Forschung aktuell 17.10.2019

Allgäuer Alpen"Felssturz in mehreren Phasen"Michael Krautblatter im Gespräch mit Uli Blumenthal

Beitrag hören Blick auf den verschneiten Berggipfel des Hochvogels im Allgäu bei Oberstdorf. (imago / Lindenthaler)Wie zuverlässig sind die Warntechniken - auch das können die Geologen beim Felssturz am Hochvogel herausfinden (imago / Lindenthaler)

Der Gipfel des Hochvogels droht zu zerbrechen. Es zeichne sich ein Sturz in mehreren Phasen ab, sagte der Geologe Michael Krautblatter im Dlf. Dabei reagiere der Berg sehr sensibel auf Umwelteinflüsse. Für die Wissenschaft sei die langfristige Beobachtung des Felssturzes ein wertvoller Lernprozess.

Uli Blumenthal: Den Allgäuer Alpen steht ein Naturschauspiel von verheerender Zerstörungskraft bevor: Der Gipfel des Hochvogels – 2.592 Meter hoch – bricht auseinander. Schon jetzt klafft ein riesiger Felsspalt im Gestein. Bis zu 260.000 Kubikmeter Fels könnten ins Tal stürzen – so hieß es vor einem Jahr zu einem Beitrag im Deutschlandfunk über den Hochvogel. Any news – irgendwelche Neuigkeiten – fragte uns vor einigen Tagen über Twitter @RonVanAchtern, und wir haben bei Michael Krautblatter nachgefragt, wie es aktuell um den Gipfel des Hochvogels steht. Michael Krautblatter ist Geologe und hat an der TU München eine Professur für Hangbewegungen:

Michael Krautblatter: Von dem Hauptriss, der sehr auffällig ist, gehen inzwischen mehrere Seitenrisse weg, und die teilen mehrere Volumen. Und was wir denken, was passieren wird, ist, dass diese 260.000 nicht in einem Stück kommen, sondern es schaut so aus, als ob er sich zurzeit vorbereitet, dass er mehrere Teilvolumen, die auch dann noch groß sind, also einige 10.000 Kubikmeter, runterschmeißen wird. Während die Hauptspalte, in der wir eigentlich schon länger messen, sich mit dem letzten trockenen Sommer sehr langsam bewegt hat, also nur zweieinhalb Zentimeter im Vergleich zu zehn Zentimeter in den Jahren vorher, machen diese Seitenspalten jetzt sehr schnell auf. Er schüttet jetzt so verschiedene Teilvolumen ab, und es schaut so aus, als ob dieser Felssturz in mehreren Phasen runtergeht. Das ist das, was wir beobachten gerade.

Blumenthal: Der Gipfel des Hochvogels spaltet sich ja schon seit fast 140 Jahren. Ist denn eigentlich, um es so platt zu fragen, ein Ende abzusehen, also wann wird es diesen Felssturz geben?

Gipfel reagiert "sehr empfindlich" auf Wasserdruck

Krautblatter: Ich würde das Ganze beantworten wie die Wettervorhersage. Wenn Sie mich fragen, wie das Wetter in drei Tagen wird, dann kann ich Ihnen eine ganz gute Antwort geben. Wenn Sie mich fragen, wie nächstes Jahr am 15. Oktober das Wetter ist, dann kann ich Ihnen nur eine sehr schlechte Antwort geben. Das liegt daran, dass der Hochvogel schon sehr sensibel auf Umwelteinflüsse auch reagiert. Wir sehen, jedes Mal, wenn es regnet, dann beschleunigt der Hochvogel sich für zwei, drei Tage und macht wirklich manchmal einige Millimeter in kurzer Zeit. Insofern hängt die Zukunft vom Hochvogel sozusagen auch davon ab, wie schaut die nächste Schneeschmelze aus, kriegen wir mal wirklich Starkregen über drei, vier Tage. Was wir ganz schlecht abschätzen können, was es eben halt doch alle 20, 30 Jahre in dem Raum Füssen, Reutte gibt, das sind kleinere Erdbeben. Wir wären sehr interessiert und auch sehr gespannt, wie er darauf reagieren würde, weil von anderen Felsstürzen schon bekannt ist, dass er auch auf ganz kleine Erdbeben, die die richtige Resonanzfrequenz treffen, sehr empfindlich reagiert. Wir sehen, dass er eigentlich jeden Starkregen, den er mitgenommen hat im letzten Herbst, kommentiert hat mit zwei, drei Tagen beschleunigter Bewegung. Also mehr als wir erwartet haben, reagiert er wirklich auf Wasserdrücke, die sich im Inneren des Hochvogels bilden, und da reagiert er sehr empfindlich drauf.

"Wie zuverlässig sind verschiedene Warntechniken?"

Blumenthal: Mit welchen technischen Artefakten überwachen Sie den Berg dann eigentlich?

Krautblatter: Der Hochvogel ist gerade unser Testobjekt, um zu gucken, wie zuverlässig sind verschiedene Warntechniken. Wir messen seismische Signale – die entstehen dadurch, wenn der Fels im Untergrund bricht –, und dann können wir sogar ungefähr orten, in welcher Tiefe, also zurzeit in 40, 50 Meter brechen Felsbrocken. Davon haben wir schon 270 solcher Brüche dokumentiert. Die passieren, bevor eigentlich die oberflächliche Bewegung auftritt, und die oberflächliche Bewegung registrieren wir eigentlich mit allem, was möglich ist. Wir haben GPS-Sensoren, die jede zehn Minuten die Position berechnen, auf der sie stehen, und wir nutzen Drohnen, um die Gesamtveränderung im Hochvogel zu sehen. Wir nutzen Laserscanning, um wirklich dingfest zu machen, wo sich neue Risse bilden und wenn sich neue Türme lösen. Und wir nutzen ganz hochpräzise Distanzmesser, die auf Hundertstel Millimeter die Bewegung von diesem Spalt detektieren.

Der metergroße Spalt auf dem Gipfel des Hochvogels im Allgäu (picture alliance / Florian Mädler) (picture alliance / Florian Mädler) Gigantischer Felssturz am Hochvogel erwartet
In den Allgäuer Alpen steht ein zerstörerisches Naturschauspiel bevor: Der Gipfel des Hochvogels bricht auseinander. Schon jetzt klafft ein riesiger Felsspalt im Gestein.

Blumenthal: Aus diesen Daten erstellen Sie sicherlich irgendwie ein Modell im Computer. Verhält sich der Berg auch, wie Sie das denn in den Modellen simulieren, oder verhält sich der Berg anders, als es Ihre Modelle vorhersagen?

Krautblatter: Ja, also ich würde sagen, es ist ein gemeinsamer Lernprozess. An dem Hochvogel lernen wir, wie man solche Modelle wirklich gut erstellt. Es gibt eigentlich weltweit nur ganz wenige Felsstürze, die man vorher beobachtet hat. Es war lange eine Wissenschaft, wo man eben geguckt hat, wie viel ist runtergefallen und hat es dann davor Regen gegeben. Wir wollen davor dabei sein, deswegen interessiert uns der Hochvogel zu. Weil richtig gute Vorhersagen werden wir nur dann machen können, wenn wir die drei, vier Tage vor dem Kollaps, vor dem Versagen des Felsens richtig gut verstehen. Und jetzt haben wir wirklich alle Sensoren, die uns etwas über vorhersagbare Signale sagen, wir nennen antizipative Signale, und die versuchen wir alle mitzunehmen. Es gibt ganz wenige Felsstürze, wo man wirklich vorher geguckt hat, gibt es Felsbrücken, die auffällig viel vorher brechen. Es gibt wenige Messungen, wo wir wirklich sehen können, wie sich der Fels in den letzten Stunden vorher verteilt. Und bei uns ist es wirklich so aufgebaut, dass wir vor allem in den letzten Stunden vor dem Versagen, wo wir dann auch nicht mehr hinkommen und nicht mehr mit anderen Methoden messen können, möglichst viel noch runtergesendet bekommen von diesen Sensoren. Deswegen haben wir jetzt gerade gestern auch noch mal viele Sensoren einzeln mit Sendeeinheiten bestückt, dass wir wirklich in so einem Fall, wo das passieren würde, bis zur letzten Minute, bevor es runterfällt, möglichst noch viele Daten kriegen, dass wir besser vorhersagen können in Zukunft, wann und wie so was passiert.

"Den Felsbrocken belauschen"

Blumenthal: Glauben Sie, dass es so ein charakteristisches Signal gibt, wenn dieser Felssturz kommen wird? Sie haben gesagt, über 270 verdächtige Geräusche haben Sie aufgezeichnet – gibt es das eine verdächtige, wo Sie sagen, das ist es jetzt?

Krautblatter: Es gibt für einige Fels- und Bergstürze Aufzeichnungen, und da gibt es eine ganz typische Beschleunigung am Ende. Das nennt man die Saito-Linearität, aber das sagt eigentlich bloß, dass in den letzten drei, vier Tagen, bevor es passiert, eine ganz typische Beschleunigung kommt. Also man hat erst einen Zentimeter pro Tag, und dann hat man einen Zentimeter pro Stunden, und am Ende hat man dann vielleicht einen Zentimeter pro Minute, das heißt, man hat wirklich eine sehr starke Zunahme in den letzten zwei, drei Tagen. Die erwarten wir auch, wir hoffen aber, dass zum Beispiel dieses Knacken, also diese seismischen Signale, schon vorher auftreten, dass wir sozusagen diese Spanne, in der wir vorhersagen können, vielleicht noch weiter ausreizen können, und dass wir auch wirklich verstehen, was hinter dieser Beschleunigung steht. Es müssten ja eigentlich dann einige vorher sehr viele Felsbrocken brechen, und dann müsste als Reaktion darauf diese starke Beschleunigung kommen, die dann wirklich runterfällt. Was man bisher nicht gut kann und was wir hoffen, dass wir es hier schaffen, ist, manchmal beschleunigt sich so ein Fels wie der Hochvogel und bleibt dann wieder stehen, weil er sich verhakt hat. Und wir hoffen, dass wir dadurch, dass wir gleichzeitig auch eben diese Felsbrocken belauschen, verstehen, wann tut er nur so, als ob er kommt, und wann fällt er wirklich runter, also dass wir das über diese seismischen Signale unterscheiden können, was ist jetzt wirklich ein finales und gefährliches Absturzszenario. Das, was wir hier sehen, ist schon ein typisches, groß angelegtes Experiment für alle Felsstürze, die wir in den Alpen oder anderen Gebirgen beobachten können.

Kommunikation mit Behörden, Alpenverein, Bergwacht

Blumenthal: Wenn der Gipfel des Hochvogels dann stürzt oder bricht, wie wird das sein – ein gewaltiger, großer Steinschlag mit einer riesigen Staubwolke, kann man das, was dann in Folge passiert, simulieren, berechnen?

Krautblatter: Aus den Drohnenbefliegungen können wir uns ziemlich vorstellen, welche Felsmassen gerade bedroht sind von diesem Absturz. Das sind sechs Felsmassen, die 8.000 bis 140.000 Kubikmeter haben, und die, wenn man sie zusammensetzt, eben den Südgipfel des Hochvogel ausmachen. Wenn die runterfallen, fallen die in zwei Wildbäche, und in diesen Wildbächen bilden die sozusagen einen Damm. Und falls danach ein Niederschlag auftritt, dann ist es häufig oder regelmäßig so, dass sich dann Murgänge bilden. Und diese Murgänge haben wir jetzt für das Komplettversagen, also 260.000 liegen in diesen zwei Murbächen modelliert, und wir wissen ungefähr, wie weit diese Murgänge gehen. Das haben wir jetzt auch mit der Gemeinde Hinterhornbach, mit dem Bürgermeister, diskutiert, sodass wir in dem Fall, wo es passiert ist, wirklich ihn anrufen und sagen, wir nähern uns jetzt Szenario vier oder drei – das sind so verschiedene Karten, die ihm vorliegen –, damit wir schnell auch mit der Bevölkerung vor Ort kommunizieren können und die auch genau verstehen, was wir wollen. Also wir versuchen mit diesem Projekt AlpSense nicht nur die wissenschaftliche Seite zu machen, sondern wir haben auch diese gesamte Kommunikation mit den Behörden, mit dem Alpenverein, mit der Bergwacht, mit den Hütten durchexerziert. Wir treffen uns regelmäßig mit denen, sodass wir wirklich dann am Handy mit denen telefonieren können und sagen, was wir in den nächsten Tagen erwarten, ist das und das.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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