Sonntag, 02. Oktober 2022

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Algerien zwischen Zensur und wirtschaftlichem Aufschwung

Algeriens Wirtschaft boomt, doch politisch hat sich in Algerien nicht wirklich viel verändert. Auf der internationalen Rangliste der Organisation "Reporter ohne Grenzen" belegt Algerien noch immer einen der hinteren Plätze in Punkto Meinungsfreiheit. Dies spüren auch die algerischen Schriftsteller, die kritische Bücher nach wie vor nur im Ausland veröffentlichen können.

Von Martina Zimmermann | 05.04.2008

    In seinem neuesten Roman konfrontiert der algerische Schriftsteller Boualem Sansal den Nationalsozialismus mit dem islamischen Fundamentalismus. "Das Dorf des Deutschen" dreht sich um die beiden Söhne von Hans Schiller: Der Name ist erfunden, aber nicht die Person: Ein Deutscher, der 1955 aus Ägypten in den Generalstab der algerischen Befreiungsbewegung kam. Er bildete Offiziere aus und trainierte Untergrundkämpfer. Da er ein gesuchter Kriegsverbrecher war, blieb er nach der Unabhängigkeit in Algerien, wurde Algerier, heiratete, konvertierte zum Islam. Sein Dorf wurde das "Dorf des Deutschen" genannt. Boualem Sansal kam Ende der 70er Jahre an diesem Dorf vorbei.

    "Ich habe diese Geschichte seit bald 30 Jahren im Kopf, und das Thema der Schuld für die Taten der Eltern ist für jeden interessant. Aber ich habe gezögert, darüber zu schreiben, aus Angst vor den Reaktionen, zumindest unter meinen Landsleuten und wahrscheinlich in der arabischen und muslimischen Welt."

    Denn in diesen Staaten wird Israel nur als Akteur im aktuellen Nahostkonflikt wahrgenommen, Antisemitismus ist verbreitet, der Holocaust tabu, so er nicht in Frage gestellt wird. In Boualem Sansals Roman entdecken die Söhne die Nazivergangenheit des Vaters erst, als die Eltern im algerischen Dorf von islamischen Fundamentalisten ermordet werden.
    Beide Geschwister leben in Frankreich. Boualem Sansal:

    " Ich hätte die Kinder im Dorf lassen können. Aber da das Thema des Holocaust tabu ist, hätte es keinen Roman ergeben. Wenn die Kinder in Algerien leben und von der dortigen Kultur geprägt sind, hätten sie gesagt, Vater war ein Nazi, was ist das? Man weiß dort nichts von der Schoah. Sie hätten Papiere gefunden, mit denen sie nichts hätten anfangen können. Ich musste deshalb die Kinder in ein Land versetzen, in dem man zumindest die Freiheit hat, nach der Wahrheit zu suchen."

    2003 schrieb Boualem Sansal ein Pamphlet mit dem Titel "Poste Restante: Algier", einen Brief an seine Landsleute, in dem er alle Irrtümer Algeriens und seiner Machthaber auflistet. Das Werk wurde verboten, Boualem Sansal verlor seine Arbeit als Beamter im Industrieministerium. Solange Schriftsteller und Journalisten nur von islamischen Fundamentalisten berichteten, bekamen sie keine Probleme, erklärt Boualem Sansal.

    "Solange die Terroristen kritisiert wurden, war das gut und diente der Propaganda des Systems. Als es dann aber ab 1998, 1999 hieß, der Terrorismus ist fast besiegt, haben die Journalisten die Machthaber angegriffen, die Generäle, die Korruption. Und da kam der Rückschlag."

    Auch Boualem Sansals neuester Roman hat keine Chance, in Algerien veröffentlicht zu werden. Schließlich rührt er nicht nur am Tabu des Antisemitismus, sondern indirekt auch an der glorreichen Vergangenheit der Befreiungskämpfer.
    Diese sind auch heute noch an der Macht, auch wenn es inzwischen mehrere Parteien und viele private Zeitungen gibt. Der algerische Filmemacher Jean-Pierre Lledo erklärt:

    "Die Machthaber in Algier sind nicht vom Volk legitimiert, seit der Unabhängigkeit gibt es weder Demokratie noch echte demokratische Wahlen. Ihre einzige Legitimität beruht auf der Tatsache, dass diese Leute den Unabhängigkeitskrieg geführt haben. .... Wenn man diese historische Legitimität angreift, fällt die Macht zusammen. Dann bräuchte es die Legitimität durch das Volk. Doch zu echten demokratischen Wahlen sind die Machthaber noch nicht bereit."
    Präsident Bouteflikas zweites Mandat geht nächstes Jahr zu Ende. Die Verfassung sieht maximal zwei Amtszeiten vor, dann wäre seine Zeit vorbei. Doch nun soll die Verfassung geändert werden, nach offizieller Argumentation, damit der algerische Präsident Aussöhnung und Wiederaufbau vollenden kann. Das bedauert der Schriftsteller Boualem Sansal:

    "Würde Bouteflika die Verfassung achten und zwei Mandate machen und nicht mehr, wäre das toll, das gäbe wieder Hoffnung. Die Leute würden sagen: Unsere Chefs, die das Land regieren, respektieren wenigstens die Verfassung. Das wäre schon mal nicht schlecht. Aber sie respektieren die Verfassung nicht. Bouteflika wird wiedergewählt werden, es wird keinen ernsthaften Gegenkandidaten geben. Dann ändert sich auch nichts."

    Was sich geändert hat: Die Einnahmen aus dem Erdöl füllen die Staatskassen. Der wirtschaftliche Aufschwung ist so vielversprechend, dass sich ausländische Firmen in den Kabinetten der Ministerien die Klinke in die Hand geben. Die Nachfrage an Konsumgütern wächst rasant. Autobahnen, Häfen, Parks, Wohnanlagen und Tourismuskomplexe werden gebaut. Die größten Summen investieren Firmen aus den Golfstaaten: Milliardenschwere Immobilienprojekte für luxuriöse Hotelkomplexe am Meer, deren Modelle an die neue Architektur in Dubai erinnern, kolossal und mit viel Beton. Tourismus- und Umweltminister Cherif Rahmani erklärt:

    "Wir lassen überall 80 Prozent für Grünflächen. In einer städtischen Zone muss es Zeichen von Modernität geben. Ob Ihnen das gefällt oder nicht: Alle Großstädte der Welt bauen in die Höhe, schauen Sie die Projekte in Paris, New York oder London. Man kann uns nicht vorwerfen, auch Hochhäuser zu bauen. Aber ich betone: dieses Wachstum zum Himmel muss unbedingt von Qualität und auf bestimmte Orte begrenzt sein."

    Auch das Volk soll etwas vom Aufschwung haben: Die Hochhäuser versprechen ein Ende der Wohnungsnot, und allein der Tourismus soll 200 000 Arbeitsplätze schaffen. Für den Bau des neuen Stadtparks in Algier, der größer sein wird als Central oder Hyde-Park, werden 24 000 Menschen eingestellt. Doch bisher sind das Absichtserklärungen, meint der Schriftsteller Boualem Sansal skeptisch. Er selbst lebt in der Nähe von Algier:
    "Es ist schwer für die Algerier, sich zu verwirklichen angesichts von Korruption und Bürokratie. Es gibt noch Terrorismus, und im Hinterland herrscht es großes Elend. In Algier tut sich was, die jungen Leute, die Unternehmer sind dynamisch. Aber im Hinterland ist das Leben miserabel. Algerien ist eine reiches Land mit einem armen Volk."

    Algerien zählt über 34 Millionen Einwohner, zwei Drittel davon sind unter 30. Bis 2050 werden es 50 Millionen sein. Auch wenn in den letzten Jahren die Arbeitslosigkeit auf etwas mehr als 15 Prozent gesunken ist: Um den jungen Algeriern eine Zukunft zu bieten, muss noch einiges getan werden.