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StartseiteDie neue PlatteEin klingendes Geburtstagsgeschenk08.05.2016

Alberto GinasteraEin klingendes Geburtstagsgeschenk

Er gehört zu den bedeutendsten Komponisten ganz Südamerikas: der Argentinier Alberto Ginastera. Zu seinem 100. Geburtstag am 11. April ist vor kurzem beim Label Warner Classics die CD "Ginastera, The Vocal Album" mit Plácido Domingo, Ana María Martínez und Virginia Tola sowie dem Santa Barbara Symphony Orchestra unter Gisèle Ben-Dor erschienen.

Von Klaus Gehrke

Der argentinische Komponist Alberto Ginastera steht vor einem Plakat mit einer Opern-Ankündigung. Schwarz-weiß-Bild. (imago stock&people)
Der Argentinier Alberto Ginastera hat seiner Heimat ein musikalisches Denkmal gesetzt. (imago stock&people)
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Sie sind nicht nur voll von Anklängen an die Volksmusik seiner Heimat, sondern gleichzeitig tief emotional – mal geradezu überschäumend fröhlich, mal fast tragisch traurig: Die fünf 'Canciones populares Argentinas' op. 10. Sie gehören zu Ginasteras wohl bekanntesten Kompositionen. Die Dirigentin in dieser Aufnahme, die aus Uruguay stammende Gisèle Ben-Dor, engagiert sich seit vielen Jahren leidenschaftlich für Ginasteras Werk; und gerade mit den 'Argentinischen Volksliedern' verbindet sie sehr persönliches, wie im Booklet der CD zu lesen ist:

"Diese Musik liegt mir sehr am Herzen. Ich wuchs damit auf, südamerikanische Musik aller Art zu singen und zu spielen, vor allem die Volksmusik meiner Heimat Uruguay, die der Argentiniens ähnelt. Von besonderer Bedeutung ist "Arrorró", ein in Lateinamerika weit verbreitetes Wiegenlied. Unsere Mütter sangen es uns vor, und ich habe es meinen Kindern vorgesungen. Ginastera transkribierte es unverändert."

Engagement für Ginasteras Werk

Gisèle Ben-Dor, unter deren Leitung das Santa Barbara Symphony Orchestra die Sopranistin Ana Mariá Martinez im 'Wiegenlied' begleitete, ist auch für die besonders farbige Klangfülle in dieser Aufnahme verantwortlich. Ginastera komponierte die 'Argentinischen Volkslieder' ursprünglich für Singstimme und Klavier; die Dirigentin regte den Komponisten Shimon Cohen an, sie für Orchester zu instrumentieren. Seine Fassung von Ginasteras Liedern liegt nun erstmals auf CD vor.

Alberto Ginastera, der am Konservatorium in Buenos Aires studierte und später ein Konservatorium in La Plata nahe der Hauptstadt gründete und leitete, trat ab 1937 als Komponist an die Öffentlichkeit. Die fünf 'Argentinischen Volkslieder' op. 10 entstanden 1943 und gehören damit noch zu seiner 'Frühphase' die Parallelen zu ähnlichen Volksliedbearbeitungen etwa von Béla Bartók oder Zoltan Kodaly aufweisen. Ab den 50er-Jahren begann Ginastera, in seinen Werken traditionelle Melodien seiner Heimat mit einer mehr zeitgenössischen Tonsprache zu verbinden.

Karrierestart mit Ginastera

1963 arbeitete er an seiner ersten Oper, die ein Jahr später vollendet war. Die Handlung von "Don Rodrigo", op. 31, spielt im spanischen Toledo des 8. Jahrhundert und erzählt von dem historischen König Roderich, dessen Überheblichkeit ihn und das Land zu Fall bringt. Zwei Jahre nach der erfolgreichen Uraufführung am Teatro Colón wurde das Werk 1966 an der New York City Opera nachgespielt - mit dem damals noch unbekannten Tenor Placido Domingo in der Rolle des Rodrigo.

Mit dieser Partie gelang dem 25jährigen der Durchbruch in den USA, auf den die internationale Karriere rasch folgen sollte. Zum 100. Geburtstag Ginasteras hat Domingo jetzt zwei Szenen aus 'Don Rodrigo' für das 'Vocal Album' aufgenommen. Auch wenn die Stimme des heute 75jährigen nicht mehr mit der einstigen Geschmeidigkeit und Strahlkraft aufwarten kann, zeigt die Aufnahme immer noch das enorme Ausdrucksvermögen des Sängers, der 1966 als Rodrigo das US-amerikanische Publikum begeisterte – wie beispielsweise im Gebet des gescheiterten Königs im dritten Akt.

Tradition versus Avantgarde

Das war ein Ausschnitt aus dem dritten Akt der Oper 'Don Rodrigo' von Alberto Ginastera mit Placido Domingo und dem Santa Barbara Symphony Orchestra unter der Leitung von Gisèle Ben-Dor. Als drittes Werk für diese CD hat die Dirigentin die Kantate "Milena" op. 37 nach Texten von Franz Kafka für Sopran und Orchester ausgewählt.

Als Ginastera sie 1971 schrieb, hatte er seinen Wohnsitz von Buenos Aires nach Genf verlegt und die Beschäftigung mit traditionellen argentinischen Klängen zugunsten zeitgenössischer Techniken wie Dodekaphonie, elektronischer serieller und aleatorischer Musik aufgegeben. Die Kantate basiert auf Briefen, die Kafka ab 1920 seiner Geliebten Milena Jesenská schrieb. Im Orchesterpart setzte Ginastera einige avantgardistische Strömungen seiner Zeit um, Zitat:

"Die Techniken elektronischer Musik sind mir sehr vertraut. Ich gründete im Institutio Di Tella in Buenos Aires das erste Labor für elektronische Musik in Lateinamerika. Das Orchester ist in der Lage, ganz neue Klänge zu erzeugen, und in 'Milena' finden sich die verschiedensten Klänge."

Den Vokalpart gestaltet in dieser Einspielung die aus Argentinien stammende Sopranistin Virginia Tola überaus eindrucksvoll. Überhaupt bietet das 'Vocal Album' eine gute Gelegenheit, den kompositorischen Facettenreichtum des hierzulande eher selten aufgeführten Alberto Ginastera einmal kennenzulernen.

Ginastera, The Vocal Album
Warner Classics, EAN-Nummer: 0825646868308

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