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StartseiteHintergrundAlles zurück auf Anfang?17.08.2009

Alles zurück auf Anfang?

Beendet die Weltwirtschaftskrise die Globalisierung

Die Globalisierung hat die Welt enger zusammenrücken lassen - und, von den Finanzmärkten ausgehend, seit 2007 auch gemeinsam in die Krise getrieben. Doch der globale Handel ist nicht tot, obwohl es danach zeitweise ausgesehen hatte.

Von Michael Braun und Brigitte Scholtes

Es ist der Export, der die Besserung in der Krise bewirkt, also das System offener Märkte. (AP)
Es ist der Export, der die Besserung in der Krise bewirkt, also das System offener Märkte. (AP)
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Die Hoffnung, dass die Rezession zu Ende sein könnte, ist in den vergangenen Tagen gewachsen. Überraschend ist das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland im zweiten Vierteljahr wieder gewachsen - nach vier Quartalen mit einem zum Teil kräftigen Minus. Grund dafür ist vor allem die allmählich wieder anziehende Nachfrage aus Asien. Deutschland ist von der Nachfrage aus dem Ausland abhängig. Als die im vergangenen Herbst einbrach, ging es auch mit der deutschen Wirtschaft bergab.

Tritt gefasst hat die Weltwirtschaft wohl noch nicht. Aber die Hoffnung, dass es so kommen könnte, wächst. Denn der Ölpreis, ein zuverlässiger Indikator für die Verfassung der Weltwirtschaft, ist gestiegen: seit Februar dieses Jahres von 35 Dollar pro Fass auf nun fast das Doppelte. Und der Ölpreis sei grundsätzlich konjunkturgetrieben: je höher sein Preis, desto besser laufe die Wirtschaft, so Dora Borbely, Rohstoffexpertin der Deka-Bank.

"Im Moment können wir mit dem Preisniveau von ca. 65 US-Dollar pro Fass für die amerikanische Ölsorte (WTI) glaube ich zufrieden sein. Und das ist ein Niveau, was durch physisches Angebot und physische Nachfrage zu rechtfertigen ist. Ab Herbst rechnen wir wieder mit steigenden Ölpreisen. Weil die Konjunktur weltweit an Schwung gewinnt. Und das führt dazu, dass der Ölpreis in der zweiten Jahreshälfte ab Herbst nach oben gehen wird."

Immer häufiger schauen die Märkte nicht auf Amerika, wenn sie wissen wollen, wohin sich die Konjunktur entwickelt, sondern nach China. Aus Amerika kommen derzeit nur relativ gute Nachrichten. Wie die etwa, dass die gesamtwirtschaftliche Leistung im zweiten Quartal nicht um 1,5 Prozent, sondern "nur" um ein Prozent gefallen sei.

Aus China dagegen kommen 2009 richtig gute Nachrichten. China hat im zweiten Quartal ein Wirtschaftswachstum von 7,9 Prozent erreicht. Auch im ersten Quartal war die Wirtschaftsleistung nicht geschrumpft, sondern um 6,1 Prozent gewachsen. Die führenden Unternehmen haben das Riesenreich im Blick, lauern wieder auf Investitionsmöglichkeiten. Der Lastwagen- und Maschinenbaukonzern MAN teilte vor Kurzem mit, er werde für eine halbe Milliarde Euro Großaktionär beim führenden chinesischen Lkw-Hersteller Sinotruk. Beide Unternehmen wollten gemeinsam eine neue Reihe schwerer Lastwagen auf dem chinesischen Markt einführen.

Ist die Globalisierung also doch nicht tot, obwohl es danach ja zeitweise ausgesehen hatte? Vieles spricht dafür, vor allem die vorsichtige aktuelle Erholung etwa der deutschen Volkswirtschaft. Sie folgt dem klassischen Modell: Es ist der Export, der die Besserung bewirkt, also das System offener Märkte.

Offiziell hatte niemand dieses System demontieren wollen. Immer wieder hatten die Staats- und Regierungschefs auf ihren Gipfeltreffen die "eine Welt" beschworen, nicht nur in der Umwelt-, sondern auch in der Wirtschaftspolitik, zuletzt beim G-8-Gipfel im italienischen L'Aquila im Juli.

Als die Weltwirtschaft brummte, war das selbstverständlich. Genauso selbstverständlich, wie mit einem Rechner aus Taiwan zu arbeiten, das Gas aus Sibirien zu verbrennen, den Wein aus Südafrika zu trinken und im Audi - "made in Germany" - einen Motor aus Ungarn zu starten. Die Globalisierung hatte die Welt enger zusammenrücken lassen - und, von den Finanzmärkten ausgehend, seit 2007 auch gemeinsam in die Krise getrieben. Der frühere Volkswirtschaftsprofessor und jetzige Unternehmensberater Werner Simon:

"Eine Folge ist natürlich auch, dass dadurch die Krise sofort eine Weltkrise wurde, weil wir so stark miteinander verzahnt sind."

In Deutschland melden alle großen Branchen große Löcher im Auftragseingang, beim Umsatz, beim Gewinn. Zuletzt ging es wieder aufwärts, wie nachhaltig das sein wird, darüber sind sich die Experten jedoch noch nicht einig. In der deutschen Autoindustrie etwa hat nur die Abwrackprämie Schlimmeres verhindert. Und doch geht es der Branche schlecht. Drei von vier in Deutschland produzierte Autos werden exportiert. Aber diese hart erarbeitete Stärke schmilzt. So erklärte der Präsident des deutschen Automobilverbandes, Matthias Wissmann, Anfang Juli:

"Wenn der Weltmarkt dümpelt, dann können Sie so gut sein, wie Sie wollen, dann leiden Sie unter diesem Weltmarkt massiv, und das tun wir, auch wenn wir hoffen, dass sich für die nächsten Monate die Auslandsnachfrage aufgrund der leicht verbesserten Konsumentenstimmung und einigen Incentive-Maßnahmen in wichtigen Märkten langsam stabilisiert."

Ähnlich sieht es in einer anderen Vorzeigebranche aus, im deutschen Maschinenbau. Der mit zuletzt 975.000 Mitarbeitern beschäftigungsintensivsten deutschen Industriebranche fehlen neue Aufträge: Jeden Monat kommen rund 50 Prozent weniger Bestellungen herein. Seit Mitte der 90er-Jahre ist der Exportanteil im Maschinenbau von der Hälfte auf zwei Drittel gestiegen. Nun aber fehlen die Aufträge - auch aus dem Ausland. Und der Präsident des Maschinenbauverbandes - Manfred Wittenstein - sieht kaum Lichtblicke:

"Wir haben erste vage Anzeichen aus China, ich denke aber, dass der Branche noch schwere Monate bevorstehen."

Ähnlich sieht es in der Elektro- und in der Chemieindustrie aus. Der Export schmilzt. Die Aussichten sind trübe. Die BASF hat kürzlich Produktionsanlagen für bestimmte Kunststoffe im Stammwerk Ludwigshafen stillgelegt, und zwar auf Dauer. Im zweiten Quartal sank der Umsatz der BASF um fast ein Viertel, der Jahresüberschuss aber umfasst drei Viertel. Ein nachhaltiger Aufschwung sei noch nicht in Sicht, hieß es Ende Juli im Kommentar zur Quartalsbilanz, allenfalls eine Stabilisierung auf niedrigem Niveau sei erreicht. Viel Optimismus entlockt das dem Vorstandsvorsitzenden Jürgen Hambrecht nicht:

"Wenn wir die Talsohle jetzt erreichen, ist ja noch nichts gewonnen, weil die Läger wieder aufgefüllt werden und anschließend ist der wirkliche Bedarf dann doch nicht da, dann fängt das wieder an, in sich zusammen zu sinken."

Der Welthandel befindet sich im freien Fall. Der Internationale Währungsfonds geht davon aus, dass das Welthandelsvolumen in diesem Jahr um zehn Prozent einbrechen wird.

Dass die Krise überall spürbar war und ist, hat eine messbare Ursache. Fachleute sprechen vom Globalisierungsgrad der Weltwirtschaft. Das ist eine Kennziffer dafür, wie hoch der Anteil des Außenhandels an der gesamtwirtschaftlichen Leistung etwa der großen Industrieländer ist. Dieser ist rückblickend stark gestiegen: Hatte er sich zwischen 1870 und 1913 von 5,5 auf elf Prozent verdoppelt, konnte nach dem Zweiten Weltkrieg wieder ein Absinken registriert werden. Seit den 1960er Jahren aber ist er von neun Prozent in atemberaubendem Tempo auf rund 20 Prozent im Jahre 2006 angestiegen. Das hatte nicht nur mit Welthandel zu tun, mit dem Import und Export bestimmter Produkte. Das hatte mit einer neuen Dimension zu tun: mit internationaler Arbeitsteilung in bisher unbekanntem Ausmaß. Harald Jörg, Volkswirt bei der Dresdner Bank:

"Gründe hier für sind zum einen, dass aufgrund der Welthandelskonferenzen Zölle gesenkt wurden. Wir haben viele Freihandelszonen gebildet, die EU, die Nafta etc. Und wir haben eine deutliche Zunahme internationaler Unternehmen, die natürlich nicht ihre gesamte Produktpalette in einem Land produzieren und zusammenbauen, sondern durchaus in unterschiedlichen Ländern differenzieren. Und das bedeutet eben eine stärkere Zunahme des Handels als die realwirtschaftliche Entwicklung."

Das alles ist so lange gut, wie die Wirtschaft brummt, aber verschärft die Schwierigkeiten weltweit, wenn - wie jetzt - Krise angesagt ist. Und gerade in der Krise sitzt auch Staaten das Hemd näher als der Rock: Jeder denkt zuerst an sich. Dies aber nicht im Sinne eines kreativen Wettbewerbs. Sondern in dem Sinne, die Grenzen für ausländische Konkurrenz abzudichten. Die 20 größten Industrieländer, die G20, hatten sich - wie kürzlich die G8 in L'Aquila - auf ihrem Londoner Gipfel im November vorigen Jahres fest versprochen, protektionistische Maßnahmen zu unterlassen. Doch Versprechen sind das eine. Taten das andere. Harald Jörg:

"Die Weltbank hat festgestellt, dass 17 dieser Länder bereits protektionistische Maßnahmen ergriffen haben bis Anfang dieses Jahres waren es 41 Maßnahmen und mittlerweile sind sicher noch einige dazugekommen."

Immerhin habe sich Bundeskanzlerin Angela Merkel immer wieder gegen protektionistische Tendenzen ausgesprochen, meint Friedrich von Metzler, persönlich haftender Gesellschafter des Bankhauses Metzler:

"Sie hat in jeder Rede gewarnt vor Protektionismus. Ich kann ihr nur sehr zustimmen. Ich finde, dass Deutschland sich da besser verhält als viele andere Länder."

Doch solche Appelle fruchten oft nicht. Eine Untersuchung der Welthandelsorganisation WTO hatte ähnliche Ergebnisse gebracht wie die der Weltbank. In seinem dritten Protektionismus-Bericht listete WTO-Generaldirektor Pascal Lamy seit Anfang März dieses Jahres 83 neue Handelsbeschränkungen auf. Die Behinderungen können demnach unterschiedliche Formen annehmen: Einerseits gibt es die klassischen Instrumente des Protektionismus, also höhere Zölle und Einfuhrverbote. Andererseits existieren aber auch subtilere Methoden. Fachleute sprechen dabei von "nicht-tarifären Handelshemmnissen". Gemeint: längere Einfuhrdokumente, Subventionen oder die Festlegung bestimmter Normen, die Ausländer schlechter erfüllen können. Dass Regierungen so auf Krisen reagieren, ist nicht untypisch, das hat Tradition.

Im 17. und 18. Jahrhundert beschreiben Historiker mit dem Begriff "Merkantilismus" das Bemühen der zeitgenössischen Wirtschaftspolitik, sich auf Kosten anderer Vorteile zu verschaffen. Besonders heftig war der protektionistische Impuls in der Weltwirtschaftskrise des vorigen Jahrhunderts. Dazu Professor Werner Simon:

"Die Amerikaner haben damals 20.000 Produkte mit Zöllen belegt, im Schnitt 59 Prozent Zoll. Innerhalb von wenigen Wochen haben alle Länder zurückgeschlagen. Und in sechs Monaten brach der Welthandel um mehr als die Hälfte zusammen."

Freilich waren die Umstände damals besonders anfällig für eine wenig global, dafür stark national ausgerichtete Anti-Krisen-Politik. Denn nach dem Ersten Weltkrieg hatte der Versailler Vertrag eine politisch unfriedliche Welt hinterlassen, in der Staaten wie Großbritannien und Frankreich daran interessiert waren, mögliche Revanchegelüste vor allem der Deutschen klein zu halten. Deshalb ist der Protektionismus zur Zeit der Weltwirtschaftskrise des vorigen Jahrhunderts vielleicht untypisch, weil die politisch-historische Folge, das Aufkommen des Nationalsozialismus, historisch sozusagen ein Unikat ist. Aber dass Krise und Protektionismus als Krisenbewältigung zusammengehören, lässt sich feststellen. Werner Plumpe, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Frankfurt erklärt:

"Nehmen wir eine Phase in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die ganz ähnliche Entwicklungen gekannt hat: den Gründerkrach von 1873, als weltweit die Börsen zusammenbrachen, als es weltweit zum starken Rückgang der wirtschaftlichen Leistung kommt - der Historiker Hans Rosenberg hat das gesagt - und wir eine Phase der sogenannten "Großen Depression" haben. Die leitet nach 1873 den Niedergang des Wirtschaftsliberalismus als Leitvorstellung ein, und die beendet auch die Phase des Freihandels als dominante Richtlinie der internationalen Zoll- und Handelspolitik."

Manch einer fühlt sich heute daran erinnert. China hat im Frühjahr ein Konjunkturprogramm aufgelegt, aber die staatlichen Einkäufer verpflichtet, nicht im Ausland, sondern nur bei chinesischen Unternehmen zu kaufen. Noch einmal der Unternehmensberater Werner Simon:

"Die Amerikaner haben damit im Januar angefangen mit der Buy-American-Kampagne und der Vorschrift, bei Baumaterialien für Infrastrukturprojekte nur amerikanische Produkte zu verwenden. Wir sehen es auch in Frankreich. Sarkozy sagt, die französische Autoindustrie wird gefördert, aber nur, wenn sie Arbeitsplätze in Frankreich und nicht im Ausland schafft. Und auch Opel in Deutschland wird in diese Richtung gehen."

Diese Politik ist nicht ungefährlich, weil kontraproduktiv. Sie erreicht das Gegenteil des Gewollten. Denn der Globalisierungsgrad der großen Volkswirtschaften ist mittlerweile so hoch, dass ein protektionistischer Rückzug aus der globalisierten Welt die Krise noch befeuert. Deutschland bekommt das zu spüren. Ralf Zimmermann, Aktienstratege bei der Privatbank Sal. Oppenheim, beschreibt diesen Effekt am Beispiel der Rettungspläne für ausländische Banken, die in Deutschland aktiv waren:

"Wir hatten in den letzten fünf, zehn Jahren eine sehr starke Tendenz zu globalem Kapitalverkehr. Banken in Großbritannien sind sehr aggressiv im deutschen Markt aufgetreten und umgekehrt. Im Zuge dieser Finanzkrise hat jedes Land seine eigenen Probleme. Viele Banken müssen den heimischen Finanzminister um Geld erbetteln. Der stellt Bedingungen. Und diese Bedingungen heißen vor allem, dass er sich um die heimische Wirtschaft kümmern muss. Und infolgedessen ziehen sich manche Banken aus ihren Auslandsmärkten zurück, was dort dann wieder Probleme hervorruft. Und in diesem Prozess sind wir gerade mittendrin. Der ist gerade in Deutschland zu besichtigen."

Zimmermann verweist auf Hannover, auf den Autozulieferkonzern Schaeffler/Continental. Hier gehörte die Royal Bank of Scotland zum Kreis der Banken, die die Übernahme Contis durch Schaeffler finanzierten. Nun ziehe sie sich als Finanzier zurück, auch weil die britische Regierung als Retter der notleidenden Bank das so bestimmt habe:

"Die Royal Bank of Scotland nimmt selbst britisches Steuerzahlergeld in Anspruch. es gibt den Druck, hier insbesondere die heimische Wirtschaft zu unterstützen."

Der Rückzug ausländischer Geldgeber, Zölle und andere Impulse, die jeweils nationalen Märkte zu schließen, treffen einen Exportweltmeister wie Deutschland natürlich besonders ins Mark. Aber das ist keine grundsätzliche Trendwende, glaubt Jan-Udo Kreyenborg, Geschäftsführer der Kreyenborg-Gruppe, eines Kunststoffmaschinenherstellers aus Münster:

"Ein guter Investor, ein cleverer, smarter Investor wird sich sehr genau überlegen, was er tut. Versucht er die vielleicht etwas billigere Maschine vor Ort oder aus einem anderem Land zu kaufen oder eine wirklich ausgereifte Technik, mit der er produktionstechnisch Vorteile hat und somit selber sehr viel Geld verdient."

Globalisierung aber sei nichts Statisches, meint Friedhelm Loh, Präsident des Zentralverbandes der Elektrotechnik- und Elektroindustrie. Er warnt vor pauschalen Urteilen:

"Wir hatten in Europa die Abwanderung Richtung Osten, ich glaube, dieser Prozess ist zu Ende und da mag es hier und da auch wieder Rückentwicklungen geben, und das kann man ja auch sehen, dass das wieder der Fall ist. Ich glaube nicht, dass das auf die Märkte wie Fernost oder Amerika oder Südamerika gilt, denn in diese Märkte geht man in der Regel ja nur, weil man in diesen Märkten sein muss, um geschäftlich Erfolg zu haben. Von daher glaube ich muss man das differenzieren."

Dass Deutschland aus der Globalisierung großen Nutzen gezogen hat, bestreiten auch die Gewerkschaften nicht. Dierk Hirschel, Chefvolkswirt des Deutschen Gewerkschaftsbundes DGB:

"Deutschland ist Globalisierungsgewinner. Es sind in den exportorientierten Branchen zusätzliche Arbeitsplätze entstanden, das steht vollkommen außer Frage. Das Problem besteht darin, dass wir immer exportlastiger wurden in den letzten Jahren. Wir haben inzwischen eine Exportquote von 50 Prozent, das heißt die Hälfte unserer Waren und Dienstleistungen gehen ins Ausland. Das war Mitte der 90er-Jahre anders, da lag die Exportquote bei etwa 27 Prozent."

Daher die Kritik des Gewerkschafters: Der Binnenmarkt sei vernachlässigt worden. Mit den Folgen: zu wenig öffentliche Investitionen, zu niedrige Löhne, zu geringe heimische Kaufkraft.

Und es gibt weitere Kritik an der bisherigen Form der Globalisierung. Sie habe beispielsweise viel Entbehrliches möglich gemacht, so der Unternehmensberater Werner Simon:

"Wasser wird um die ganze Welt transportiert oder der Joghurt. Ich habe Marmelade aus der Schweiz im Hotel in San Francisco gegessen und deutsche Marmelade im Hotel in Seoul, Korea. Im Grunde ist das nicht sinnvoll."

Schärfer noch urteilt Sven Giegold, Mitbegründer des alternativen Netzwerks Attac und Europaabgeordneter der Grünen.

"Die heutige Globalisierung geht einher mit der Zerstörung des Planeten und gleichzeitig mit der Verbreitung sozialer Ungleichheit und häufig grundlegenden Menschenrechtsverletzungen."

Die Globalisierung hat also durchaus zerstörerische Kraft. Sie zurückzudrehen, führt allerdings auch immer weiter in die Krise. Große Industrien spüren das, ihre Kunden und Zulieferer weltweit auch. Sie alle sind erleichtert, dass die jüngsten besseren Nachrichten für die Weltwirtschaft die Hoffnung nähren, dass die Globalisierung nicht tot sei. Während Regierungen noch mit protektionistischen Maßnahmen hantieren, deuten die konjunkturellen Impulse also schon eine Wiederbelebung der Globalisierung an, diesmal nicht von Amerika, sondern vor allem von China ausgehend. Professor Meinhard Miegel von der Stiftung "Denkwerk Zukunft" ist guter Dinge, die zerstörerischen Effekte der Globalisierung seien zu überwinden.

"Das, was wir in der Vergangenheit gemacht haben, das war bequem, aber es war auch extrem kostspielig. Und je früher man sich darüber im klaren ist, kann man dann auch entsprechende Alternativstrategien entwickeln. Insofern bin ich sehr hoffnungsvoll, dass wir jetzt zu Lebensformen und Wirtschaftsformen kommen, die nachhaltiger sind."

Das wird die Aufgabe sein: Wenn das Wachstum jetzt wieder anspringt, die Globalisierung nicht zu diskriminieren und nicht außer Kraft zu setzen. Sondern ihr eine neue Richtung zu geben.

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