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Alle bisherigen Bildungsreformen springen zu kurz

Seit der Pisa-Studie befindet sich Deutschland im Reformrausch. Schulformen werden erfunden und abgeschafft, neue Konzepte ausprobiert und wieder verworfen. Das Land sei von einer Bildungspanik erfüllt, meint Heinz Bude, und hat deshalb sein neuestes Buch gleich so benannt.

Von Karl-Heinz Heinemann | 05.12.2011

Die frühe Segregation von Bildungsverlierern und besser Qualifizierten wird nicht mehr lange gut gehen, glaubt Heinz Bude, denn so könne der Fachkräftebedarf nicht mehr gedeckt werden.

Die Lösung dieses Problems scheint auf der Hand zu liegen: Es ist die Ganztagsschule als Vorstufe einer Einheitsschule mit differenzierten, aber gleichrangigen Abschlüssen."
Also längeres gemeinsames Lernen, und "Am Ende muss das Gymnasium dran glauben."


Mit diesen schlichten Wahrheiten ziehe man den jedoch geballten Zorn der in "Statuspanik" geratenen Mittelschichten auf sich. Notfalls fliehen sie aus der Zwangsvermischung der sozialen Milieus in den öffentlichen Schulen und gehen hinein in private Bildungsanstalten. Die Spaltung unserer Gesellschaft, nach der der Autor im Untertitel fragt, vollzieht sich in der Schule. Will man sie überwinden, dann könne man das nicht gegen diese neuen Mittelschichten tun. Und so sucht Bude nach einer "dritten Position", ohne Ressentiments gegen die Unterklasse und mit Verständnis für die Panikattacken in der "Neuen Mitte".

Den zehn bis 15 Prozent Jugendlichen, die in die Haupt- und Förderschulen ausgesondert werden, kann man mit dem Wert von Bildung nicht mehr kommen. Die Chancen, die der Markt, oft in der Schattenwirtschaft bietet, scheinen ihnen attraktiver als die ohnehin für sie unerreichbaren Zertifikate des Bildungssystems.

Von daher ist der Gedanke des "Unterschichtjungen mit Migrationshintergrund in den Ballungszentren", lieber im Handyladen des Onkels anzufangen als noch einen mittleren Schulabschluss zu erwerben, nicht Anzeichen von Statusfatalität, sondern Ausdruck eines auf die Wirtschaft gerichteten Erfolgsmotivs. Man sucht seine Chancen in einem Bereich, von dem man annimmt, dass er nicht bereits durch herrschende Schichten besetzt und verbarrikadiert ist.

Und seine fittere Schwester tritt nicht beim Onkel ein, sondern übernimmt gleich den ganzen Laden. Mit List und Schläue suchen diese Schulabgänger andere Wege zum Erfolg als jene, die schon von den etablierten Verteidigern von Bildungszertifikaten und Privilegien besetzt sind. Deren Vorstellung von Schule ist durch einen Bildungsbegriff bestimmt, der mit schwergewichtigen Bedeutungen aufgeladen ist. Geprägt wurde er von einer "protestantischen Bildungsmafia", so Bude. Georg Picht, der in den sechziger Jahren die Debatte um die deutsche Bildungskatastrophe auslöste, zählt für den Autor ebenso dazu wie Hellmut Becker, der Gründer des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und Hartmut von Hentig, der Gründer der Bielefelder Laborschule. Diese Drahtzieher der Bildungsexpansion, so Bude, seien von dem konservativ-elitären Stefan-George-Kreis geprägt worden, zu dem ebenso jugendbewegte wie rechtsrevolutionäre Adepten gehörten. In ihrem Geist hätten die Bildungsreformer Erziehung schon immer als ein durch und durch elitäres Projekt verstanden, indem sie Schule zum umfassenden Lebens- und Erfahrungsraum überhöhten und überhöhen. Ihr Idealbild sei ein Landerziehungsheim wie die Odenwaldschule oder die Schlossschule Salem, und am Liebsten würden sie ganz Deutschland nach diesem Ideal gestalten. Das, so will Bude andeuten, sei kein geeignetes Modell, um Ausgeschlossene zu integrieren. Die internationalen Vergleichsstudien wie PISA und die folgenden haben neu definiert, worauf es ankommt: auf Kompetenzen, also universell verwendbare Fähigkeiten. Sie werden losgelöst von kulturspezifischen Inhalten als universell gültig definiert, was Bude essayistisch brillant kritisiert:

Ob man in Frankreich, in Schweden oder in China zur Schule geht oder die Universität besucht, es geht überall nur um das Eine: die Mehrung von Bildung als Humankapital der Selbstdurchsetzung und Statusverbesserung.

Unter dieser universellen Verwendbarkeit verliert Bildung nicht nur ihren emanzipatorischen Charakter, sie lässt auch zu einem Defizit werden, was eigentlich nur eine wichtige und notwendige Differenz ist:

Soll ein Jungmann mit Migrationsgeschichte und bildungsferner Herkunft, der noch nie das Meer gesehen hat, die gleichen Aspirationen besitzen wie die Tochter eines zu Geld gekommenen Getränkegroßhändlers mit rein deutscher Abstammung, die ihr Herz ans Theater verloren hat? Am Ende geht es bei der Frage der Bildung immer auch um unterschiedliche Auffassungen darüber, was im Leben wirklich zählt.

Und das wird für die beiden etwas ganz Unterschiedliches sein, und das ist legitim, meint Bude. Doch, was folgt aus diesem klugen und brillant geschriebenen Streifzug durch die deutsche Bildungslandschaft? Budes Vorschläge für Konsequenzen sind zaghaft und deutlich daran orientiert, die neue Mittelschicht nicht zu vergrämen: Statt zu überlegen, wie die Schule ihren einseitig am protestantischen Bildungsverständnis ausgerichteten Charakter verändern kann, empfiehlt er, die schulunlustigen Unterschichtkinder rechtzeitig in die Berufsbildung zu schicken. Nicht der mittlere Bildungsabschluss, wie heute üblich, solle der allgemeingültige Mindeststandard sein, sondern die abgeschlossene Berufsausbildung. Mit einiger Anstrengung könnte auch diese, das von Ralf Dahrendorf postulierte und von Bude immer wieder als Maßstab beschworene Bürgerrechte auf Bildung als allgemeine Teilhabemöglichkeit einlösen, muss sie aber nicht. Bude endet mit der frohen Botschaft: Die demografische Wende werde die Lösung des Bildungsproblems quasi erzwingen. In ein paar Jahren, so der Autor, werden alle begriffen haben, dass wir es uns nicht mehr leisten können, irgendjemanden, oder gar zehn bis 15 Prozent zurückzulassen - alle werden einen Platz zumindest im beruflichen Bildungssystem finden. Mit seiner scharfsinnigen Analyse und seinem Bild von Demokratie als Methode, um Interessenkonflikte auszutragen, knüpft Bude an die Dahrendorf'sche Tradition an. Und er demonstriert, wie einst der große Liberale, dass Soziologen oft besser verstehen und besser analysieren können, was im Bildungssystem geschieht, als betriebsblinde Pädagogen oder Erziehungswissenschaftler. Dahrendorf scheute sich damals nicht, eine Strukturdebatte voranzutreiben, die bis heute die Öffentlichkeit beschäftigt. In dieser Hinsicht verfehlt Bude leider die Stringenz, die Dahrendorf als bildungspolitischer Vordenker der sechziger Jahre hatte.

Heinz Bude:
Bildungspanik. Was unsere Gesellschaft spaltet. Hanser, 144 Seiten, 14.90 Euro
ISBN: 978-3-446-23761-2