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Alles wieder gut?

Die Welt der Grundschule in Deutschland ist noch lange nicht in Ordnung -- so die Interpretation von Winfried Bos, Erziehungswissenschaftler aus Hamburg und federführend in der Auswertung der jüngsten Erhebung:

Von Jacqueline Boysen | 11.04.2003

Wir sehen, dass die Testleistungen im oberen Leistungsdrittel liegen, aber auch, dass es nur wenige Länder gibt, die eine homogenere Schülerschaft ausweisen als Deutschland.

Über 10.000 Grundschüler aus dem gesamten Bundesgebiet haben an der internationalen IGLU-Lesestudie teilgenommen, in Mathe und den Naturwissenschaften sowie der Rechtschreibung und dem Aufsatzschreiben wurden nur Schüler aus zwölf Bundesländern getestet. Im Lesen erreichen die deutschen Vierklässler im Vergleich zu Klassenkameraden aus den 34 übrigen bewerteten Nationen relativ homogene Leistungen, es fehlt aber eine herausragende Spitze und vergleichsweise klein ist die Gruppe derer, die massive Schwierigkeiten haben.

1,3 Prozent sind kaum in der Lage, aus einem Satz heraus eine Information zu entnehmen. Das heißt nicht, dass sie Analphabeten sind, sie können das Wort lesen, aber nicht im Satz erkennen. Auch das lässt sich minimieren, in anderen Ländern können Risikokinder geringer, und wenn man sieht, in Schweden 27 Prozent oberste Kompetenzstufe, von 30 Prozent in England und von 18 Prozent hier, dann heißt das, dass wir bei Spitzenleistungen drauflegen können.

Laut IGLU können die Kinder auf einem relativ hohen Niveau sowohl Sachtexte wie auch altersgemäße Literatur lesen und erfassen, wobei die Unterschiede in der Lesekompetenz der Mädchen und Jungen im Grundschulalter nicht so signifikant sind, wie unter älteren Schülern und Schülerinnen. Nicht ganz so signifikant wie die PISA-Studie bei den 15-Jähigen zeigt auch die IGLU-Studie, wie erheblich der Einfluss der sozialen Herkunft der Kinder auf ihr Bildungs- und Leistungsniveau ist. So werden Schüler aus nicht-deutschsprachigen Elternhäusern in Deutschland offenkundig weniger sorgsam gefördert als in Vergleichsländern:

Es sind nur drei oder vier Länder, die größere Probleme bei der Entkoppelung von sozioökonomischem Status und Bildungsniveau angeht, auch bei Migrationshintergrund. Dort wird eindeutig zuwenig getan in Deutschland, und dass das Folgen hat in Sekundarstufe 1, wird deutlich.

Als problematisch erweist sich im dreigliedrigen deutschen Schulsystem der Übergang von der Grundschule in die weiterführenden Schulen und die am Ende der vierten (beziehungsweise sechsten) Klasse entscheidende Laufbahnempfehlung.

Wir haben auf dem Gymnasium einen guten Teil von Schülern und Schülerinnen, die von der Leseleistung her auf die Hauptschule gehen könnten und umgekehrt, insbesondere die Überlappung mit Realschule noch mal beträchtlicher. Das heißt, hier wird am Ende von Klasse 4 eine Entscheidung getroffen, was zumindest bei Schlüsselqualifikation Lesen variiert.

Neben den Schülerleistungen wurden im Übrigen auch die Rektoren, Lehrer und ihr Unterricht sowie die Eltern unter die Lupe genommen. So zeigt sich zum Beispiel bei der Betrachtung des Unterrichts, dass in Deutschland einzelnen Schülern wenig Zusatzangebote und individuelle Förderaufgaben gegeben würden. Das Lesen und Aufgaben, die Lektüre und Textarbeit stimulieren, nehmen in deutschen Unterrichtsstunden deutlich weniger Zeit ein als in anderen Test-Ländern. Dennoch kommen die IGLU-Tester zu dem Schluss, dass die deutschen Grundschüler im Allgemeinen das Lesen durchaus schätzen: 18 Prozent lehnen Lektüre komplett ab - bei den 15jährigen PISA-Testschülern waren es immerhin 42 Prozent, die nicht gern Bücher zur Hand nehmen - eines von vielen Beispielen für die eklatante Differenz zwischen den Testergebnissen von PISA und IGLU.