spicken wäre dann in der Diskussion mit Sechstklässlern oder Grundschülern auch ein ganz anderes entwicklungspsychologisches Thema als mit Elft- und Zwölftklässlern. Da geht es um die Frage, wer hat hier was zu sagen und wer bestimmt.

Götzke: Sie haben auch mit Lehrern gesprochen oder auch die Rolle der Lehrer untersucht. Was sagen die denn dazu, zum Thema Abschreiben und zum Thema spicken.

Latzko: Tja. Da kann ich Ihnen jetzt keine Zahlen sagen über ganz Deutschland hinweg, aber da kann ich Ihnen widerspiegeln, was Sie wahrscheinlich aus Ihrer eigenen Erfahrung kennen: Es gibt Lehrer, die das akzeptieren, und es gibt Lehrer, die ganz vehement dagegen sind. Und es gibt auch einen großen Teil von Lehrkräften, die sagen, jeder soll spicken, er darf sich aber nicht erwischen lassen. Und das war für uns auch der Anlass, dass wir uns jetzt stärker mit Lehrereinstellungen und Lehrerhaltungen in diesem Feld auseinandersetzen möchten, weil wir denken, hier gibt es so eine doppelbödige Botschaft. Einerseits, so wie Sie gesagt haben, ziehen wir uns hier eine Generation von Schwindlern heran, aber andererseits werden die ja ermuntert, dann zu sagen, oh, da gibt es die intelligenten Spicker und da gibt es die tollen Spickzettel. Das ist ja etwas, wo dann Lügen, Betrügen noch als ein wertvolles Gut anerkannt wird, und man kann dann noch großes Lob ernten.

Götzke: Sie beschäftigen sich ja mit dem Thema Schummeln, Spicken, Abschreiben schon seit einigen Jahren. Haben sich die Methoden verändert, auch in Zeiten der Smartphone-Nutzung?

Latzko: Grundsätzlich haben die sich nicht verändert. Aber sie haben sich ausdifferenziert. Also die neue Technik, die Neuen Medien, die finden hier genauso Eingang wie in anderen Bereichen unseres alltäglichen Lebens.

Götzke: Gut, man kann heute natürlich auch direkt dann was googeln im Unterricht.

Latzko: Genau, und dann kann man den Telefonjoker benutzen, und Lehrer können Smartphones oder Handys und so weiter und so fort auch nicht so einfach wegnehmen, da gibt es dann wieder eine juristische Fragestellung dahinter. Ja, es gibt Schulen, die haben sogar solche Detektoren, dass einfach geprüft wird, läuft hier irgendwo ein Handy, ist irgendwas online? Also das, finde ich schon, eskaliert etwas.

Götzke: Das heißt, die Aufrüstung ist da auf beiden Seiten gegeben?

Latzko: Genau, das ist ein schönes Wort, Aufrüstung. Ja, es passt hier ganz gut.

Götzke: 80 Prozent der Zwölftklässler halten es für völlig okay, mal zu spicken oder abzuschreiben. Die Leipziger Psychologin Brigitte Latzko hat das herausgefunden. Danke schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.