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StartseiteRock et ceteraDer Missverstandene08.07.2018

Allroundkünstler Brian EnoDer Missverstandene

Der britische Musikproduzent Brian Eno hat mit U2, Coldplay, David Bowie, den Talking Heads gearbeitet. Er gilt als Erfinder der ambient music, vertont Filme, Räume, ganze Galaxien. Kurz nach seinem 70. Geburtstag befreit er sich - so empfindet er es - von Missverständnissen und Mythen.

Von Marcel Anders

Der Musiker und Klangkünstler Brian Eno bei der Vorstellung der Installation "Empty Formalism" im Martin-Gropius-Bau.  (picture alliance / Jörg Carstensen)
Der Musiker und Klangkünstler Brian Eno bei der Vorstellung der Installation "Empty Formalism" im Martin-Gropius-Bau. (picture alliance / Jörg Carstensen)

Musik: Coldplay – "Viva La Vida"

Es gibt Interviews und es gibt Interviews. Die einen sind lockere Gespräche. Die anderen Begegnungen mit Menschen, denen eine furchteinflößende Reputation vorauseilt. Die als nicht sonderlich kommunikativ gelten. Wie Brian Peter George St. John le Baptiste de la Salle Eno. Der 70-jährige Brite gilt sogar als echter Journalistenschreck. Was sich schon vor dem Treffen im Berliner Gropiusbau andeutet. Dort präsentiert sein Manager Ray Hearn zunächst die aktuelle Eno-Installation "Empty Formalism"- eine Kuppel mit Leinwänden und 52-Kanal-Lautsprechersystem, unter der liquide Bilder zu atmosphärisch-warmen Klängen zu bewundern sind. Dann erteilt Hearn strikte Verhaltens- und Benimmregeln für das Gespräch: Eno rede nicht gerne über die Vergangenheit, über seine Zeit mit Roxy Music und seine Tätigkeit als Produzent. Für ihn sei die Vergangenheit passé, ein abgeschlossener Teil seiner Karriere. Lieber konzentriert er sich auf die Gegenwart, auf Gesellschaft, Politik, aber auch seine Kunst. Sollte ich mich nicht daran halten, würde ich einen Abbruch riskieren.

Nichts vom Paradiesvogel der 70-er Jahre

Dann erscheint Eno selbst. Ein kleiner, kompakter Mann. Etwa 1,70 Meter, stabil gebaut, im eleganten schwarzen Designer-Anzug, mit offenem weißen Hemd, Sneakern und roter Designer-Brille. Unter der grauen Schiebermütze verbirgt sich ein kahler Schädel mit denselben grauen Stoppeln wie auf seinem Kinn. Eno hat so gar nichts vom Paradiesvogel der 70-er, als er Glitzerklamotten zu Federboas getragen hat. Er wirkt eher wie ein Immobilienmakler, ein Bank-Manager oder ein Professor.

Schließlich steht er für die intellektuelle Seite der U-Musik. Der Akademiker, Denker, Tüftler. Der Mann mit innovativen Ideen, die vor ihm noch keiner entwickelt hat. Der Rockstars aus der Sinnkrise führt und einen Ruf genießt, der ihm eher unangenehm ist.

Brian Eno: "Es ekelt mich geradezu an, wenn mich Leute in einen Guru verwandeln wollen. Das ist immer eine unangenehme Situation für mich – weil ich schlichtweg nicht weiß, was ich ihnen sagen soll. Ich weiß nicht, wie sich Gurus verhalten. Also bin ich darin auch nicht besonders gut."

Und doch: Im Gespräch kommt Eno dem Guru sehr nahe. Er redet ruhig, aber eindringlich. Mit warmer, sonorer Stimme – während er gleichzeitig mit einem Bleistift auf einem Notizblock herumkritzelt. Zwischendurch fixiert er mich mit festem Blick. Ab und zu lacht er auch - vorzugsweise über seine eigenen, trockenen Witze. Kein normaler Interview-Partner, sondern eine Audienz beim Maestro, bei einer Koryphäe seines Fachs - der elektronischen Musik. So sieht er sich auch selbst.

Musik: Roxy Music - "Do The Strand"

Der Elektro-Wizzard

Brian Eno ist ein Nachkriegskind. Als Sohn eines Postboten wächst er in einer Kleinstadt unweit von Ipswich auf - im Südwesten von England. Ein introvertierter, hochintelligenter, künstlerisch begabter Junge, der später Kunst und Sprachen studiert. Mit 20 gründet er seine erste Band – die Kunstrock-Gruppe Roxy Music. Dort ist er Keyboarder, Backgroundsänger und Tontechniker. Er trägt Plateauschuhe, Glitzeranzüge und Make-Up. Ein Fantasie-Wesen in bester Glam-Rock-Manier. Aber: Er ist kein Musiker im klassischen Sinne, hat kein Interesse am Tourleben und schon gar nicht am gemeinsamen Komponieren. Eno ist eher ein Einzelgänger. Folglich erklärt er schon nach zwei Alben, nach "Roxy Music" und "For Your Pleasure", seinen Ausstieg. Bryan Ferry erinnert sich:

Bryan Ferry: "Wir waren zwei Jahre lang eng miteinander verbunden - nämlich 1972 und 73, als wir Roxy Music entwickelt haben. Das war eine sehr intensive Phase - bis das Ganze irgendwann implodiert ist. Dann ist er seiner Wege gegangen - und ich meiner."

Musik: "Third Uncle"

Enos erste Alleingänge floppen. Sie folgen noch klassischen Rockstrukturen, von denen er sich im Laufe der Zeit immer weiter löst. Eno tendiert zum Experimentellen, Instrumentalen, Minimalistischen. Bis er auf "Discreet Music" und "Music For Airports" mit einem reinen Flow an elektronischen Klängen aufwartet: Ohne Rhythmus, ohne Beats, ohne Gesang, ohne traditionelle Struktur. Aber mit dem Hang zum Ruhigen, Getragenen, Hypnotischen, Meditativen. Der Beginn der sogenannten Ambient-Musik. Ein eigenständiges, von Eno initiiertes Genre, das über die Jahrzehnte viele Freunde und Imitatoren findet. Für Eno ist es reines Mittel zum Zweck. Er muss viel reisen, leidet aber unter Flugangst und chronischer Schlaflosigkeit. Also komponiert er Klänge zum Entspannen und Abschalten.

"Wenn ich mir die Kunstwerke vor Augen führe, die in verschiedenen Phasen meines Lebens entstanden sind, dann ging es mir eigentlich immer nur darum, etwas zu kreieren, das ich gerade – in dem speziellen Moment - vermisst habe. Die ruhigste Musik, die ich je gemacht habe, entstand zum Beispiel zu der Zeit als ich in New York gewohnt habe. An einer der verkehrsreichsten Kreuzungen der Stadt. Unter meinem Loft fuhren ständig große LKWs vorbei. Weshalb es sehr laut war und das Gebäude von Zeit zu Zeit regelrecht gewackelt hat. Trotzdem habe ich ausgerechnet dort "On Land" aufgenommen - ein leises Album, das klingt als wäre es in der Natur entstanden. Es ging mir darum, einen Ort zu erschaffen, an dem ich gerne wäre, aber nicht bin."

Musik: "Final Sunset"

Seine Vita als Mitinitiator von Roxy Music und Aussteiger in Sachen Rockmusik begründen Enos Ruf als Querdenker, Totalverweigerer und Visionär. Obwohl er kein Virtuose auf irgendeinem Instrument ist, genießt er gerade unter Musikerkollegen enormen Respekt. Das schlägt sich in der Zusammenarbeit mit Krautrockern wie Cluster, aber auch mit John Cale, Daniel Lanois, Robert Fripp oder seinem Bruder Roger nieder. Zudem nimmt Eno Soundtracks zu Kultfilmen wie "Trainspotting" auf, komponiert die Erkennungsmelodie für Microsoft, wagt sich an Ethno, Trance, World Beat und tritt als eine Art Künstler-Berater auf. Schließlich braucht jeder Mal einen neuen Sound, eine neue Identität oder zumindest ein Update. Sei es, weil ursprüngliche Ideen ausgereizt und erschöpft sind. Oder weil es Zeit für etwas Neues, Anderes ist. Wie bei David Bowie, der Eno 1977-79 in seine Wahlheimat an der Spree bittet – und mit ihm die sogenannte Berlin-Trilogie entwickelt. Auf Alben wie "Low", "Heroes" und "Lodger" ist Eno nicht Produzent, sondern Ideen-Geber und Co-Autor von Stücken wie diesem:

Musik: David Bowie "Heroes"

Superstar-Produzent

"Heroes" macht Eno zum gefragten Mann der Musikindustrie - bis heute. Er ist der Feuerlöscher, wenn es mal brennt. Der Katalysator, wenn Ideen nicht richtig zünden. Und der Retter, wenn alles schiefläuft. Darin sieht er zwar nicht seine Berufung, aber es ist eine spannende, weil vielseitige Tätigkeit. Eine Möglichkeit, seinen Lebensunterhalt zu verdienen und nicht zuletzt seine eigenen Musikprojekte zu finanzieren. In den 80-ern, 90-ern und 2000-ern arbeitet er mit den Talking Heads, U2, Belinda Carlisle, Dido, Sinead O´Connor, Grace Jones und vielen anderen. Er führt David Byrne in die afrikanische Musik ein, lotst Damon Albarn und Blur aus der Britpop-Sackgasse, lässt Coldplay mit spannenden Sounds experimentieren und zeigt Bono eine sphärische Alternative zum Post-Punk auf.

Bono: "Nach dem "War"-Album wollten wir mehr Farbe ins Spiel bringen - wir wollten sehen, wie weit wir das Ganze führen können. Und da wir Brians Arbeit sehr inspirierend fanden, haben wir halt gesagt: 'Lasst uns ihn anrufen.' Doch er lehnte ab - obwohl wir behauptet haben, die beste Band der Welt zu sein. Er meinte, er hätte keine Lust mehr auf Rockmusik. Und wir: "Da geht es uns nicht anders. Komm vorbei und lass uns etwas machen, das nichts mehr damit zu tun hat." Darauf hat er sich eingelassen – und ist so schnell nicht wieder gegangen. Eno ist das Beste, was uns passieren konnte - eben unser George Martin."

Musik: U2 "Wire"

Musik: Talking Heads "Once In A Lifetime"

Trotz seiner Reputation: Eno will nicht nur berühmte Kollegen nach vorne bringen, sondern auch eigene Musik produzieren. Mit stoischer Ausdauer veröffentlicht er Alben, die kreativen statt kommerziellen Zielen folgen. Die Werke erscheinen zum Teil bei unabhängigen Kleinstlabels und sind nicht selten Soundtracks zu Kunstprojekten. Zu Ausstellungen und Events aller Art. Eno ist ein musikalischer Hans-Dampf-in allen Gassen - fühlt sich in seiner öffentlichen Wahrnehmung aber grundlegend missverstanden und auf einen Teilaspekt seines Schaffens reduziert.

"Ich verstehe durchaus, dass mich die Leute mit dem assoziieren, was mich bekannt gemacht hat. Trotzdem reagiere ich manchmal ein bisschen gereizt darauf. Gerade in England, wo alle denken, ich wäre ein Musiker, der in seiner Freizeit Kunst produziert - als reines Hobby. Das stimmt so nicht - und deshalb konzentriere ich mich erst einmal auf meine Installationen. Die erste habe ich schon 1968 angefertigt, vor 50 Jahren."

Musik: "What Actually Happened?"

Der Erfinder

Aber Eno ist auch Erfinder und Klangtüftler. Schon 1967 entwickelt er ein sogenanntes "Tape-Delay-System" mit zwei verbundenen Revox-Tonbandmaschinen, die einen räumlichen Echo-Effekt erzielen. Seine Installationen mit ständig wechselnden Bildern und endlosen Soundschleifen sind in den renommiertesten Galerien und Museen der Welt zu bewundern. In britischen Krankenhäusern werden sie sogar zur Therapie eingesetzt.

"In der heutigen Welt passiert so viel. Da müssen wir uns auch mal hinsetzen, durchatmen und alles sacken lassen. Das ist es, was die Leute bei meinen Installationen finden. Und ich bin fasziniert davon, wie viele bereit sind, ihre Zeit mit etwas zu verbringen, bei dem nicht viel passiert – im Vergleich zu gängiger Unterhaltung. (lacht) Denn da tut sich nichts, es gibt keine Handlung, keine Geschichte, keine verbindenden Elemente. Das wird schon nach zwei oder drei Minuten klar. Trotzdem bleiben sie lange und scheinen damit glücklich zu sein."

Demselben Ansatz folgt die von Eno entwickelte Software "77 Million Paintings". Sie bietet 77 Millionen unterschiedliche Farb- und Form-Variationen - unterlegt mit sogenannter "Generative Music". Endlose Klangschleifen, die zwar monoton und hypnotisch anmuten, aber nie identisch sind.

"Wiederholung ist eine Form von Veränderung. Spielt man zum Beispiel ein endloses Loop mit einer Sprachaufnahme ab - wie ein simples "something like" - fängt man nach einer Weile automatisch an, etwas anderes zu hören. Wie "sunlight", "I am light", "light me up". Sprich: Die Bedeutung verändert sich. Und das liegt am Gehirn, das durch die permanente Wiederholung so gelangweilt ist, dass es daraus etwas anderes macht. Insofern ist Wiederholung eine Chance für das Gehirn, zum Komponisten von etwas Neuem zu werden."

Musik: "Silver Morning"

Der Schlüssel zu Enos Arbeit ist die Technik. Er ist ein Fan von Computern und Mobiltelefonen als Speichermedium für Daten, Bilder, Ideen und Klänge. Er schätzt das Internet und soziale Medien, weil sie seine Arbeit erleichtern. Und er nutzt sie gezielt, um seinerseits Neuerungen in Musik und Kunst einzuführen. Denn darin sieht er seine wahre Berufung - als Pionier, der Spuren hinterlässt. Eno geht es nicht ums Geld, sondern um Anerkennung. Er möchte nicht nur beachtet werden. Er möchte in die Geschichtsbücher eingehen.

"Ich bin wie einer diese Entdecker, die Neuland betreten und eine Fahne in den Boden rammen, um ihre Besitzansprüche geltend zu machen. Das war mir schon immer wichtig – selbst, wenn es egoistisch ist. Aber zumindest bin ich ehrlich. Ich denke, Leute arbeiten entweder für Geld oder für Ruhm. Und ich arbeite für Ruhm. Es ist eine fantastische Sache, fast 70 zu sein und noch wie ein Kind denken und spielen zu können. Das ist es, was ich tue. Ich bin ein Kind mit einem Malkasten."

Doch mit inzwischen 70 Jahren hat er auch das Gefühl, dass ihm langsam die Zeit wegläuft. Dass er nicht mehr alles umsetzen kann, was er sich vorgenommen hat. Dass sein Alter ihn ausbremsen könnte. Sein aktuelles Boxset "Music For Installations" ist eine Reaktion darauf - fünfeinhalb Stunden Material, verteilt auf 24 Stücke und sechs CDs oder neun LPs. Nur ein Bruchteil dessen, was noch in seinen Archiven schlummert.

"Ich habe eine Menge Musik gemacht, die ich nie veröffentlicht habe. Und das ist ein Problem. Ich habe zum Beispiel eine Welt aus neuer, rhythmischer Musik geschaffen, mit der ich nicht so recht weiß, was ich damit anfangen soll. Ich würde sie gerne jemandem geben und sagen: ´Hör dir diese umwerfenden Rhythmen an - und leg ein bisschen Musik darüber." Das wäre mein Traum. Nach dem Motto: 'Mach du das fertig.'"

Je länger das Gespräch mit Eno dauert, umso lockerer und redseliger wird er. Desto mehr zeigt er, dass er gar nicht so griesgrämig und schwierig ist, wie gemeinhin behauptet. Er ist eher ein Kopfmensch als ein Kumpel-Typ. Ein Stratege, der die Rock- und Popmusik der letzten 45 Jahre entscheidend mitgeprägt hat - und für ein gewaltiges, heterogenes Oeuvre steht. Allein dafür verdient er Anerkennung und Respekt.

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