Donnerstag, 29. Februar 2024

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Alphabet meines Lebens

"Schriftsteller sind Menschen, die unter allen Umständen schreiben wollen - das Was ist nicht so wichtig wie das Dass." - sagt einer, der es zu einem Namen gebracht hat im Literaturbetrieb, aber zeitlebens jenen Beruf ausübte, zu dem er sich schon als Pennäler hingezogen fühlte: Lehrer. Ein Altphilologe aus Passion, Antikenliebhaber, ein Botschafter auf verlorenem Posten. Was macht so einer in einer vorwärtsdrängenden Welt, die von ihren kulturellen Wurzeln nur noch soviel wissen möchte, wie es sich ohne Anstrengung zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang heben läuft? Er blickt zurück. Das richtige, nämlich das Pensionsalter hat er dazu erreicht, gerade fünfundsechzig geworden, im Stimmgewirr der Autobiographen ein junger Mann. Unter siebzig, gar fünfundsiebzig, achtzig schwingt selten einer seine Feder in eigener Sache, man ist noch jung, aktiv und könnte was fürs endgültige Resümee verpassen. Manch einer beginnt mit fünfundsechzig ja erst die Fernsehkarriere - wovor Albert von Schirnding gewiss gefeit ist. Diese Sirenen locken nicht, denn Schirnding - seine Leser in der "Süddeutschen Zeitung" wissen das - ist nicht nur Altphilologe, sondern auch ein sympathischer Anachronismus. "So", könnte man seinen Kindern erläutern, "so hat das Bildungsbürgertum einmal ausgesehen." Und hoffen, dass sie es faszinierend finden, wenn einer aus den Tiefen der abendländischen Überlieferung schöpft.

Florian Felix Weyh | 10.04.2000
    Angefangen hat alles natürlich mit hochfahrenden Plänen. Der junge Mann aus gutem Regensburger Hause liebte die Antike und schrieb Gedichte. Als der erste Band Ende der fünfziger Jahre bei Hanser herauskam, schien die literarische Karriere geglückt - von der man im kleinen, künstlerisch orientierten Freundeskreis selbstgewiss ausging. Doch der junge Dichter blieb vorsichtig. "Wie gelangt man", fragt er sich vierzig Jahre später, "aus der glorreichen Höhenlage der Präexistenz ins Flachland des gewöhnlichen Lebens?" Nein, nicht Seichtigkeit wird hier das Wort geredet, sondern der Entwicklungsaufgabe, pubertäre Grandiositätsphantasien zu überwinden und sie in ein interessantes, ausgefülltes Leben zu überführen. Wenn Bildung überhaupt zu etwas taugt, dann der narzisstischen Kränkung standzuhalten, dass man kein Genie ist. Sehr wohl aber von den Geniestreichen anderer profitieren kann.

    So führte Albert von Schirnding als Rezensent und Essayist ein aktives Leben in jenen Gefilden, die man gerne als "sekundär" bezeichnet. Im Laufe der Jahre verblassen die Primärtexte manchmal schneller als die Rezensionen darüber; wer sich Generalist einer Epoche verschreibt, hat gute Chancen mit diesem Bericht länger präsent zu sein als die einzelnen Autoren. Schirndings Zeit waren die späten fünfziger und frühen sechziger Jahre, vielmehr: die bis weit in die Siebziger hinein existierende Parallelwelt einer Literatur, von der nicht mehr allzuviel Notiz genommen wurde. Als einziger der Stars aus den Fünfzigern erlebte Ernst Jünger hochbetagt ein Revival seiner Literatur, die meisten Innerlichkeitsliteraten der unmittelbaren Nachkriegszeit wurden von der Medieninszenierung der "Gruppe 47" derart überrollt, dass sich ihrer heute kaum noch die Germanisten erinnern. Wiechert, Carossa, Jünger, Bergengruen - das war Albert von Schirndings Jugendmilieu. Letzterer etwa schockierte den für literarische Aura-Bildung empfänglichen Knaben damit, dass er um ein Haar "Brutzer" statt "Bergengruen" geheissen hätte - denkbar vielleicht für einen Werbetexter, niemals aber für einen Dichter.

    Ja, um Dichter geht es in diesem Buch, nicht etwa um Autoren oder Schriftsteller. Wie ein Rufer aus ururalten Zeiten kommt einem der Verfasser vor, so fernab hinter Nebeln und Spinnweben spielen sich seine geistigen Lehr- und Wanderjahre ab. Doch Schirnding war ein junger Mann, als er den gesetzten Herrn aus der Nachkriegsliteratur entgegentrat, er hat - wie er an einer Stelle vermerkt - den Bahnsteig zum Zug der Zeit schlichtweg verpasst. Da half auch keine Freundschaft mit Walter Jens in Tübingen, die Zeitgenossen entfernten sich im Sauseschritt - für einen Altphilologen nicht unbedingt katastrophal. Auch der Leser dieser Autobiographie profitiert von der randständigen Position des Autors im Literaturbetrieb - wenn, ja wenn er die nötige Bildung mitbringt. Dann eröffnet sich ihm eine faszinierende, untergegangene Welt aus Werten und Ritualen, wie sie im Medienzirkus unserer Tage kaum mehr existieren. Dem freilich entzieht sich auch der konservative Albert von Schirnding nicht. "Ein Dichter", sagt er, "darf verstummen. Ein verstummter Kritiker ist tot."