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Alles Porno?

Erotik und Pornografie sind allgegenwärtig: In der Werbung, im Fernsehen, in Musikvideos, im Internet und in den Printmedien. Für Jugendliche sind sie leicht zugänglich. An der Fachhochschule Köln fand eine Konferenz zur "Pornografisierung der Gesellschaft" statt.

Von Ingeborg Breuer | 04.11.2010

"Was ich eigentlich so wichtig finde, ist, dass Pornografie manchmal auch durch E-mails und so dein Leben reinkommt. Ich habe zweimal einen Link für Kinderpornografie bekommen, durch mein E-mail, nur wie Spam."

Myrthe Hilkens, Autorin des Buchs "McSex".

"Also, es ist eine Sexualisierung, es ist eine überbordende Anzahl an Intensität an zum Beispiel Tankstellen, wenn Sie da nur zur Kasse gehen wollen, da finden Sie alle möglichen Brüste und sonst was, Sie können dem gar nicht mehr ausweichen, und das ist sicher etwas, was uns beschäftigen muss."

Joachim von Gottberg, Geschäftsführer, freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen.

"Ein Phänomen ist zum Beispiel der Stangentanz. Aber auch Kleidungsstücke, die angezogen werden, also auch hier der Sadomaso- oder Domina-Look, der adaptiert wird, in der Popkultur."

Dr. Martina Schuegraf, Mitveranstalterin der Tagung "Pornografisierung der Gesellschaft?!" Ob sich unsere Gesellschaft nun pornografisiert oder eher sexualisiert, wurde an der Kölner Fachhochschule zwei Tage lang kontrovers diskutiert. Einhelligkeit jedoch bestand darüber, dass Sexualität in unserer Gesellschaft so präsent ist wie nie. Auch Frauen schwimmen längst mit auf der Welle. Sind die Posen von Lady Bitch Ray, die zur "vaginalen Selbstbestimmung" aufrief oder von Lady Gaga, die zuletzt ihr Fleisch im Steak-Bikini präsentierte, jugendgefährdend, wie kulturkonservative Kritiker meinen? Ist "Porno-Alarm" angesagt? Andreas Fischer, Geschäftsführer von Beate-Uhse-TV, meint - nein.

"Dadurch dass Pornografie übers Internet jederzeit verfügbar ist, was es vor 10, 15 Jahren nicht war, hat eine große Entmystifizierung stattgefunden. Als Erwachsener konnten Sie früher Pornofilme nur sehen im Sexshop, im Pornokino. Sie mussten über 18 sein, es war sehr teuer. Heute wo Sie‘s jederzeit im Büro auf dem Handy, zu Hause im Fernsehen, im Internet, über Satellit bekommen können, ist das Alltag geworden."
Die deutsche Pornoindustrie, meint Andreas Fischer, ist so gut wie tot. Die meisten Pornodarstellerinnen hätten sich vom Film verabschiedet und räkelten sich jetzt zu Hause vor der Webcam. Hobbyfilmer filmen sich und ihre Freundin beim Sex und stellen die Filme bei Youporn ins Netz. Oder laden die Sexvideos von anderen hoch. Auch Kinder und Jugendliche nutzen zunehmend diesen problemlosen Zugang zur Pornografie. 79 Prozent der 14- bis 17-jährigen Jungen haben schon pornografische Bilder gesehen - im Fernsehen, im Internet, auf DVDs oder auf dem Handy, so die Dr.-Sommer-Studie der Zeitschrift BRAVO. Jungen finden das zu einem großen Teil erregend - während Mädchen oft abgestoßen sind. Das Schlagwort von der "Generation Porno" macht die Runde durch die Medien, seit der Publizist Johannes Gernert ein gleichnamiges Buch verfasste. Professor Uwe Sielert, Sexualpädagoge an der Universität Kiel hält das allerdings für "Moralpanik".

"Dass das so ein Anlass ist, dass einige sagen, haben wir schon immer gewusst, Jugend ist sexualisiert und pornografisiert, und Sexualität ist ohnehin etwas, was nur im Geheimen sein darf und alle Jugendlichen gehen moralisch den Bach runter. Das ist Moralpanik und das ist immer kontraproduktiv. Das bedeutet, dass Jugendliche sich diskriminiert fühlen, dass sie besonders provozieren, um den Erwachsenen eins auszuwischen."

Zwar bestätigt auch Uwe Sielert, dass vor allem männliche Jugendliche sich heute mehr als früher Zugang zu weicher wie auch harter Pornografie verschaffen. Ein Problem sieht er darin aber nicht unbedingt.

"Die Jungen sagen, das ist endlich mal das, was wir auch wissen wollen, was ihr uns in der Sexualerziehung und in der Schule uns bisher nicht erzählt haben, wie das läuft, ob es einen G-Punkt gibt und oder wann ich eine Erektion bekomme, wann nicht, wie lange das geht oder wie Mädchen reagieren auf Wünsche von mir."

Gefährlich werde Pornografie vor allem da, wo sie von Kindern und Jugendlichen gesehen wird, die bereits Opfer familiärer Gewalt oder Verwahrlosung wurden. Wenn zum Beispiel das eigene Selbstwertgefühl möglicherweise nur dadurch erzeugt werden kann, dass man besonders provozierend, ja aggressiv auftrete. Doch nicht der Porno entfalte dann seine destruktive Kraft, sondern die Sozialisation des Jungen:

"Es gibt eine Reihe von Kindern und Jugendlichen, die in Zusammenhängen aufwachsen, wo vielleicht Erregung von vornherein mit Gewalt auf den eigenen Körper, die eigene Seele verbunden war. Und es kann dann durchaus sein, dass Kinder und Jugendliche ihre sexuelle Karriere starten, dann Dinge aus der Pornografie, auch aus der Hardcorepornografie an die sie herankommen, wenn sie das bewusst machen, im realen Leben ausprobieren wollen."

Sexualität und Gewalt werden aber mittlerweile nicht nur im Film, sondern ebenso in den Songtexten des sogenannten Porno-Rap verherrlicht. Die sexistischen und frauenverachtenden Texte eines Bushido, Sido oder des Berliner Rappers Frauenarzt, so befürchten Eltern und Pädagogen, lasse die Jugendlichen vergessen, dass Liebe weit mehr ist, als feiern, vögeln und Pornos schauen. Doch auch dabei, so der Medienpädagoge Joachim von Gottberg, würden die Gefahren einer sexuellen Verwahrlosung von Jugendlichen häufig überschätzt. Der Konsum dieser Musik habe - so eine Studie - vor allem die - jugendtypische - Funktion einer Abgrenzung gegenüber der Wertewelt der Erwachsenen.

"Interessanterweise ist dabei herausgekommen, dass es letztlich nicht so ist, dass es eine lineare Wirkung gibt, bloß weil im Rap verbalisiert wird, heißt das nicht, dass ich auch als Konsument alles gut finden muss. Das heißt die Angst, dass nun alle Leute, die Bushido und Sido und Eminem hören, diese Dinge eins zu eins übernehmen, ich glaube, diese Sorge müssen wir nicht haben. Ich erinnere an meine eigene Jugend."

Der Geschäftsführer der freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen erfährt in seiner Arbeit täglich, dass es immer schwieriger wird, die Neuen Medien auf ihre Jugendgefährdung hin zu kontrollieren. Verstärkt gehe es deshalb darum, die Jugendlichen zu einem selbstbestimmten und verantwortungsvollen Umgang mit Pornografie zu befähigen.

"Also fragen, wie können sie einigermaßen vernünftig damit umgehen, wie integrieren sie das, was sie da sehen, in ihr Leben? Was mache ich mit der Freundin, wie verhalte ich mich? Das heißt, Jugendliche sollen selbst darüber nachdenken, was sie wollen. Sie sollen ehrlich sein mit sich selber und mit dem anderen, sie sollen über Sexualität mit dem Partner verhandeln, sie sollen sich überlegen, was wollen wir beide. Und man muss klar als Regel sehen, dass man nicht machen darf, was der andere nicht will."

Verschiedene Studien fanden zudem heraus, dass die Allgegenwart von Sexualität in der Öffentlichkeit keineswegs dazu führt, dass mehr Sex praktiziert wird. Sondern dazu, dass den Menschen die Lust darauf offensichtlich zunehmend vergeht. Sex wird alltäglich und banal. So wie "voll Porno", jenes neue Modewort der Jugendsprache, ja eigentlich auch nur heißt: "wie toll". Und übrigens: Die meisten Jugendlichen identifizieren Pornografie durchaus realistisch als das, was sie wirklich ist: als "geilen Scheiß" nämlich, so der Titel eines Films über Jugendliche und Pornografie. "Moralpanik" - ist also unangebracht.