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StartseiteCorsoDas Prinzip Hoffnung30.05.2020

Album "Island" von Owen PallettDas Prinzip Hoffnung

Auf dem neuen Album "Island" singt Owen Pallett über persönliche Traumata, lässt aber auch eigene Bewältigungsstrategien in die Songs einfließen. "Wenn ich über die Leere singe, über Einsamkeit und Depressionen, dann versuche ich, Hoffnung in diese Worte zu legen", so Pallett im Dlf.

Owen Pallett im Corsogespräch mit Christoph Reimann

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Owen Pallett steht mit weißem Hemd und schwarzer Jacke vor einem schwarzen Hintergrund (Yuula Benivolski)
Owen Pallett veröffentlicht mit "Island" das erste Album seit sechs Jahren unter eigenem Namen. (Yuula Benivolski)
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Insgesamt sechs Jahre hat sich Owen Pallett Zeit gelassen für das neue Album "Island". Dass die Pause zwischen diesem Album und dem Vorgänger "In Conflict" so groß wurde, habe hauptsächlich an psychischen Problemen gelegen, so Pallett im Dlf. "Wenn du glaubst, dass du verrückt bist, ist das Letzte, was du tun möchtest, ein Album rauszubringen und damit auf Tour zu gehen."

Diese Probleme verarbeitet Pallett auf dem neuen Album - zum Beispiel suizidale Depressionen. Auch das Ende einer 13 Jahre langen Beziehung habe das Album geprägt. "Die Schlüsselzeile auf dem Album ist diese hier: 'Freedom and loneliness, one and the same'. Mein Freund und ich mussten Schluss machen, wir haben den Abstand gebraucht. Jetzt bin ich frei, aber auch einsam."

"Leere ist ein Geschenk"

Eine weitere zentrale Zeile auf "Island" ist "Leere ist ein Geschenk". "Wenn ich über die Leere singe, über Einsamkeit und Depressionen, dann versuche ich, Hoffnung in diese Worte zu legen. Ich versuche, mein Leben nach den Prinzipien Hoffnung und Optimismus auszurichten", so Owen Pallett. Pallett versucht außerdem, mit seiner Musik Menschen mit ähnlichen psychischen Erkrankungen zu unterstützen:

"Ich habe versucht, ein paar meiner Bewältigungsstrategien, die mich haben weiterleben lassen, in den Songs unterzubringen."

Wenn Sie sich selbst von Suizidgedanken betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge. Unter den kostenlosen Hotlines 0800-111 0111 oder 0800-11 10222 erhalten Sie Hilfe.


Das Interview in voller Länge:

Der kanadische Sänger Owen Pallett während eines Auftritts in Lissabon im Juli 2013 mit einer Geige in der Hand. (picture alliance / dpa / Tiago Petinga) (picture alliance / dpa / Tiago Petinga)Owen Pallett - Orchestrale Perfektion mit popmusikalischem Makel
Für die Pet Shop Boys, R.E.M, Robbie Williams, Taylor Swift, Linkin Park und The National hat Pallett Streicher arrangiert. Für den Oscar als Beste Filmmusik nominiert war der gemeinsame Soundtrack mit Arcade Fire für Spike Jonzes Film "Her". Nun erscheint das neue Album "In Conflict".

Christoph Reimann: Sechs Jahre ohne neues Album. Was sind die Gründe?

Owen Pallett: Verschiedene Dinge haben mich davon abgehalten, das Album früher zu veröffentlichen. Hauptsächlich lag es an meinen psychischen Problemen. Denn wenn du glaubst, dass du verrückt bist, ist das Letzte, was du tun möchtest, ein Album rauszubringen und damit auf Tour zu gehen. Und dann hatte ich auch noch viele andere Aufträge. Wenn ich zum Beispiel eine Filmmusik schreibe, dann kostet mich das meine ganze Zeit und Konzentration.

Reimann: Was das Album so toll macht, ist, dass Sie die Arrangements selber schreiben können. Normalerweise engagieren Musikerinnen und Musiker dafür ja andere. Vielleicht habe ich es falsch in Erinnerung, aber ich meine, Ihre Musik sei in der Vergangenheit auch schon mal von Iannis Xenakis beeinflusst gewesen.

Pallett: Ja, schon möglich. Xenakis gehört nicht zu denen, die ich vergöttere. Da gibt es andere, die ich morgens anbete, bevor ich meine Haferflocken esse. Ich meine das metaphorisch, es ist nicht so, dass ich vor irgendwelchen Komponisten-Statuen niederknie. Aber wenn ich das tun würde, dann auf jeden Fall vor Györgi Ligeti.

Reimann: Aber ist Ligeti auch auf der neuen Platte zu hören?

Pallett: Mein neues Album ist komplett von Ligeti inspiriert.

Reimann: Wirklich?

Pallett: Glauben Sie mir nicht? Sie gucken so, als würden Sie mir nicht glauben.

Reimann: Ich glaube Ihnen nicht.

Pallett: Ich werd's Ihnen beweisen. Ich habe Sie ja hier im Video auf Facetime.

Reimann: Jetzt geht Owen Pallett zum Regal und holt ein kleines Heft.

Komponist Györgi Ligeti als Vorlage

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Pallett: Ich habe hier die Noten zu Ligetis Komposition "Lontano". Also, wenn Sie sich hier den Anfang von "Lontano" angucken, dann sehen Sie eine Flöte, die als Kanon angelegt ist. Und das geht hier so weiter. Und wenn Sie sich meinen Song "In Darkness" anhören, Nummer 13 auf dem neuen Album, dann hören Sie am Anfang ein einzelnes Cello. Das ist eins zu eins von Ligeti übernommen. Ligeti schreibt immer Kanons, und das habe ich auch gemacht. Wenn Sie die Noten zu beiden Kompositionen sehen würden, Sie würden in beiden Stücken dieselbe Kompositionstechnik erkennen. Natürlich ist meine Musik eher tonal gehalten, ich will ja immer noch Popmusik machen. Aber ich würde mir durchaus selbst vorwerfen, von Ligeti abgeschrieben zu haben.

Reimann: Gucken wir mal in die Texte rein. Da treffen wir wieder einmal auf Lewis. Der ist schon auf Ihrer Platte "Heartland" aus dem Jahr 2010 aufgetaucht. Ein junger, aggressiver Bauer, der zu Ihnen ein zwiespältiges Verhältnis hatte. Ein Song auf dem neuen Album heißt jetzt "Lewis Gets Fucked Into Space". Warum waren Sie noch nicht fertig mit Lewis?

Pallett: Obwohl das Album "Heartland" in einer fiktiven Welt gespielt hat, obwohl Lewis nur ein Avatar ist, hatte ich das Gefühl, in den Songs sehr viel über mich preiszugeben. Anders als auf dem Album "In Conflict", das ganz unchiffriert rein biografisch war. Als ich dann die Songtexte für das Album "Island" geschrieben habe, steckte wieder viel von mir in den Zeilen. Ich habe mich dann einfach wohler gefühlt, diese persönlichen Texte über einen fiktiven Charakter in einer fiktiven Welt zu erzählen.

Reimann: Lewis strandet auf der Insel, die dem Album den Namen gegeben hat.

Pallett: Ja, also, er ist nicht wirklich gestrandet. Er ist einfach da und hat die Orientierung verloren.

Reimann: Und sind Sie immer noch die Gottheit über Lewis auf dem neuen Album?

Pallett: Das ist kompliziert. Am Anfang der Platte gibt es Owen gar nicht mehr. Ich sage zwar "ich", aber ...

Reimann: Sie sind ja auch gestorben am Ende der Platte "Heartland", oder?

"Freiheit und Einsamkeit, ein und dasselbe"

Pallett: Ja, es ist ein Paradoxon. Owen stirbt, und trotzdem, im wirklichen Leben, mache ich ja weiter Platten. Jedenfalls, am Anfang der Platte ist Owen nicht präsent. Erst im Song "Fire-Mare" ruft Lewis nach Owen. Und dieser Anruf führt dann tatsächlich dazu, dass Owen wieder in Erscheinung tritt. Am Ende gibt es dann diese mysteriöse Macht, die Lewis in den Weltraum fickt. Und es ist relativ klar, dass Owen diese Macht ist, dass Owen versucht, ihn aus seiner misslichen Lage zu befreien, indem die beiden so krassen Sex haben, dass es Lewis geradewegs ins All schießt.

Reimann: Maskulinität wird auf dem Album mit Wahnsinn gleichgesetzt. Selbsthass und Trauer tauchen auf. Wie viel hat das mit Ihnen zu tun?

Pallett: Die Schlüsselzeile auf dem Album ist diese hier: "Freedom and loneliness, one and the same". Wenn Sie das Album auf mein Leben beziehen wollen, na ja, ich habe weite Teile davon geschrieben, während meine 13-jährige Beziehung in die Brüche ging. Die Trennung war sehr traurig, aber auch sehr notwendig. Wenn es eine Parallele zwischen meinem Leben und den Inhalten meines neuen Albums gibt, dann äußert sich das in der Erfahrung desselben Gefühls. Mein Freund und ich mussten Schluss machen, wir haben den Abstand gebraucht, jetzt bin ich frei, aber auch einsam. "Freiheit und Einsamkeit, ein und dasselbe", diese Textzeile soll das verdeutlichen.

Reimann: Sie singen auch "Die Leere ist ein Geschenk". Wie meinen Sie das?

Pallett: Ich will hier nicht das Wort Trauma in den Mund nehmen, weil ich denke, dass dieses Wort ein wenig überstrapaziert wird. Aber wenn du eine psychische Divergenz hast, wenn du nicht ganz gesund bist, dann hilft es beim Gesundwerden, sich bewusst zu machen, wie dich diese Erfahrung einzigartig gemacht hat. Ja, diese Störung hat dein Leben schlechter gemacht, aber du hast dadurch auch etwas anderes gelernt. Die beste Analogie, die mir einfällt, wäre diese hier: Wenn man blind wird, lernt man oft, besser zu hören. Wenn ich über die Leere singe, über Einsamkeit und Depressionen, dann versuche ich, Hoffnung in diese Worte zu legen. Ich versuche, mein Leben nach den Prinzipien Hoffnung und Optimismus auszurichten.

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Reimann: Mir fiel es schwer, auf dem neuen Album die Hoffnung zu entdecken. Stattdessen scheint für Sie eine starke Anziehungskraft, fast schon Faszination vom Tod auszugehen.

Pallett: Ich weiß nicht so recht, was ich Ihnen dazu sagen soll. Eine Person, die suizidgefährdet ist, ist nicht vom Tod fasziniert. Vielmehr handelt es sich um eine Person, die darum kämpft, weiterzuleben. Ich denke nicht, dass mich meine suizidalen Depressionen einzigartig machen. Im Gegenteil: Ich glaube, das kommt sehr oft vor. Jeder Mensch, der zu autodestruktivem Verhalten tendiert, der etwa trinkt oder raucht, macht das aus dem Todestrieb heraus. Diese Egal-Haltung - egal wie viele Zigaretten ich rauche, egal wie viele Gläser Wein am Abend ich zu mir nehme - auch das hat mit dem zu tun, was Sie als "Faszination vom Tod" bezeichnen.

"Kenne dieses Gefühl der sozialen Isolation schon lange"

Reimann: Es tut mir leid, wenn ich da ein sensibles Thema angesprochen habe.

Pallett: Es ist ein sensibles Thema. Gleichzeitig ist es aber auch das Thema, über das ich am meisten sprechen will. Unsere Gesellschaft hat bisher noch keinen konstruktiven Umgang mit Menschen gefunden, die unter suizidalen Depressionen leiden oder Suizidgedanken haben. Wir wissen nicht, wie wir mit diesen Menschen umgehen sollen. Wir wissen nicht, was wir machen sollen, wenn wir selbst betroffen sind.

In dem Song "In Darkness" singt mein fiktiver Charakter Lewis zu Menschen, die einsam sind. Die Quelle von Lewis' Isolation ist der Tod seines Schöpfers beziehungsweise seiner Schöpferin, und Lewis selbst ist für diesen Tod verantwortlich. Und jetzt fühlt sich Lewis allein und leer. Er singt zu anderen Menschen, denen es vielleicht ähnlich geht, weil sie eine schlimmes Beziehungsende durchmachen oder eine andere Krise erleben. "Du musst nicht erst sterben, damit dir vergeben wird. Du musst dich auch nicht für die Dinge, die du dir wünschst, in Ketten legen lassen." Das sind die Mantras, nach denen ich versuche zu leben. Denn ich war in den letzten fünf Jahren stark suizidgefährdet. Und ich habe versucht, ein paar meiner Bewältigungsstrategien, die mich haben weiterleben lassen, in den Songs unterzubringen.

Reimann: Sind Sie jetzt in einem stabilen Zustand?

Pallett: Interessante Frage. Ich glaube, die Betroffenen können das selbst kaum wissen. Als ich suizidal war, gab es Leute, die sich mich zur Brust genommen und gesagt haben: "Du musst mir versprechen, dass du weiterlebst." Würde man so etwas zu einer Person sagen, die kurz davor steht, an Krebs zu sterben? Ja, ich möchte leben, ich möchte die Menschen, die mir so etwas sagen, nicht enttäuschen. Aber in mir steckt diese Krankheit. Ich kämpfe gegen sie an, aber ich weiß nicht, ob ich sie besiegen kann.

Suizidalität ist nichts, das man sich aussucht. Menschen, die suizidal sind, denken, dass der Tod der einzige Weg ist, ihren Schmerz zu beenden. Sie haben mich gefragt, ob ich stabil bin. Es geht mir tatsächlich schon viel besser. Manchmal habe ich aber immer noch heftige Suizidgedanken, ein bis zweimal die Woche. Aber ich habe mittlerweile ein Support System.

Reimann: Machen Sie eine Therapie?

Pallett: Ich habe zweimal in der Woche Therapie, einmal über Facetime und einmal per Mail. Aber auch Therapeuten können nicht zaubern. Was mir am meisten hilft, ist, mit all meinen Freunden an einem großen Tisch zu sitzen. Aber jetzt mit Covid-19 ... Die Isolation, die ich spüre, können jetzt auch viele andere nachempfinden. Ich arbeite von Zuhause aus, manchmal sehe ich meine Freunde tagelang nicht. So wie sich jetzt viele Leute fühlen, so habe ich mich in den letzten fünf Jahren gefühlt. Ich kenne dieses Gefühl der sozialen Isolation schon lange.

Äußerungen unserer Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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