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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Alexandra Cavelius : Die Zeit der Wölfe. Eine tschetschenische Familie erzählt.29.04.2002

Alexandra Cavelius : Die Zeit der Wölfe. Eine tschetschenische Familie erzählt.

Ullstein/Quadriga Berlin 2002, 340 Seiten, 22 Euro

Udo Scheer

Mit Marcus Heumann am Mikrofon, guten Abend und willkommen. Nur um Haaresbreite ist Russland in diesem Monat vor der Genfer UN-Menschenrechtskommission einer Abstrafung für seine Politik in Tschetschenien entgangen. Mit einer von der EU eingebrachten Resolution sollten die dort durch die russische Besatzung begangenen Menschenrechtsverletzungen scharf verurteilt werden: Folter, Misshandlungen, willkürliche Festnahmen und unverhältnismäßiger Einsatz von Gewalt sind nur einige der Vorwürfe. Obwohl die Resolution mit 15 Ja - Stimmen gegenüber 16 Gegenstimmen und 22 Enthaltungen abgelehnt wurde, fühlte sich Russlands UN-Botschafter bemüßigt, der EU vorzuwerfen, Russland zu einem Dialog mit Terroristen zu drängen, deren Finanzierung aus denselben Quellen wie die des El-Kaida-Netwerkes stammen würden. Der gestrige Bombenanschlag in der Tschetschenien benachbarten Kaukasusrepublik Nordossetien scheint der russischen Terrorismus-These recht zu geben. Wie sehr Russland jedoch durch seine Politik in dieser Region das Erstarken von Terrorismus und Islamismus selbst unabsichtlich gefördert hat, ist eine Frage, die man sich zumindest beim Lesen unserer ersten Neuerscheinung stellen muss. Alexandra Cavelius hat unter dem Titel "Die Zeit der Wölfe" im Ullstein/Quadriga-Verlag die authentische Leidensgeschichte einer tschetschnischen Familie protokolliert. Udo Scheer hat das Buch für Sie gelesen und mit der Autorin gesprochen.

Es sollte ein "kleiner siegreicher Krieg" werden. Die gewaltsame Wiedereingliederung der abtrünnigen Kaukasusrepublik Tschetschenien 1994 - so das Kalkül der Kreml-Strategen -sollte dem innenpolitisch angeschlagenen Boris Jelzin zum Wahlsieg verhelfen. Hintergrund für diesen ersten Krieg war die Erschließung von Ölvorkommen am Kaspischen Meer durch ein Konsortium westlicher Firmen und durch Aserbaidschan. Russland sah die Möglichkeit, die gewinnträchtigen Ölpipelines durch Tschetschenien zu kontrollieren. Allerdings musste das Land dazu in russischer Hand sein.

Achtzigtausend Tote, überwiegend unter der tschetschenischen, aber auch unter der russischen Zivilbevölkerung in der Kaukasusrepublik waren der Preis dafür. 1996 erzwangen tschetschenische Partisaneneinheiten den Abzug der russischen Besatzungsarmee. Verhandelt wurde ein Status quo, der Russland die Rechte an den Ölpipelines und Tschetschenien eingeschränkte Autonomie zusicherte.

Die Journalistin Alexandra Cavelius, die mit "Leila. Ein bosnischen Mädchen" vor zwei Jahren bereits ein Aufsehen erregendes Buch über serbischen Konzentrations- und Vergewaltigungslager veröffentlicht hat, lässt in ihrem neuen Buch eine tschetschenische Mutter, ihre Söhne, beide ehemalige Rebellen, und ihre Tochter zu Wort kommen, denen eine abenteuerliche Flucht nach Deutschland gelang. Deren Berichte spiegeln Sitten und Selbstverständnis der stolzen Kaukasier, den dörflichen Alltag, in dem die Ältestenräte der Clans die Geschicke in Übereinstimmung mit ihrem traditionellen Verhaltenskodex eines vergleichsweise liberalen, zugleich stark macho-geprägten Islam lenkten. Vor allem aber spiegeln ihre Berichte das dramatische Schicksal eines Volkes, dessen Existenz durch russischen Völkermord bedroht wird. Alexandra Cavelius ist den historischen Wurzeln dieses Konfliktes nachgegangen.

Das ist ein ganz uralter geschichtlicher Hintergrund. Diese Kämpfe haben ja damals schon unter den Zaren angefangen. Die Tschetschenen sind bekannt dafür, dass sie schon immer Widerstand geleistet haben gegen die russischen Besetzer. Und ich denke, für die Russen war es immer eine empfindliche Demütigung und Niederlage, dass dieses kleine Bergvolk es geschafft hat, dieses riesige Volk der Russen zu besiegen oder in Schach zu halten. Angefangen hat das 1989, muss man eigentlich sagen, als die russische Föderation langsam zerfallen ist, als einige Staaten nach Unabhängigkeit gerufen haben und einige Staaten auch das Recht bekommen haben, wie Tadschikistan zum Beispiel. Und die Tschetschenen haben sich diesem Ruf angeschlossen. – Vor dem Hintergrund, dass sie Jahrhunderte lang von den Russen besetzt oder unterdrückt worden sind, zuletzt unter Stalin auch massenhaft nach Kasachstan deportiert worden sind. Als alle nach Freiheit gerufen haben, waren die Tschetschenen an vorderster Stelle und haben auch ihr Recht auf Freiheit verlangt. Das hat man ihnen auch diesmal nicht zugestanden.

Die 1953 geborene Mutter Subar, ihre Söhne Mowldi und Umar und ihre Jüngste, die Tochter Saira, erzählen jeweils aus ihren Blickwinkeln aus ihrer Familiengeschichte, berichten über die Hoffnungen nach der durch Präsident Dudajew 1991 einseitig erklärten Unabhängigkeit und reflektieren ihr Leben im und nach dem Krieg. Die mit Hilfe einer Dolmetscherin in Tschetschenisch geführten Gespräche hat die Autorin auf über einhundert Tonbandkassetten festgehalten.

Subar erzählt, wie sie, traditionell sehr jung verheiratet, in die Familie ihres Mannes aufgenommen wurde und mit 16 ihren ersten Sohn bekam. Ihr Mann, bestärkt durch den praktizierten Islam, lebte zwischenzeitlich auch mit anderen Frauen. Nach der Scheidung erhob die Familie des Mannes nach althergebrachtem Recht Anspruch auf ihre Kinder. Subar schlug sich in der Hauptstadt Grosny als Hilfsarbeiterin durch, kämpfte um ihre Kinder und schaffte es - inzwischen als Gemüsehändlerin - sogar, eine Eigentumswohnung zu kaufen. Ihr ältester Sohn erinnert sich, wie beeindruckt er von den Erzählungen des Großvaters über ihren Nationalhelden war, der die Clans 1832 einigte und in den "Heiligen Krieg" gegen die Russen führte. Nach seinem Wehrdienst in der russischen Armee fand er unter Präsident Dudajew Arbeit bei einer Spezialeinheit der Polizei gegen Drogen- und Waffenschmuggel und wurde so 1994 in die Kämpfe gegen die russischen Invasoren verwickelt. Wie auch sein erst 16-jähriger Bruder schloss er sich der Partisanenarmee an. Ihre Mutter bot ihnen und anderen Rebellen in ihrer Wohnung eine Rückzugsmöglichkeit, besorgte Nahrung, Medikamente und sogar Munition. Tagsüber, erzählt sie, wurde Grosny von den Russen beherrscht, doch "nach Einbruch der Dunkelheit begann die Zeit der Wölfe."

Der Menschenrechtler Sergej Kowaljow schrieb damals nach Moskau: "Wir haben es hier nicht mit bewaffneten Banden zu tun, sondern mit einem Volk in Waffen."

Religion und besonders die brisante Mischung aus Ideologie und dem islamischen Glauben an den Heldentod gehörte für die Kämpfer untrennbar zu ihrem Krieg. Mowldi erzählt über den Kriegsbeginn:

Eines der ersten Gebäude, das unter dem Bombenhagel zusammenstürzte, war die Kirche von Grosny. Bald knickten auch die Türme der Moscheen wie Spielzeug um. ... Jelzin schickte einige tausend Panzer und Hunderte von schweren Geschützen nach Tschetschenien. Eine halbe Million Menschen war auf der Flucht. Der Koran rechtfertigt den Mord an Leuten, die Heimat und Familie bedrohten. Genauso galt aber das Gesetz, dass man keinen unbewaffneten Mann töten sollte. Im ersten Krieg war unsere Moral noch hoch. ´Lass mich vor dieser Aufgabe nicht davonlaufen´, flehte ich Allah um Mut an. Am Anfang hatte ich große Angst. Dann war mir alles egal.

Die russischen Militärstrategen dürften kaum ins Kalkül gezogen haben, wie gründlich sie mit ihrem Krieg gegen das tschetschenische Volk zugleich fundamentalistischen Islamisten den Boden bereiten würden. Vor allem die jede Erneuerung radikal bekämpfenden Wahhabiten schwärmten ins Land, ließen mit Saudi-Millionen Moscheen und Trainingslager für "Gotteskrieger" errichten, führten die mittelalterliche Rechtsprechung der Scharia ein, die Steinigung von Ehebrecherinnen und Blutrache für Mörder an "Rechtgläubiger" vorsieht. Sie missbrauchen den nationalen Befreiungskampf der Tschetschenen nach dem Muster der Taliban in Afghanistan für ihr fundamentalistisches Ziel, der Errichtung eines "Gottesstaates" zwischen Kaspischen und Schwarzem Meer.

Sabotageakte gegen Ölpipelines und der provokatorische Überfall der durch Fundamentalisten mitfinanzierten Rebellenarmee Bassajews auf die Nachbarrepublik Dagestan lieferten Russland 1999 den Vorwand für einen zweiten Krieg. Westeuropa erhob die Nichteinmischung zur Politik, und Wladimir Putin gab den Militärs freie Hand, nach dem NATO-Vorbild im Kosovo-Krieg Angriffe der Bodentruppen mit massiven Bombenangriffen vorzubereiten, darunter mit den geächteten Vakuumbomben. (Die russisch-nationalistische Abneigung gegen Kaukasier, gegen die "Schwarzen", wird auch heute weiter propagandistisch geschürt.) Die Zivilbevölkerung in den Bergdörfern ist in diesem zweiten Krieg gegen die tschetschenischen Partisaneneinheiten ebenso Angriffsziel wie die Wohnblocks in der Hauptstadt Grosny. Beide könnten ja Rebellen Unterschlupf bieten.

Also die aktuelle Situation ist haarsträubend und schrecklich. Russische Truppen randalieren, rauben und plündern. Die Mutter, die in dem Buch spricht, die Subar, hat mir erzählt, dass ihr Bruder entführt worden ist. Insgesamt sind vierzehn Leute aus dem Dorf Vedenow entführt worden. Von diesen vierzehn sind zehn wieder aufgetaucht, nachdem Lösegeld an die russischen Soldaten bezahlt worden ist. Alle gefoltert, teilweise nicht mehr ansprechbar. Der Bruder von Subar, von dem fehlt bis heute jede Spur.

Die Brüder berichten über gegenseitiges Morden im ersten Krieg, über Vergewaltigungen durch russische Soldatengruppen, über zivile Opfer russischer Scharfschützen auf den Dächern, aber auch über Rebellenführer Bassajews fragwürdige Geiselnahme in einem Krankenhaus.

In diesem Krieg wurde die Schwester Saira, die eigentlich Krankenschwester werden wollte, dem Brauch folgend gegen ihren Willen zur Hochzeit nach Dagestan entführt. Dort fristete sie ein Leben als Magd mit Schlägen und Tritten durch ihren Schwiegervater. Zweimal verlor sie dadurch ihre ungeborenen Kinder. Später wurde sie vom Ehemann weggeschickt. Er hatte sich eine andere Frau genommen.

Alexandra Cavelius Buch enthält Lebensberichte, die wohl kein Autor erfinden könnte. Bei einer Razzia in ihrer Wohnung erschoss die Mutter drei russische Soldaten und einen tschetschenischen Denunzianten. Dessen Familie fordert nach den Gesetzen der Scharia noch immer die Blutrache für seinen Tod. Subar floh den Winter über zu den Rebellen in die Berge. Mit Hilfe eines Freundes in der Regierung gelang ihr die Flucht nach Deutschland. Daraufhin wurden stellvertretend ihre Kinder von den Bluträchern der Wahhabiten verfolgt, bis es der Mutter gelang, sie illegal nach Deutschland zu holen und ihre Abschiebung zu verhindern. In ihrer kleinen Wohnung ist Subar inzwischen Anlaufstelle für tschetschenische Regierungsvertreter, die nach Berlin reisen und die deutsche Regierung um Aufmerksamkeit für ihr Volk bitten. – Bislang ohne nennenswerten Erfolg. Der Westen – besonders Deutschland - zeigt wenig Bereitschaft, seine Zurückhaltung aufzugeben und sich von den russischen Verbrechen zu distanzieren. Man will mit Russland im Geschäft bleiben.

Das wirklich Schreckliche ist, die Russen plündern, töten, foltern in Filtrationslagern und werden dafür wahrscheinlich nie vor einem Gericht zu Rechenschaft gezogen werden. Und das ist, finde ich, was einem eine Gänsehaut macht. Es ist tiefes Mittelalter, was dort unten passiert. Es ist nicht weit weg von uns. Und wir verschließen die Augen davor und unsere Politiker leider besonders gerne.

"Die Zeit der Wölfe" ist ein aufrüttelndes Buch hautnaher Erfahrungen mit der widersinnigen Politik russischer Gewaltherrschaft in Tschetschenien. Und es ist ein Buch über die wohl nachhaltigste, in ihrer Auswirkung noch nicht absehbare Folge: dem Erstarken des Fundamentalismus im Land.

Udo Scheer über Alexandra Cavelius: Die Zeit der Wölfe. Eine tschetschenische Familie erzählt. Ullstein Quadriga Verlag Berlin, 340 Seiten zum Preis von 22 Euro.

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