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Alarmismus hat Hochkonjunktur

Sei es Pest und Cholera, der Ausbruch des Vesuvs, der Untergang der Titanic oder der 11. September. Der Genfer Historiker Francois Walter analysiert in seinem Buch den Umgang der europäischen Kultur mit Katastrophen von der frühen Neuzeit bis heute.

Von Melanie Longerich | 06.09.2010

    2010 - ein Jahr der Naturkatastrophen. Erst legte im März dieses Jahres ein Vulkan auf Island den weltweiten Flugverkehr lahm, Erdbeben und -rutsche, Hitzewellen und Überschwemmungen folgten. Und es soll noch viel schlimmer werden, warnen viele Klimaforscher.

    Alarmismus hat Hochkonjunktur. Da kommt das Buch "Katastrophen" von François Walter gerade zur rechten Zeit, um auf die schrillen Bilder vom nahenden Weltuntergang mit wissenschaftlichem Blick zu schauen. In seiner zuerst 2008 auf Französisch erschienenen Kulturgeschichte erforscht der Genfer Historiker den Umgang der Gesellschaft mit Katastrophen und Risiken von der Frühen Neuzeit bis heute. Sein Anliegen: Den gegenwärtigen Ängsten vom nahenden Weltuntergang eine geschichtliche Tiefe zu geben, indem er die lange Folge von Unsicherheiten an den unterschiedlichsten Beispielen nachzeichnet - an Naturereignissen, Epidemien, Reaktorunfällen, Zugunglücken, aber auch am Terrorangriff vom 11. September 2001.

    "Sicherlich lässt sich ein ganzes Bündel von Gründen dafür finden, die uns gegenwärtig umtreibenden Befürchtungen in einen Zusammenhang zu stellen. Auch in der Vergangenheit begegnet man angsterfüllten Gesellschaften.Sie sind alle bestrebt, die dumpfen Bedrohungen, die auf ihnen lasten, zu benennen und in Wort und Bild festzuhalten."

    Für seine Kulturgeschichte der Katastrophen kann Walter deshalb aus einer Vielzahl von Quellen schöpfen. Literatur, Malerei, Film und Theater - der Schweizer Wissenschaftler zitiert eine schier nicht enden wollende Fülle von Beispielen dafür, auf welche Weise die Bevölkerung, wie politische und theologische Eliten die Faszination für die Gewalt der Natur, aber auch Ängste vor dem Unvorhersehbaren auf die unterschiedlichsten Weisen verarbeiten, nach Erklärungen suchen. Der Autor zeigt auch: Obwohl die Menschen die Zeit der Vernunft und Aufklärung längst durchschritten haben und der technische Fortschritt seitdem ständiger Begleiter ist - religiöse und symbolische Erklärungsschemata sind bis heute erstaunlich aktuell geblieben.

    "Es ist eine unzulässige Einschränkung, Vernunft und Aberglauben als sich wechselseitig ausschließende Gegensätze zu begreifen und lediglich einzuräumen, dass in Krisenzeiten irrationale Reaktionen wieder aufleben können. In Wirklichkeit ersetzt der ontologische Topos der Neuzeit nicht einfach eine frühere Lesart. Beide überlagern einander und vervielfachen somit die Hypothesen, welche allesamt Quellen darstellen, die den Gesellschaften zur Verfügung stehen, die mit der Notwendigkeit die Welt zu verstehen und zu erklären, konfrontiert sind. Rationale und religiöse Lesarten bestehen in dem langen Zeitraum vom 16. bis zum 20. Jahrhundert nebeneinander, ohne dass man sie zwangsläufig als gegensätzlich aufgefasst hätte."

    Doch natürlich hat sich der Umgang der Menschen mit traumatischen Erlebnissen im Laufe der Jahrhunderte auch verändert. Das zeigt Walter in der zeitlichen Gliederung seines Buches. Den ersten von drei Teilen widmet der Genfer Historiker der sogenannten traditionellen Gesellschaft vom 16. Jahrhundert bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts.

    Damals ist die Vorsehung noch das vorherrschende Erklärungsmuster. Es ist Gott, der Stadtbrände, Epidemien und Überschwemmungen schickt, um die Menschen zu mahnen, zu strafen und zur Läuterung zu bewegen.
    Erst die zehntausenden Opfer des Erdbebens von Lissabon von 1755 erschüttern nachhaltig die Auffassung eines überirdischen Bauplans.

    Mit der Katastrophe und deren Verarbeitung durch die Philosophen der Aufklärung beginnt François Walter den zweiten Teil seines Buches. Nicht der strafende Gott ist länger Ursache der Katastrophe; es ist der Mensch selbst. Und er kann das Risiko beherrschen - eine Gewissheit, die mit der Erfindung des Blitzableiters im selben Zeitraum greift. Für François Walter ein tiefer Einschnitt in der Risikowahrnehmung, der die Zeit zwischen Industrialisierung bis hin zum Ersten Weltkrieg prägt:

    "Er versetzt uns in ein neues Zeitalter, insofern er nicht einseitig dem Menschen die Suche nach Erklärungselementen für das wie immer geartete Übel überträgt, sondern die Wechselbeziehung hervorhebt, in die Natur und Gesellschaft eingebunden sind. Es ist nicht mehr der strafende Gott, sondern der Wahn des menschlichen Eingriffs in die Welt, der kontraproduktiv wird, wenn er das natürliche Gleichgewicht stört."

    Nicht mehr die Natur bedroht den Menschen, sondern der Mensch sich selbst: Zwei Weltkriege, der Holocaust, Hiroshima und Aids: Die heutige Risikogesellschaft muss sich mit einer nie da gewesenen Masse an globalen Gefahren auseinandersetzen. Das zeigt der Genfer Katastrophenforscher in dem dritten Teil seines Buches. Und längst bedroht der Mensch nicht nur seinesgleichen, sondern auch die Natur: Der sich seit der Friedens- und Ökobewegung der 1970er-Jahre verbreitenden Denkungsart einer drohenden Apokalypse steht der Schweizer deutlich skeptisch gegenüber. Bescheinigt stattdessen der Gesellschaft einen nahezu psychotischen Hang zum Katastrophismus, der von Fernsehen und Internet noch geschürt werde:

    "Die Ignoranz der Öffentlichkeit in Bereichen der naturwissenschaftlichen Spitzenforschung und deren Darstellung von Naturrisiken oder Klimawandel grenzt an Analphabetismus. Dieser fördert die übertriebene Ehrfurcht vor den Diskursen von Experten, die diese ausnutzen und zu überbieten suchen, in dem sie den unaufhaltsamen Charakter apokalyptischer Szenarien sträflich vereinfachen. Ohne dass immer eine ausreichend klare Trennung möglich ist, decken sich Letztere mit den Interessen für Science-Fiction und Katastrophenfilme."

    So verliere sich die Glaubwürdigkeit jeder Warnung, die eigenen Verhaltensweisen hinsichtlich Energie und Umweltverschmutzung zu ändern, im Relativismus der Meinungen, mahnt Walter und gibt zu bedenken, dass Katastrophen seit jeher auch von den Machteliten instrumentalisiert werden, um den eigenen Vorteil zu sichern.

    In einem Jahr wie diesem, in dem eine Naturkatastrophe die andere jagte, ist François Walters Buch an Aktualität wohl nicht zu übertreffen. Dennoch hätte dem Buch ein weniger wissenschaftlicher Duktus gut getan: Dem Schreibstil ebenso wie der reinen Auflistung der oftmals nur aneinander gereiht wirkenden Beispiele. Erst im dritten Kapitel erlaubt sich der Autor stärker einordnend einzugreifen - mit deutlichem Erkenntnisgewinn.

    Dennoch: François Walters Buch bietet dem Leser eine gute Grundlage, der Hochkonjunktur des Alarmismus zu begegnen und aktuelle Bewältigungsstrategien bei Katastrophen geschichtlich einzuordnen. Nicht zuletzt ist es auch ein Appell, sich stets eine eigene Meinung zu bilden. Denn Experten, so macht Walter in allen Phasen seines Buches deutlich, sind eben nicht immer die Hüter der Wahrheit.

    Melanie Longerich war das. Sie hat das Buch "Katastrophen: Eine Kulturgeschichte vom 16. bis ins 21. Jahrhundert" für uns gelesen. Froncois Walter hat das Buch geschrieben, es ist bei Reclam erschienen, hat 385 Seiten und kostet 29,95 Euro.